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Dauerfeier für Hajusom

Publikumserfolg  „das gender_ding“ – mit Hajusom und dem Nachwuchs Neue Sterne

Publi­kums­er­folg „das gender_ding“ – mit Haju­som und dem Nach­wuchs Neue Sterne

Interview: Oliver Törner | Foto: Saskia Gottstein

Haju­som wird 15 Jahre alt – und feiert gleich ein ganzes Jahr lang. Eines der High­lights: am 7.9.2014 erhält das trans­na­tio­nale Hambur­ger Perfor­mance-Projekt den renom­mier­ten Max-Brauer-Preis. GODOT gratu­liert und fragt nach.

Das Jubi­lä­ums­jahr von Haju­som füllt sich: mit einem Festi­val im Novem­ber, einer Buch-Veröf­fent­li­chung, einem Austausch mit Burkina Faso und nun der Verlei­hung des Max-Brauer-Prei­ses. Der mit 20 000 Euro dotierte Preis ehrt Akteure, die das kultu­relle, wissen­schaft­li­che oder geis­tige Leben Hamburgs mit ihrem Enga­ge­ment prägen. „Das Ergeb­nis der Arbeit von Haju­som ist faszi­nie­rend. Der Verein ist ein außer­ge­wöhn­li­ches Beispiel von indi­vi­du­el­lem Enga­ge­ment – sowohl der Initia­to­rin­nen als auch der sozial meist im Abseits stehen­den, aber hoch moti­vier­ten Jugend­li­chen. Dieses Hambur­ger Projekt hat Vorbild­funk­tion und ist deshalb ein würdi­ger Max-Brauer-Preis­trä­ger“, erklärt Cord Sürie vom Max-Brauer-Preis­ku­ra­to­rium.

Mehr als 200 junge Menschen unter­schied­li­cher Herkunft haben zusam­men mit den Initia­to­rin­nen und künst­le­ri­schen Leite­rin­nen Ella Huck und Doro­thea Reini­cke die Iden­ti­tät von Haju­som seit dem Grün­dungs­jahr 1999 geformt. Gemein­sam mit inter­na­tio­nal aner­kann­ten Musi­kern, Drama­tur­gen, Philo­so­phen, Thea­ter­leu­ten und bilden­den Künst­lern sind zahl­rei­che, preis­ge­krönte Produk­tio­nen entstan­den.

GODOT stellte Haju­som 15 Fragen zum Geburts­tag. Doro­thea Reini­cke hat sie beant­wor­tet.

Gab oder gibt es Vorbil­der für Haju­som?
Als wir Haju­som vor 15 Jahren grün­de­ten, gab es unse­res Wissens keine vergleich­bare Perfor­mance­gruppe oder ein Kunst­pro­jekt, das wie wir mit jungen Geflo­he­nen profes­sio­nell künst­le­risch arbei­tet; und – je länger wir dabei blie­ben – das vor allem über den Zeit­raum von Jahren seine Mitglie­der konti­nu­ier­lich beglei­tet. Das ist bis heute so. Es gibt zwar mitt­ler­weile eine Viel­zahl von Projek­ten, auch an großen Thea­ter­häu­sern, die das Thema Migra­tion und Flucht spätes­tens seit Lampe­dusa für sich entdeckt haben und dazu spezi­elle Formate entwi­ckeln; aber das sind tempo­räre Projekte, die nach ein paar Mona­ten abge­schlos­sen sind.

