Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Monsun Theater

23. November 2018 23:05 Uhr
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Psychologische Charakterstudie à la Dostojewski: Stefan Schießleder und Irene Benedict

Text: Sören Ingwersen | Foto: monsun.theater

Eigentlich könnte man Mitleid haben mit dem Mann, der dort mit angezogenen Beinen auf dem Tritthocker sitzt. Ein an der Welt Leidender, wie er im Buche steht. Namentlich in der Erzählung „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von Fjodor Dostojewski, die Regisseur Clemens Mädge in einer eigenen Bearbeitung mit zwei Schauspielern für das Monsun Theater auf die Bühne gebracht hat. Mitleid? Die Gefühle, die man dieser Figur entgegenbringt, sind zwiespältig wie die des Mannes selbst. Um sich nicht verachten zu müssen für sein früheres Leben als „bösartiger Bürokrat“, hat er sich in seine Kellerwohnung zurückgezogen und abgeschirmt von der Außenwelt eine Philosophie zurechtgelegt, mit der er auf alle Menschen, die auf der gesellschaftlichen Leiter höher stehen, herabschauen kann: Abgrenzen will er sich von den „normalen Menschen“, den „Tat-Menschen“ und vergleicht sich selbst mit einer Maus, die gelähmt von einem Zuviel an Bewusstsein ihr eigenes Leiden zum Genuss erklärt – weil es sie zu etwas Besonderem macht.

Stefan Schießleder kehrt die innere Zerrissenheit seiner Figur glaubwürdig nach außen, wenn er einerseits wie ein Getriebener Erklärungsformeln für seinen armseligen Zustand auf Holzbretter kritzelt und sich andererseits mit überheblichem Selbstbezug direkt ans Publikum wendet. Im schwarzen Bühnenkasten wird das Spiel zwischen Selbsterhebung und -erniedrigung, zwischen Hybris und Unterwürfigkeit mit fünf Stehleitern auch räumlich ausbalanciert. Und das sogar im Wortsinn, wenn Irene Benedict als innere Stimme und Alter Ego des Mannes auf Brett, Leiter oder improvisierter Wippe ein körperliches Gegengewicht zu den philosophischen Anmaßungen ihres Kellerbewohners bildet. Anfangs noch eine stumme Figur, ein lebendiger Schirm der Begegnung des Ichs mit sich selbst, verkörpert Benedict in der zweiten Hälfte Menschen, die in der verbitterten Erinnerung des Mannes aufblitzen: ehemalige Freunde, die es beruflich zu mehr gebracht haben als er selbst, und ein Freudenmädchen, dem er erfolglos seine eigene moralische Überlegenheit zu demonstrieren versucht.

Man muss es Regisseur Clemens Mädge und seinen Darstellern hoch anrechnen, dass sie die labyrinthischen Reflektion eines überreizten Außenseiters und dessen komplizierten Charakter gut verständlich und glaubwürdig in eine Bühnensprache übersetzen, die ihre Kraft aus Kargheit, Konzentration und bildlich einprägsamen Konstellationen schöpft. „Ich habe das Äußerste gewagt. Ich bin lebendiger als Sie alle zusammen!“, verabschiedet sich der Held aus dem Stück. Man quittiert diese Selbstverkennung mit einem Lachen, obwohl einem eher zum Weinen zumute ist.

Weitere Aufführungen: 30.11., 1.12., 30.1. u. 31.1., Monsun Theater

0 Kommentare

Sie können der erste Kommentator sein.

Schreiben Sie einen Kommentar.