Blitzlichter im Inneren der Figur

Michael Müller – Dramaturg, Theaterpädagoge und Autor

17. November 2011 23:48 Uhr
Michael Müller

Michael Müller wandelt zwischen verknapptem Realismus und Poesie.

GODOT sprach mit Michael Müller, seit zwanzig Jahren im künstlerischen Team des Deutschen Schauspielhauses Hamburg. In dieser Spielzeit sind drei Stücke von ihm im Spielplan.

Herzlichen Glückwunsch, am 27. Mai gab die Jury des Mülheimer Kinderstückepreises bekannt, dass „Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ ausgezeichnet wird. Gibt es ein reales Vorbild, einen Jungen, der Dich zu dieser Geschichte inspirierte?

Wenn ich mich auf die Reise zu einer Geschichte begebe, geht sie meist von einer Begegnung aus, woraus sich sehr schnell eine übergeordnete gesellschaftliche Frage formuliert. Die Arbeit beginnt nicht mit einem Plot, nicht als: Ich erzähle von Dede Afful, der illegal in Hamburg lebt, sondern was macht die tägliche Angst, aber auch die Normalität eines Lebens in einer Schattenwelt aus. Ich suche nach dem kleinen Erlebnis, das ein dahinter stehendes existenzielleres Problem aufmacht. Das verstehen die Jugendlichen dann auf verschiedenen Ebenen ihrer Abstraktionsfähigkeit. Irgendwo in Hamburg wird es einen Dede geben, Bruchstücke seiner Geschichte, doch, was er erlebt, steht stellvertretend für viele. Wenn Menschen den Theaterbus verlassen, kommen sie häufig direkt auf uns zu und fragen: Woher kanntet ihr meine Geschichte und beginnen von sich zu erzählen. Im Falle von „Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ gab es eine Begegnung mit einem jungen Afrikaner, der ohne Eltern in Hamburg gestrandet ist. Daraus resultierte eine Reihe von Gesprächen mit Schülern, die afrikanische Wurzeln hatten und Vertretern der Sozialeinrichtungen und Betroffenenverbände. Doch das wichtigste war beim Schreiben die Geschichte persönlich zu interpretieren, ich musste selbst Dede werden, um seine Sehnsüchte zu erzählen. Denn trotz der politischen Brisanz des Themas ist das Stück eine berührende einfache Geschichte der Suche nach Glück.

Was war zuerst da, der Bus oder Dein Stück für einen besonderen Ort?

Die Idee zum Stück ist zunächst unabhängig vom Ort entstanden. Und dann kam dank des Sponsorings durch die PVG/HVV der Bus vorgefahren, und ich schrieb für den Bus. Der Bus eignet sich extrem gut als Fluchtpunkt für die Darsteller, aber auch für die Zuschauer. Er ist intim und unmittelbar. An einer Stelle will Dede mit dem Bus losfahren, da wird deutlich, wie wir alle plötzlich unfreiwillig zu Mitflüchtenden werden können, dass nichts sicher auf dieser Welt ist.

Erst zum zweiten Mal wurde dieser Preis 2011 vergeben, kann man das als Wertschätzung des Kinder- und Jugendtheaters sehen? Wie siehst Du es?

Die Einrichtung des Preises ist ein echter Glücksfall für uns Schreiber. Ich wurde von der Jury genauso wertgeschätzt wie Elfriede Jelinek, wobei wir beide von der Person her wohl kaum verschiedener sein könnten. Bei der Verleihung in der Stadthalle hatte das „Erwachsenstück“ zwar den Vortritt, aber das war’s dann auch. Im Internetforum zu der Preisverleihung verfolgte ich einen sehr interessanten Blog zu meinem Stück, wo es darum ging, ob es überhaupt eine Unterscheidung zwischen den Sparten braucht und einhellig die Meinung herrschte, dass „Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ im Grunde „alterslos“ sei, dass es generell diese Kategorien nicht bräuchte. Das zeigt sich auch an unseren Besuchern: Von 8 bis 80 war schon alles dabei. Es gibt manchmal Rückmeldungen von KUJ-Theatern, dass ich, obwohl sich die Sprache in meinen Stücken an der der Jugendlichen orientiert, sie aber nicht kopiert, ich zu „anspruchsvoll“ in meinen Gedanken sei. Meine Antwort ist: Ich drücke Zustände aus, die tief in uns verankert sind, denen ich eine eigene Sprache verleihe, auch wenn die Person sich nicht so ausdrücken würde, so ist es doch die Sprache ihrer Seele. Ich versuche da einen eigenen Weg zwischen verknapptem Realismus und Poesie zu gehen und ich weiß, dass junge Menschen diese Sprache sehr wohl verstehen. Das zeigen auch die Nachgespräche zu den Aufführungen.

Und wie hast Du von Deiner Nominierung erfahren?