Ist die Anlei­tung zu Performing Arts eine etwas andere Form von Sozi­al­ar­beit?
Wir arbei­ten als Künst­le­rin­nen mit den jungen Perfor­me­rIn­nen, es ist das, was wir gelernt haben. Und das ist auch der Schlüs­sel, um ihr Vertrauen zu gewin­nen, dass sie sich in ihren künst­le­ri­schen Talen­ten und Ausdrucks­fä­hig­kei­ten gefor­dert fühlen. Zudem basie­ren bei uns die künst­le­ri­schen Prozesse auf kollek­ti­ven Arbeits­wei­sen, in denen gleich­be­rech­tig­ten Kommu­ni­ka­ti­ons­wei­sen prak­ti­ziert werden, was für alle Betei­lig­ten, auch für uns als Leite­rin­nen, von großer Bedeu­tung ist. Wenn soziale Arbeit meint, solche Dialog­for­men auch in öffent­lich wahr­ge­nom­me­nen und aner­kann­ten Kunst­pro­jek­ten zu prak­ti­zie­ren und weiter zu entwi­ckeln, dann ist die Frage nicht nur mit ja zu beant­wor­ten, sondern dann sind hier einmal mehr die entspre­chen­den Schub­la­den „Kunst“/ „Soziale Arbeit“ gesprengt. Die Frage hätte auch lauten können, ob Anlei­tung / Praxis von Performing Arts womög­lich eine etwas andere Form von poli­ti­scher Arbeit sei – auch diese Kate­go­rie befin­det sich bei Haju­som auf einer offe­nen Schnitt­flä­che und nicht im geson­der­ten Käst­chen.

Haben die Jugend­li­chen, die zu Haju­som kommen, nicht ganz andere Unter­stüt­zung nötig als Performing Arts?
Ja, haben sie und die bekom­men sie bei Haju­som auch. Ganz konkret den Kontakt zu einem guten Anwalt, zu Psycho­lo­gIn­nen, Hilfe bei der Vermitt­lung zu einem Prak­ti­kums­platz usw. – all diese Dinge leis­tet Haju­som mit seinem über die Jahre gewach­se­nen Netz­werk neben der künst­le­ri­schen Arbeit auch. Aber wegen all ihrer oft mit Stress, Diskri­mi­nie­rung und Frus­tra­tion verbun­de­nen gesam­ten Lebens­um­stände hier brau­chen sie dann aller­dings auch und vor allem einen Ort, wo es um etwas ganz ande­res geht: nämlich um Kunst!, und das bedeu­tet bei Haju­som zugleich: Spaß, Freund­schaf­ten, Fami­li­en­le­ben, Reisen, Heraus­for­de­run­gen, Perspek­tive usw. usw.

Ist der soziale Aspekt der Arbeit auch eine Grund­lage des Erfolgs in der Öffent­lich­keit?
Wir glau­ben, dass der Erfolg des Projekts in den Produk­tio­nen, die gemein­sam entste­hen, begrün­det liegt, das heißt ganz konkret in unse­rer künst­le­ri­schen Arbeit, die über die Jahre einen bestimm­ten Stil, eine bestimmte Formen­spra­che entwi­ckelt hat. Darüber hinaus ist für das Publi­kum bei allen Haju­som-Produk­tio­nen ein ähnli­cher Spirit zu spüren, in dem sich eine visio­näre Kraft vermit­telt: da ist eine Gruppe sehr vieler verschie­de­ner Menschen mit unter­schied­li­chen spezi­el­len Fähig­kei­ten zusam­men­ge­kom­men, die sich über lange Produk­ti­ons­zeit­räume von bis zu zwei Jahren inter­dis­zi­pli­när, soli­da­risch und in großer Offen­heit der Produk­tion von Kunst verschrie­ben haben – solche Bedin­gun­gen sind außer­or­dent­lich und erzeu­gen eine beson­dere Quali­tät der Arbeit, die sich glei­cher­ma­ßen durch Tiefe und Leich­tig­keit auszeich­net. Natür­lich ist auch der inhalt­li­che Aspekt wich­tig: Egal, ob das Thema einer Perfor­mance direkt mit dem Thema Migra­tion zu tun hat oder nicht – die indi­vi­du­el­len Erfah­run­gen der Darstel­le­rIn­nen flie­ßen indi­rekt immer in eine Produk­tion ein und machen deren aktu­elle Rele­vanz neben der ästhe­ti­schen Umset­zung mit aus. Dieser „impact“, diese Kraft der Perfor­man­ces trifft dann ein Publi­kum, das unab­hän­gig von Alter, „Hinter­grund“ oder „Klasse“ begeis­tert reagiert, sich eben­falls öffnet und eine Ener­gie mit den Menschen auf der Bühne teilt, die etwas Neues, Kämp­fe­ri­sches und Hoff­nungs­vol­les in sich trägt.

