Ankommen

Thalia Gaußstraße

28. Oktober 2015 0:34 Uhr
Ankommen

Verhangene Perspektiven: Flüchtlingsbegegnungen im TheaterQuartier

Text: Dagmar Ellen Fischer / Foto: Fabian Hammerl

„Willst du sehen, was die Taliban mit mir gemacht haben?“ „Nein!“, antworte ich reflexartig, schockierende Bilder aus den Nachrichten vor Augen. Doch eine Absage ist offenbar nicht vorgesehen, denn ich bekomme trotzdem einen Rücken voller Narben gezeigt. Der gehört zu einem jungen Mann aus Pakistan, den sein Vater aus den Händen der Terroristen freikaufen konnte. Er ist einer von acht jugendlichen unbegleiteten Flüchtlingen, die seit einigen Monaten in Hamburg leben. Im Projekt „Ankommen –  unbegleitet in Hamburg“ des Thalia Theaters erzählen sie unter Anleitung des Regisseurs Gernot Grünewald ihre Geschichte.

Nicht als Theater im üblichen Sinn, sondern als individuelle Begegnungen zwischen einem einzelnen Zuschauer und einem Flüchtling. Die finden in engen Kabinen statt, die aus lichtundurchlässigen Decken in eine Halle hinein gehängt wurden. Zwölf mitunter sehr dunkle Räume warten auf ebenso viele Zuschauer, die sich fünf Minuten in jeder Kabine aufhalten und auf diese Weise alle zwölf Stationen durchlaufen sollen; ein akustisches Signal diktiert den Wechsel.

Die Spannung entsteht aus der Ungewissheit, was wohl der nächste kleine stickige Raum bereit hält. In einem ist es so finster, dass meine Augen erst nach Gewöhnung an die Dunkelheit den Kopfhörer entdecken, aus dem Details eines Flüchtlingsschicksals zu hören sind. In einem anderen Raum malt ein junger Mann die Route seiner Flucht auf eine Landkarte, von Somalia bis Hamburg; in der nächsten Kabine bekomme ich Tee zu trinken, in der übernächsten ein Gesprächsprotokoll zu lesen zwischen einem Flüchtling und dem Mitarbeiter einer deutschen Behörde.

Wirklich berührend wird es, als es zur Interaktion zwischen Flüchtling und Kabinenbesucher kommt: Auf einem Tischchen liegen unterschiedliche Gegenstände – ein Foto, Handschellen, ein Wasserkanister … Zu jedem vom Besucher ausgewählten Ding gehört eine Geschichte: Auf dem Foto ist ein Junge mit Gewehr zu sehen, der von den Taliban zum Töten ausgebildet wird; mit Handschellen war dieser an ein Auto gekettet, aus dem er nach einem Unfall fliehen konnte; danach schlug er sich bis zur Mittelmeerküste durch und bestieg ein Boot, dessen Motor ausfiel – und während es tagelang ziellos umhertrieb, sah er Menschen aufgrund des Wassermangels sterben. Im Kopf des Zuhörers setzen sich Episoden zu einem menschlichen Schicksal zusammen, und Nachrichtenmeldungen bekommen ein Gesicht. Eine gründlich aufwühlende Erfahrung.

Bis 1.11. sind alle Vorstellungen ausverkauft, weitere sind für 2016 geplant 

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