Ich bin ja immer ein bisschen dusselig. Als die Jury mich anrief, kam ich gar nicht darauf, dass sie mein Stück meinten und dann habe ich darauf hingewiesen, dass wir in einem Bus spielen. Die Antwort: Na ja, der Bus kann doch auch nach Mülheim fahren! Und so kam es, wir spielten sieben Mal auf Schulhöfen aller Schulformen mit allem, was dazu gehört, denn, wenn Dede über den Schulhof rennt, ist er schon manches Mal von Lehrern aufgehalten worden.

Du arbeitest seit Jahren in diesem Bereich, was hat sich gesellschaftlich verändert?

Die Lügen werden größer. Leider bin ich als „junger Autor“ noch nicht in der Lage, das literarisch schon exakt einzukreisen. Ich bin ja selbst mittendrin. Ich denke zwar beim Schreiben schon so, aber mein Auftrag besteht nicht darin, als Journalist oder Aufklärer vorzugehen, sondern als Erzähler. Ich schreibe gerade eine Auftragsarbeit über das Thema Hartz IV. Mir sträubte sich alles, mit diesen Klischees umgehen zu müssen. Nun kann ich den Fakten nicht entkommen, aber Edward, meine Hauptfigur, wurde von seinem Vater nach einem König benannt und spricht auf dem Hochhausdach mit einem Ritter über seine Träume. Dass er seinen Stiefvater gerade krankenhausreif geschlagen hat, erfahren wir erst am Ende des Stücks. … Die Träume bleiben gleich. Was wollen denn junge Leute bei näherer Betrachtung: Identität, Glück, Selbstverwirklichung und viele wollen ein Leben in Wohlstand, Arbeit, soziale Netze. Und da wären wir wieder bei den Lügen. Unsere Regierung versäumt es seit Jahren, auseinander driftende Teile unsere Gesellschaft einander zuzuführen. Und den Ausdruck „Mitbürger mit Migrationshintergrund“ kann ich nicht mehr hören.

Wann entstand Dein erstes Theaterstück?

Mit siebzehn, klassisch für die Abi-Entlassungsfeier, Missstände im Schulsystem wurden schonungslos aufgedeckt, entfremdetes Lernen, soziale Kälte, man sieht ich war schon immer so, das Stück war natürlich grausam. Dann folgten einige Romanversuche, und dann entdeckte ich zunächst die Malerei.
2009 kam dann das Amokstück „Plötzlich war er aus der Welt gefallen“, das wir im Klassenzimmer spielten. Und es erhielt gleich eine Nominierung. Wenn ich das alles bedenke … warum hat es so viele Jahre gedauert, bis ich zum Schreiben zurückgekehrt bin?

Vermutlich befruchten sich Malerei und Schriftstellerei, aber wie sehr?

Meine Bilder waren eigentlich schon Geschichten und Begegnungen, nur ohne Worte. Beim Schreiben setzt sich der Text sofort in Bilder um, nicht in Szenen, eher wie Blitzlichter im Inneren der Figur, besser kann ich das jetzt nicht ausdrücken.

Und nun schon eine neue Arbeit für den Schauspielhaus-Bus, ein neues Thema: „Morgen Alaska“ …

Da ist Klaus Schumacher, der Leiter des JSH nicht ganz unschuldig dran. Ich wollte ein Projekt zum Thema „Lebensflucht“ machen und schlug vor, sich an „Into the Wild“, den Film kennen ja viele, zu orientieren. Da sagte Klaus: Schreib doch was Eigenes zu der Problematik. Es entstand Emilia, die auf Jonas wartet. Sie hat ihn an seinen Traum von unabdingbarer Freiheit verloren. Das Letzte, was sie sah, war, wie er als Tramper in einen LKW stieg. Eigentlich ist es eine Geschichte über den Verlust von Liebe, Hoffnung und im Falle von Emilia auch von sich selbst. Erst als sie Jonas loslässt, fängt ihr eigenes Leben an. Es ist also auch eine Geschichte über den Tod. Aber keine Angst, vieles ist sehr heiter und lebensbejahend, ich selbst liebe das Leben viel zu sehr, meine Figuren haben sehr viel Kraft, die lassen sich nicht unterkriegen.

Was wirst Du mit dem Preisgeld anstellen?

Träumen dürfen … eine Reise nach Südamerika, selbstverständlich mit Begegnungen und Eindrücken für mein überübernächstes Stück.

Das Interview führte Dagmar Ellen Fischer

2 Kommentare

  1. Christa Groß sagt:

    Von Anfang an interessiere ich mich für GODOT. Was aber soll das neue düstere und altmodische Logo? Wollt ihr nur noch für Boulevardtheater und Volksbühnen schreiben?
    Besonders gern lese ich übrigens Tilla Lingenbergs Wortspielereien.

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