Welche äuße­ren Hinder­nisse muss­ten anfangs beson­ders über­wun­den werden?
Vor allem finan­zi­elle. Obwohl wir von Anfang an sowohl großen Erfolg in der Öffent­lich­keit als auch in der indi­vi­du­el­len Beglei­tung unse­rer Perfor­me­rIn­nen bei der Entwick­lung ihrer Zukunfts­per­spek­ti­ven hatten, also hervor­ra­gend Berichte über all diese komple­xen Prozesse schrei­ben konn­ten, war die Finan­zie­rung unse­rer Arbeit vor allem wegen ihrer – notwen­di­gen – Konti­nui­tät extrem mühsam und teil­weise zermür­bend. Die Förder­struk­tu­ren sind auf tempo­räre Projekte ausge­rich­tet, die Behör­den der Stadt koope­rier­ten lange Zeit nicht mitein­an­der, eben wenn es darum ging, ein Projekt zu unter­stüt­zen, das sowohl künst­le­ri­sche als auch soziale Aspekte abdeckt: den einen waren wir zu sozial (weil „Laien“ agier­ten), die ande­ren mein­ten, das sei ja nur Kunst, was wir machen … – zum Glück hat sich das in den letz­ten drei Jahren verbes­sert, u.a. wohl auch, weil wir 2011 den Inno­va­ti­ons­preis des Fonds Sozio­kul­tur gewon­nen haben und renom­mierte Festi­val-Einla­dun­gen erhiel­ten.

„Es erfüllt uns mit großer Freude zu sehen, wie sich Haju­som in den letz­ten 15 Jahren entwi­ckelt hat. Haju­som hat viele starke Persön­lich­kei­ten geför­dert, viele Perfor­mer und Perfor­me­rin­nen sind gemein­sam mit dem Projekt erwach­sen gewor­den. Wir haben mit unse­rem trans­na­tio­na­len Ensem­ble immer wieder neuar­tige Formate auf natio­nale und inter­na­tio­nale Bühnen gebracht und viel mehr erreicht, als wir es uns je erträumt hatten“, so Ella Huck, eine der Künst­le­ri­schen Leite­rin­nen von Haju­som. Was hatte sie sich denn erträumt?
Korrek­tur: Wir hatten es uns erträumt. Und auch daran geglaubt, dass die Zeit jetzt da ist für genau diese Form von Perfor­mance-Thea­ter mit diesen Akteu­ren. Aller­dings sind wir zwischen­durch von Zwei­feln erschüt­tert worden, ob wir es schaf­fen, das Projekt durch­zu­kämp­fen, bei so viel Zittern um seine Exis­tenz. Dass wir jetzt mit einem Projekt daste­hen, das nicht nur aus dem Ensem­ble Haju­som besteht, sondern auch aus einer Nach­wuchs­gruppe NEUE STERNE (die gerade erfolg­reich ihre erste abend­fül­lende Produk­tion „das gender_ding“ auf Kamp­na­gel vor ausver­kauf­ter Halle gezeigt hat), einer Musik­gruppe, einer Jungs-Tanz­gruppe, einer Gruppe, die sich der Kunst des Kochens widmet – und dass all das (und es ist noch nicht alles erwähnt) in erwei­ter­ten und selbst ausge­bau­ten Räum­lich­kei­ten im Bunker an der Feld­straße regel­mä­ßig statt­fin­det – das war so genau im Traum nicht vorge­se­hen.

