Auf hohem Niveau

Festival "Körber Studio Junge Regie", Thalia in der Gaußstraße

7. April 2012 13:13 Uhr
Schwarze Jungfrauen

Das Siegerstück „Schwarze Jungfrauen“ in der Regie von Malte C. Lachmann

Wo man auch hinhörte – bei den Pausenunterhaltungen, den Publikumsgesprächen, der Jury-Diskussion – überall war von dem außergewöhnlich hohem Niveau der diesjährigen elf Regiearbeiten die Rede, die zum Festival „Körber Studio Junge Regie“ von den Hochschulen in die Hamburger Gaußstraße geschickt wurden. Und es stimmte: Die Spekulationen über ein mögliches Siegerstück fielen schwer, weil alle etwas zu bieten hatten, das von der Besonderheit des Theatererlebnisses erzählte.

„Yes!“, reckt Nora ihren Arm hoch. Sie hat es geschafft. Durch den Aufstieg ihres Mannes Thorvald ist auch sie hoch hinaus gekommen. Inmitten ihrer Kristallgläser steht sie auf der langen Tafel und freut sich daran, ihre Tage als einzige lange Party zu sehen, auf der sie rosefarbenen Champagner trinken darf. Passend zu ihrem kurzen rosa Ballettkleidchen, in dem sie für ihren Mann als „sein Singvögelchen“ posieren darf.

Nora hat sich aus Kalkül in eine fremdbestimmte Rolle begeben. Zunächst spielt sie sie gut. Doch schnell bekommt ihre Welt Risse und die ersten Gläser gehen zu Bruch. Immer enger spannen sich die Schlingen des gesellschaftlichen Netzes um die Frau auf dem Tisch. Zum Schluss wird sie gejagt von den Erwartungen, Anforderungen, Vorwürfen, Wunschvorstellungen der anderen. Regisseurin Julia Wissert hat die Ökonomie der Beziehungen in Ibsens Nora genau herausgearbeitet. Sie zeigt mit ihren hervorragenden Schauspielern, wie eine Frau in der Aufrechterhaltung der eigenen Fassade ihr Selbst verliert und zerbricht. Eine hochkonzentrierte, genau fokussierende, spannende Interpretation des Nora-Stoffes, mit der Wissert ihr Regietalent beweist.

Der erst 23-jährige Malte Lachmann von der Everding-Theaterakademie aus München wagt viel. Zaimoglus und Senkels dramatisierte, wütende Monologe deutscher Muslimas Schwarze Jungfrauen überspitzt er mit seiner Form der Musical-Revue geschickt und gekonnt. Er führt damit die Intention der Autoren, mit klischierten Vorstellungen zu provozieren, konsequent fort. Mit Glitzer-Make-Up und in Showkostümen kommen die Sprecher/innen (drei Frauen und zwei Männer!) als Revuegirls auf die Bühne. Ständig unterlegt vom Pianisten-Musikteppich schleudern sie dem „Eurozwergen“-Publikum ihre derben Wahrheiten an den Kopf. So wird mit der Form der zusätzlichen Stilisierung ein Zugang zum Text geschaffen, der die Bebilderung gängiger Klischees von türkischen Kopftuchmädchen überflüssig macht. Es kommen Frauen zu Wort, die auf ihr Recht der Auslebung ihres Glauben und ihrer Sexualität bestehen und die anders als ihr männliches Gegenüber darin keinen Gegensatz sehen. Ballett- und Gesangseinlagen ironisieren die Texte, ohne ihre Botschaften zu verwässern. Ein Unterfangen, das von jedem zuvor Befragten sicher als undurchführbar eingeschätzt worden wäre, hat Lachmann zu einem durch und durch stimmigen Erlebnis werden lassen.

