„Es gibt keine Kernaussage“

Interview mit Anne Lenk

21. September 2015 15:00 Uhr
Interview: Dagmar Ellen Fischer

Für sich annähernde Werte hat die Mathematik ein Zeichen: ≈. Es bedeutet „ungefähr gleich“. Der Schwede Jonas Hassen Khemiri überträgt das Symbol auf gesellschaftliche Werte und stellt in seinem jüngsten Stück Lebensperspektiven gegeneinander, die nur im weitesten Sinn vergleichbar sind. Regisseurin Anne Lenk bringt „≈ [ungefähr gleich]“ des erfolgreichen Autors als deutsche Erstaufführung zur Spielzeiteröffnung auf die Bühne des Thalia Theaters in der Gaußstraße.

GODOT: Das ist Ihre vierte Inszenierung am Haus, besteht eine besondere Beziehung zwischen Ihnen und dem Thalia Theater?

ANNE LENK: Die gibt es tatsächlich. Während meines Studiums in Gießen bin ich oft ins Thalia gepilgert, und 2007 habe ich im Rahmen des Körber Studios Junge Regie in der Gaußstraße eine Regiearbeit aus dem Studium gezeigt. Das ist ein Ort voller Erinnerungen.

Khemiris „≈ [ungefähr gleich]“ ist nun Ihre vierte Inszenierung hier …

Ja, jetzt ist es wie Nach-Hause-Kommen. Ich arbeite gern mehrmals am gleichen Ort, vor allem, wenn es wie hier gute Gründe gibt für eine Kontinuität.

Welche gibt es für diese Arbeit oder: Wie kam es zum aktuellen Auftrag?

Ich suche immer nach relevanten Themen, dennoch gab es nach der Schwere der voran gegangenen Inszenierung, Elfriede Jelineks „Winterreise“, eine Sehnsucht nach Leichtigkeit.

Und die hat der Text von Jonas Hassen Khemiri?

Das hat er klug gemacht: Einerseits ein Thema – unser Wirtschaftssystem –, das nur schwer zu verstehen ist, und andererseits diesen Humor, den ich sehr wichtig finde. Ich mag Texte, bei denen ich beim Lesen spüre, dass es eine Qualität gibt, die ich noch nicht genau benennen kann; das führt meistens zu einem spannenden Probenprozess, weil man häufig erst dann, gemeinsam mit dem Ensemble, herausfinden kann, was dieser wirklich Text braucht und wie er erzählt sein will. Bei Khemiri stellte sich heraus, dass die Wechsel der Erzählebenen, die seine Texte oft charakterisieren, auf der Bühne viel inhaltlicher sind, als beim Lesen angenommen, wo ich manchmal dachte, es sei nur ein Spiel mit der Form. Im Theater wird das dann wiedererkennbar, wie aus dem Leben gegriffen, nur unterhaltsamer. Und das Ganze kreist um einen Schwerpunkt, mit dem ich mich beschäftigen möchte.

In diesem Fall das komplexe Wirtschafts- und Finanzsystem?

Ja, aber unter der Fragestellung: Wie geht es dem einfachen Menschen damit? Und das in verschiedenen Annäherungsweisen an die Thematik, mit der Forderung nach Spielfreude und unter Verzicht auf eine logische Verknüpfung.

Dennoch werden konkrete menschliche Schicksale beschrieben …

Es gibt zum Beispiel einen Obdachlosen, der es wahnsinnig geschickt versteht, den Passanten Geld zu entlocken. Das beobachtet ein Jugendlicher, der aus einfachen Verhältnissen stammt und einfach keinen Job findet. Die zentrale Figur aber ist ein Wirtschaftswissenschaftler, in der Hoffnung auf eine Professor, der seinen Studenten die Augen öffnen will und davon träumt, das System von innen umzukrempeln. Dessen Freundin wiederum, an Luxus gewöhnt, möchte eigentlich unabhängig auf einem Biohof leben, kann jedoch nicht wirklich auf so etwas wie Parfum verzichten. Und stellt beispielweise die Rechnung auf: Für ein teures Parfum könnte man in Afrika zwanzig Malaria-Netze kaufen.

Geht überhaupt eine Rechnung auf oder bleibt alles nur ungefähr gleich?

Es gibt keine Kernaussage. Der Text ist eine Befragung von modellhaft beschriebenen Ist-Zuständen. Kapitalismuskritisch, ja, aber nicht moralisierend. Ich bezweifle, dass es Chancengleichheit oder Entscheidungsfreiheit wirklich gibt. Je mehr Geld, desto mehr Entscheidungsfreiheit. „≈ [ungefähr gleich]“ beleuchtet auch, wie sehr Sich-gut-Fühlen mit Geld-Ausgeben zu tun hat.

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