Vom Elbkul­tur­fonds kamen 64 000 Euro Förde­rung für IF WE RULED THE WORLD – Festi­val und Trans­for­ma­ti­ons­camp. Was wird das und wann kommt es?
Eine große „Gala-Perfor­mance“ mit einem Best of Haju­som und neuen Sequen­zen, wie etwa Choreo­gra­fien, die mit dem Tänzer Taigué Ahmat aus dem Tschad entstan­den sind. Die Perfor­mance mündet in die Insze­nie­rung eines „Dinner for All“, zu dem das gesamte Publi­kum einge­la­den ist, mit Spei­sen aus der Haju­som-Küche und weite­ren Darbie­tun­gen; es wird eine begeh­ba­ren Raum-Instal­la­tion zu den Migra­ti­ons­be­we­gun­gen von Haju­som-Akteu­ren mit inte­grier­ten Audio- und Video-Statio­nen und live-Perfor­man­ces geben und eine Konfe­renz u.a. mit Beiträ­gen zur Rele­vanz trans­na­tio­na­ler künst­le­ri­scher Arbeit, Geld und Macht/Critical Whiteness; außer­dem Kino, mit Filmen über die Arbeit von Haju­som in 15 Jahren, Konzerte, Party, Wieder­auf­nah­men, eine Kunst­ak­tion im Freien usw. – alles vom 28. bis 30. Novem­ber 2014 auf Kamp­na­gel.

Wie ist der Kontakt zu Hambur­ger Thea­ter­ma­chern?
Wir koope­rie­ren seit Jahren mit eini­gen Hambur­ger Thea­ter­ma­che­rIn­nen, Regis­seu­rIn­nen Choreo­gra­fIn­nen, wie Katha­rina Ober­lik oder Frie­de­rike Lampert und Can Gülec, die dann produk­ti­ons­be­zo­gen Teil des Teams sind. Wir teilen uns Proben­räume mit dem Thea­ter „Meine Damen und Herren“ der Stif­tung Alster­dorf, die ebenso wie wir mit Kamp­na­gel kopro­du­ziert, arbei­ten manch­mal mit Teilen der Gruppe auch in Produk­tio­nen mit ihnen zusam­men, wie in der laufen­den Spiel­zeit mit einem Kinder­thea­ter­stück „Gans der Bär“. Wir verste­hen unsere gemein­sam genutz­ten Räum­lich­kei­ten als inte­gra­tive Produk­ti­ons­stätte für Perfor­mance-Kunst. Haju­som ist Mitglied im Dach­ver­band Freier Thea­ter­schaf­fen­der, dort aller­dings nicht in vorders­ter Reihe aktiv.

Wieso zielt Haju­som auch auf über­re­gio­nale und inter­na­tio­nale Bühnen?
Wir glau­ben, dass unsere Produk­ti­ons­wei­sen und die entste­hen­den Formate auf Grund der beson­de­ren Konstel­la­tion der jungen Perfor­mer – fast alle people of color – und aller Betei­lig­ten, oft inter­na­tio­na­len Künst­le­rIn­nen inhalt­lich und ästhe­tisch für sehr viele Menschen von großem Inter­esse sind. Dieses Inter­esse möch­ten wir bedie­nen und auch unsere Exper­tise weiter­ge­ben, weswe­gen wir etwa in Festi­val-Zusam­men­hän­gen unsere Arbeit präsen­tie­ren und auch Work­shops geben: übri­gens von unse­ren Perfor­me­rIn­nen gelei­tet, nicht von den künst­le­ri­schen Leite­rin­nen. Außer­dem koope­rie­ren wir gerade zum wieder­hol­ten Male mit Künst­le­rIn­nen aus den Herkunfts­re­gio­nen unse­rer Perfor­mer: Wir werden über Neujahr mit dem Ensem­ble zwei Wochen in Burkina Faso sein, um dort eine Work-in-Progress-Produk­tion mit jungen Künst­le­rIn­nen aus Ouag­adou­gou zu star­ten, die im März 2015 auf Kamp­na­gel zu Ende gestellt und präsen­tiert werden wird; ein von der Kultur­stif­tung des Bundes finan­zier­tes Projekt, das alle Mitfah­ren­den sehr bewegt und begeis­tert und das auch so ein Traum ist, der nun reali­siert werden kann.

