175 Jahre St. Pauli Theater

Jubiläumsgala in der Laeiszhalle

27. Mai 2016 0:01 Uhr
Ulrich Waller & Thomas Collien

Stolze Herren im eigenen Haus: Theaterleiter Ulrich Waller (li.) und Thomas Collien

Text: Christian Hanke / Fotos: St. Pauli Theater, Stefan Malzkorn

Wer es noch nicht wusste: Deutschlands ältestes Privattheater steht in Hamburg – und feiert am Montag, dem 30. Mai 2016, seinen 175. Geburtstag: das St. Pauli Theater am Spielbudenplatz, mitten auf St. Pauli, eines der ältesten deutschen Theater überhaupt. Es befindet sich außerdem in einem der ältesten noch bestehenden Gebäude im Stadtteil. Fast ein Wunder, dass es dieses Theater dort noch gibt. Es schrammte oft haarscharf an der Pleite vorbei und überstand die Bomben des Zweiten Weltkriegs, die Reeperbahn und Spielbudenplatz zu einem großen Teil in Schutt und Asche legten. „Es ist der Straßenköter unter den Theatern“, fasst Intendant Ulrich Waller zusammen. „Robust und solide“, resümiert Eigentümer Thomas Collien.

Das gilt vor allem für die ersten Jahre des St. Pauli Theaters, das am 30. Mai 1841 als Urania-Theater mit einer Revue eröffnet wurde und schon 1844 kurz vor der Schließung stand. Die Eigentümer führten das Theater als Aktiengesellschaft weiter, weshalb es nun den Namen „Actien-Theater“ trug. 1863 ersteigerte Carl J. B. Wagner das Gebäude und übernahm gleich auch die Direktion. Neuer Name: Varieté-Theater. Wagner begeisterte sein Publikum mit hamburgischen Lokalstücken. Für wenig Geld konnte man sich im  „Warmtee“ Theater, wie die Bühne im Volksmund genannt wurde, amüsieren. 1000 Menschen passten hinein. Sie saßen auf Holzbänken oder standen und brachten Essen, Getränke und Tabak mit, rauchen und verzehren war erlaubt. Das einfache Volk fand auf dem „Prüüntje-Boden“ (Kautabak-Boden) im zweiten Rang Platz. Oft wurde das Geschehen auf der Bühne lauthals kommentiert. Man mischte sich ein, an passenden und unpassenden Stellen. Legendär ist die „Faust“-Vorstellung, in der das Publikum nach Gretchens Tod wütend ein Happy-End forderte, und Faust sich schließlich nicht anders helfen konnte, als dem „toten“ Gretchen einen Heiratsantrag zu machen.

Varieté-Theater

Das „Varieté-Theater“ Ende des 19. Jahrhunderts im schlichten Bau, der 1898 die heutige Fassade erhielt

Eine Blütezeit bescherte der Schauspieler Ernst Drucker dem Theater, der es von 1884 bis zu seinem Tod 1918 leitete. Sein Programm bestand aus Volksstücken in plattdeutscher Sprache, aber er brachte auch anspruchsvolle Dramatik der Zeit auf seine Bühne, wie zum Beispiel Stücke von Ibsen und Hauptmann. Ibsens „Die Frau vom Meer“ erlebte hier 1898 die Hamburger Erstaufführung. Drei Jahre zuvor war die Bühne nach seinem Intendanten in Ernst Drucker Theater umbenannt worden, bekam einen Namen, den das St. Pauli Theater seit dem 170-jährigen Jubiläum im Jahr 2011 wieder im Titel führt: „ehemals Ernst Drucker Theater“. 1941, zum 100-jährigen Bestehen, erhielt das Theater auf Betreiben der Nazis seinen heutigen Namen, denn sie hatten bemerkt, dass Ernst Drucker Jude war.

Die lustige Stutenfroo von Finkenwarder

„Die lustige Stutenfroo von Finkenwarder“ feierte am 26. November 1918 Premiere im Ernst Drucker Theater

Bis in die 1980er Jahre blieb das St. Pauli Theater ein Mundarttheater der plattdeutschen und zunehmend der missingschen Art. Im Hamburger Dialekt bleiben die Volksstücke mit Christa Siems unvergessen.