Die Titel der Lovesongs rauschen im Sekundentakt über die Leinwand. Die Liebesvorstellungen sind allgegenwärtig und prägend. Auch der Aufsteiger Clavigo hat sich von ihnen beeinflussen lassen. Doch angeleitet durch seinen Freund Carlos bemüht er sich, jetzt nur an seine Karriere zu denken. Eifrig nickt sein Kopf, während Carlos ihm seine rosigen Zukunftsaussichten ohne seine nicht mehr standesgemäße, abgelegte Braut Marie ausmalt. Doch dieser Mann ist keineswegs so cool und entschieden, wie er in seinem Joe-Jackson-Auftritt mit „I’m the Man“ zu scheinen versucht. Ständig schwankt er zwischen Entschlossenheit, Sehnsucht, Reue, Ehrgeiz und Hoffnung auf Versöhnung.

Weiß geschminkt sind alle im Spiel der Fassaden am Hofe. Wie Clowns spielen sie eine Rolle. Regisseurin Lilja Rupprecht benutzt in ihrer Inszenierung viele verschiedene Stilelemente. Die Unentschiedenheit ihrer Titelfigur hat sie auch zur Haltung ihrer Inszenierung erklärt. Die Commedia dell‘arte schimmert ebenso durch wie Slapstick, Pantomime, Tanz, Clownerie, Comedy und klassisches Sprechtheater. Sie lotet mit spielerischer Leichtigkeit die vielschichtigen Aspekte eines wankelmütigen, sehr modern wirkenden Menschen aus, dem so viele Wege offen stehen, dass ihm jede Entscheidung schwer fällt.

Weniger Entscheidungsmöglichkeiten haben Bahir und Omar. Für ihre Arbeit hat Ana Zirner von der Folkwangschule aus Essen im Iran zwei Wochen lang Interviews geführt und sie zu einer Geschichte konzentriert.

Bahir und Omar sind Geschwister, die sich gut verstehen. Eine alltägliche Geschichte, die zunächst in jedem Land stattfinden könnte. Doch sie wachsen in einem Land auf, in dem die freie Meinungsäußerung und die freie Ausübung der Religion verboten sind. Sie erleben die Wahlen 2009 und die anschließenden Demonstrationen. Omar wird verhaftet. 31 Tage wird er im Gefängnis verbringen. Berichten die beiden Schauspieler auf leerer Bühne zunächst in der neutralen dritten Person in großer Sachlichkeit von den beiden Geschwistern, werden Bahir und Omar ab diesem Zeitpunkt zu ihrem Ich. Ihr Ton verändert sich. Wut, Hoffnung, Entsetzen, Angst und Sehnsucht mischen sich in ihre Stimmen. Zum Schluss stehen sie beide auf dem ausgerollten Teppich und schreien sich ihre unterschiedlichen Lebenspositionen entgegen. Während die Revolutionsbilder des Jahres 2011 über die rückwärtige Leinwand laufen, bleiben die Bilder aus dem Iran schwarz. Nach 2009 sind die Aufstände erstickt.

Ana Zirner hat eine aufwühlende Arbeit abgeliefert, die gerade durch die sachliche Distanzierung betroffen macht. Sie lässt dem Zuschauer die Möglichkeit zur eigenen Positionierung. Eine in ihrer Schlichtheit und Konzentration höchst beeindruckende Inszenierung!

Die Jury der fünf Theaterfachleute hatte es 2012 nicht leicht. Dennoch fiel ihr Votum für den ersten Preis einstimmig aus: Sie vergab ihn an Malte C. Lachmanns Schwarze Jungfrauen. Sie lobten, dass er es gewagt habe, die Form der leichten Revue mit den aggressiven, monologischen Endlostexten vereinigt zu haben. Die kontrapunktischen Parts hätten sich gegenseitig wider Erwarten nicht negiert, sondern befruchtet. Dem Hamburger Absolventen Felix Meyer-Christian wurde von der Jury ein großes Regietalent bescheinigt, wenn seine Arbeit „Kohlhaas“ auch als zu ambitioniert angesehen wurde.

Die Mehrheit der Zuschauer hatte eine andere Lieblingsinszenierung: Der Publikumspreis, der dieses Jahr zum ersten Mal vergeben wurde, ging an die schlüssige, mitreißende Nora-Inszenierung von Julia Wissert.

Text: Birgit Schmalmack
Foto: Krafft Angerer

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