Was schät­zen die Jugend­li­chen an Haju­som beson­ders?
Ihre entspre­chen­den State­ments können auf der Start­seite unse­rer Site hajusom.de nach­ge­le­sen werden. Ein paar Beispiele, die ich im Kopf habe: Dass man sein Heim­weh vergisst, dass es eine zweite Fami­lie ist, dass man hier kein Flücht­ling mehr, sondern Künst­ler ist. Ich schätze mal auch ein Grund könnte sein, dass man mit Haju­som super Parties machen kann; dass man um Auto­gramme gebe­ten wird; dass wir zusam­men verrei­sen. Dass alle verant­wort­lich sind. Viel­leicht auch, dass wir uns strei­ten und versöh­nen können.

Welche Probleme erge­ben sich bei der Arbeit mit Menschen mit sehr unter­schied­li­chen kultu­rel­len Hinter­grün­den?
Es erge­ben sich eher Chan­cen, denn die Unter­schiede sind ja per se kein Problem, erst recht nicht in der künst­le­ri­schen Produk­tion. Wenn bei uns Probleme und Konflikte auftau­chen, werden sie in der Gruppe oder auch einzeln vor- und nach­be­spro­chen und disku­tiert, um Verhal­tens­wei­sen zu erklä­ren und nach­voll­zieh­bar für alle zu machen. Es haben sich im Laufe der Zeit Rituale und Regeln entwi­ckelt: der Kreis, in dem wir bei diesen Anläs­sen sitzen, das Sich-Zuhö­ren und Ausspre­chen lassen, das Shake­hands am Ende usw. All das ist Teil des Lern- und Wachs­tums­pro­zes­ses, in dem wir alle stehen, der die Arbeit berei­chert und die Botschaft schärft. Dass es nämlich sehr viel mehr Schnitt­flä­chen zwischen den Menschen gibt als Gräben, die wirk­lich unüber­wind­lich sind. Wir haben uns bei unse­rer Bolly­land-Produk­tion 2011 z. B. expli­zit mit den Grund-Emotio­nen beschäf­tigt – sie sind univer­sal. Oder bei „Kinder Regen­ma­cher“ (2004), wo es um wech­sel­sei­tige kultu­relle Zuschrei­bun­gen ging zwischen dem asia­ti­schen und afri­ka­ni­schen Teil der Gruppe: am Ende erga­ben sich erstaun­li­che Erkennt­nisse über angst­ein­flö­ßende – vermeint­li­che – Unter­schiede … Außer­dem arbei­ten wir bei Neuein­stei­ge­rIn­nen mit Über­set­ze­rIn­nen aus dem alten Ensem­ble, die nicht nur die Spra­che über­set­zen, sondern auch die acht­sa­men Umgangs­wei­sen bei Haju­som vermit­teln – auch hier ergibt sich kein Problem, sondern einfach Mensch­lich­keit. Und meis­tens sind die verschie­de­nen Leute bei uns neugie­rig aufein­an­der und schot­ten sich nicht gegen­sei­tig vonein­an­der ab.

Führt der über­re­gio­nale Erfolg mit Gast­spie­len und Touren nicht zu einer Über­las­tung der Jugend­li­chen; ist Haju­som für die Akteure mit ihren ande­ren Aufga­ben in Schule und Beruf verein­bar?
Ja, es ist manch­mal anstren­gend für die Perfor­mer, beson­ders auch die tägli­chen Block­pro­ben in den Ferien oder Endpro­ben auf der Bühne. Gast­spiele legen wir meist so, dass wir an Wochen­en­den reisen, damit möglichst keine Schul­tage versäumt werden. Lange Touren machen wir aus genau dem Grunde nicht. Bis auf den Aufent­halt in Burkina, wo wir erst­mals zwei Wochen unter­wegs sind; aller­dings liegen die haupt­säch­lich in den Weih­nachts­fe­rien. Und gene­rell ist es so, dass alle sich extrem auf Gast­spiel­rei­sen freuen und es genie­ßen, so lange zusam­men zu sein und mal raus zu kommen. Für Gedul­dete gibt es ja noch immer die Resi­denz­pflicht, wir holen für jeden Einzel­nen Ausnah­me­ge­neh­mi­gun­gen von der Auslän­der­be­hörde ein. Lehre­rIn­nen unter­stüt­zen übri­gens die Teil­nahme ihrer Schü­le­rIn­nen bei Haju­som sehr, auch wenn sie mal einen Tag fehlen. Und auch bei Ausbil­dung oder Job gibt es immer Lösun­gen. Also: sie wollen und können es verein­ba­ren.