Seit 1970 lenkt die Familie Collien die Geschicke des St. Pauli Theaters. Ihr erster Vertreter, Konzertveranstalter Kurt Collien, hielt noch an den Mundart-Volksstücken fest, eröffnete 1970 aber schon mit dem Musical „Der Junge von St. Pauli“ mit Freddy Quinn in der Hauptrolle. Sohn Michael beendete dann die Mundartära und setzte auf Boulevardtheater, riskierte aber auch erfolgreich englischsprachige Musikstücke wie „Little Shop of Horrors“ oder „Scarlattis Birthdayparty“. Der derzeitige Eigentümer Thomas Collien, der das Haus vor acht Jahren erwarb, brachte Kabarett und Comedy sowie internationale Tanz- und Musikshows ins St. Pauli Theater, die nach wie vor Bestandteil des Programms sind. Hinzu kam ab 2003 wieder Sprechtheater. Intendant Ulrich Waller, der bis 2003 gemeinsam mit Ulrich Tukur höchst erfolgreich die Hamburger Kammerspiele geleitet hatte, begeisterte sich für das weitgehend unverändert gebliebene St. Pauli Theater, das nur Bänke und Stehplätze abgeschafft hatte: „Ich habe mich komplett in das Haus verliebt.“ Spätestens seit einem Christoph-Schlingensief-Abend im St. Pauli Theater wusste er: „Hier sind wir richtig.“ Waller brachte viele Mitarbeiter aus seiner Kammerspiele-Crew mit und serviert seitdem anspruchsvolles Unterhaltungstheater à la Broadway und Westend, inszeniert Stücke von Yasmina Reza und seit einigen Jahren von Florian Zeller, außerdem Musikstücke und Revuen über Hamburg und Musiktheaterklassiker wie „Die Dreigroschenoper“ oder „Cabaret“.

Ulrich Tukur

Ganove mit Charme: Ulrich Tukur als Mackie Messer in „Die Dreigroschenoper“ (2004)

Mit dem vielschichtigen Programm läuft’s rund im St. Pauli Theater. Ein Drahtseilakt bleibt die Leitung dieses Theaters trotzdem. „Das liegt an der Größe und am Platzmangel. Wir können uns nicht erweitern. Es ist seit 1841 ein Kampf, hier zu überleben“, erläutert Thomas Collien. Nach beharrlichen Kämpfen erhält das St. Pauli Theater immerhin eine jährliche Subvention der Kulturbehörde in Höhe von 470.000 Euro. Damit allein kommt man hier aber „hinten und vorn nicht klar“, so Thomas Collien. Nur mit zusätzlichem privaten Geld der Betreiber und Fördermitteln des rührigen Fördervereins, in dem sich unter anderem renommierte Hamburger Kaufleute und Unternehmer für das Theater stark machen, kann die einmalige Bühne finanziert werden.

Und es muss so oft wie möglich gespielt werden. Sommerpausen sind, wenn es sie überhaupt gibt, kurz. Daher trifft es das Theater auch, dass in diesem Sommer saniert werden muss. Drei Monate lang, im Juni, Juli und August ist geschlossen. Aber der Charme wird bleiben. Das Gestühl muss einmal raus und wieder rein. Es bleibt unverändert, da es unter Denkmalschutz steht. Insbesondere der Bühnenbereich muss saniert werden. Gesamtkosten der Sanierung: 1,83 Millionen Euro. 300.000 Euro gibt die Stadt, 650.000 der Bund für den Denkmalerhalt. Die „restlichen“ 880.000 Euro bringen Stiftungen und das Theater selbst auf.

Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Galante Aufforderung: Monika Bleibtreu und Gustav Peter Wöhler in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (2004)

Danach geht’s mit neuem Schwung in die nächste Spielzeit, mit einem neuen Stück von Florian Zeller, mit dem Klassiker „Große Freiheit Nr. 7“ und Volker Lechtenbrink in der Hauptrolle; mit der Filmadaption „Monsieur Claude und seine Töchter“ sowie einem deutschen Abend von Franz Wittenbrink zu den Themen Migration und Integration.

Große Themen, große Namen, doch es bleibt ein Vabanque-Spiel – zumal die Entscheidungszeiten der Interessenten für Theatervorstellungen immer kürzer werden, so Ulrich Waller: „Man hat keinen Kredit“. Am wichtigsten sei die Mund-zu-Mund-Propaganda,  sicher ist also nichts. Nur eins: „Wir sind das sicherste Theater der Welt“, weiß Thomas Collien. Mit der Davidwache als Nachbar.

Jubiläumsgala – 175 Jahre St. Pauli Theater, 30.5., 19 Uhr, Laeiszhalle (ausverkauft)

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