Wohin geht die ästhe­ti­sche Entwick­lung?
Wir werden nach unse­rem Jubi­lä­ums­jahr als nächs­tes, großes Format etwas Neues entwi­ckeln: eine Oper-Perfor­mance/O-per-formance. Wir verste­hen dabei das Opern­hafte der Produk­tion als ein Zeichen für die Einbe­zie­hung sehr verschie­de­ner Musik­for­men in das Perfor­mance-Konzept: wir möch­ten Arien­haf­tes und Ballet­tö­ses zitie­ren, mit west­li­chen Strei­chern und Elek­tro-Beats arbei­ten ebenso wie mit tradi­tio­nel­len Instru­men­ten Asiens und Afri­kas und entspre­chend viel­fäl­ti­gen Gesän­gen und Sprech­ge­sän­gen. Auch andere, für uns neue Formate sind in Vorbe­rei­tung: Mit unse­rer Text- und Musik­werk­statt werden wir ein Hörstück produ­zie­ren, mit der Koch­gruppe Kabili Masala neuar­tige, trans­na­tio­nale Spei­sen kreieren und auf dem Festi­val IF WE RULED THE WORLD servie­ren …

Wo könnte Haju­som in fünf Jahren stehen?
Formu­lie­ren wir es mal als Wunsch: ‚In einem inter­na­tio­na­len Netz­werk von Perfor­mance-Kunst, um sein Konzept im Kontext sozia­ler Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse europa- und welt­weit zu vermit­teln; präsent auf Festi­vals, auf denen genre­über­grei­fende Formate für alle Menschen präsen­tiert werden, denn das liegt uns wahr­haft am Herzen für ein Thea­ter der Zukunft. Wir wünschen uns, im inten­si­ven Austausch und in Zusam­men­ar­beit mit Künst­le­rIn­nen zu stehen, die mit ähnli­chen Arbeits­wei­sen produ­zie­ren, egal wo. Wir werden in diesen Akti­vi­tä­ten übri­gens von alten Haju­som-Mitglie­dern gema­nagt, die in unse­rem Büro, gemein­sam mit der jetzi­gen Projekt-Koor­di­na­to­rin Julia zur Lippe, die Admi­nis­tra­tion über­nom­men haben. Und eine erste Perfor­mance-Produk­tion kommt voraus­sicht­lich auf Kamp­na­gel oder im Thalia Thea­ter zur Premiere, deren künst­le­ri­sche Leitung von einer Haju­som-Künst­le­rIn über­nom­men wurde. Sie wird einen Preis für ihr Debüt erhal­ten.‘
Das ist natür­lich ein fikti­ves Szena­rio – die Sache mit dem Preis insbe­son­dere. Es würde aller­dings dem Konzept und der Dyna­mik von Haju­som durch­aus entspre­chen, wenn es tatsäch­lich so oder ähnlich geschähe. Inso­fern möchte ich mich jetzt nicht auf den Namen der Künst­le­rin fest­le­gen …

Im Winter 1998 wurde der erste Antrag auf Förde­rung bei der Kultur­be­hörde Hamburg bewil­ligt. Aus den Anfangs­sil­ben der ersten drei Jugend­li­chen HAtice, JUSef und OMid entstand der Name HAJUSOM! Was wurde aus den drei Namens­ge­bern?
Hatice, eine Kurdin, wurde abge­scho­ben – kurz nach Antrag­stel­lung, noch bevor die erste Produk­tion begann. Jusef hat, obwohl er zum Chris­ten­tum konver­tiert ist, keine Chance auf ein Blei­be­recht in Deutsch­land gese­hen und ist weiter geflo­hen; kürz­lich hat er via Face­book wieder Kontakt zu uns aufge­nom­men. Omid lebt noch in Hamburg und ist Fan von Haju­som.

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