Das Beste kommt noch: Öko-Sex

Interview mit Annie Sprinkle

6. August 2014 13:08 Uhr
Annie Sprinkle

Performance-Künstlerin Annie Sprinkle hat beim diesjährigen Donaufestival in Krems die Erde geheiratet

Interview: Dagmar Ellen Fischer | Foto: Julian Cash

Gehört Prostitution verboten? Ja, sagt Alice Schwarzer. Annie Sprinkle hat dazu eine andere Haltung. Als Frau, die sich in ihre Gebärmutter schauen ließ, sorgte sie für Schlagzeilen. Nun ist ihre Sicht auf Sex bei der Konferenz „Fantasies that matter. Images of Sexwork in Media and Art“ gefragt: als Künstlerin in Performances, als Ex-Prostituierte und Pornodarstellerin und als studierte Wissenschaftlerin während des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel.

Vor wenigen Tagen sind Sie 60 geworden, was bedeutet Älterwerden für Sie?

An manchen Tagen fühle ich mich glücklicher und erfahrener, an anderen dem Tod näher. Manchmal glaube ich, das Beste kommt noch: meine Arbeit zu Öko-Sexualität.

Was steckt dahinter?

Unseren Planeten zu lieben. Nicht als Mutter Erde, sondern als Liebhaber. So werden wir eine tiefere, befriedigendere Beziehung zur Natur erreichen. Die Erde zu lieben, heißt, all ihre sinnlichen und erotischen Freuden zu genießen, die sie zu bieten hat.

Zeigen Sie das auf der Konferenz in Hamburg?

In Hamburg werde ich ein magisches, ekstatisches Sex-Ritual für sieben Huren anleiten: mit Kerzen, Vibratoren oder phallischem Gemüse – jede, wie sie mag. Es geht um ansteigende Energie bis zum Höhepunkt. Es ist eine Art Masturbationsritual, aber so betrachte ich es nicht, denn es geht um Energie, die zwischen Publikum und Himmel und Erde zirkuliert.

Sex als öffentliche Energie – sind viele Menschen gehemmt und sollten befreit werden?

Ich denke, jeder ist in seiner persönlichen Entwicklung genau da richtig, wo er gerade steht. Neues aber können wir alle lernen. Ich versuche, ein breiteres Bild dessen zu vermitteln, was Sex sein kann. Es geht nicht nur um Genitalien, Reizwäsche und Positionen, sondern darum, sexuelle Energie zu nutzen und sie spielerisch weiterzugeben. Alles zu erotisieren, auch die Natur.

Zu der Konferenz sind Sie als ehemalige Prostituierte und Pornodarstellerin eingeladen …  

Seit 1975 bin ich aktiv in der Bewegung, die sich für die Rechte Prostituierter einsetzt. Ich bin stolz auf 22 Jahre als Prostituierte, mit den Dollars habe ich meine Träume verwirklicht. In den 1970er und 80er Jahren haben wir Filme im Untergrund gedreht, dafür konnte man damals ins Gefängnis kommen. Inzwischen gibt es sehr unterschiedliche Sexworker. Es ist härter als je zuvor, heute eine Hure zu sein.

Zur Eröffnung des Kongresses zeigen Sie Ihr Busen-Ballett …

Das Busen-Ballett ist mein Signatur-Stück, es dauert nur anderthalb Minuten und ist ziemlich witzig. Ich hatte Brustkrebs, und meine Brüste sind inzwischen kraftloser. Damit bekommt die Performance heute eine andere Bedeutung.

Man sagt, Sie haben mit 3000 Männern geschlafen?

Ich hatte Sex mit 3000 Männern. Mit ihnen zu schlafen, wäre zu intim gewesen; geschlafen habe ich nur mit meinen Liebhabern.

Seit 2007 sind Sie mit Beth Stephens verheiratet, wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Meine und ihre Interessen ergeben zusammen ein Drittes. Beth hat ebenfalls von Sex inspirierte Kunst gemacht, sie lehrt als Universitätsprofessorin. Ich lebe in größerer Sicherheit: Als Sexworker habe ich kein Geld zurückgelegt, nun lebe ich in ihrem Haus und habe eine Krankenversicherung.

Erinnern Sie sich an Ihren Auftritt im Schmidt Theater? Sie legten Ihre Brüste auf Corny Littmans Kopf – und auf die Köpfe dafür zahlender Besucher …

Ja! Corny war sehr wichtig für meine Karriere. Er wollte, dass ich meine Geschichte erzähle, damit das Publikum Prostituierte versteht. Und ich wollte nicht mehr die Fantasien anderer leben, sondern herausfinden, was ich will, beim Sex und im Leben. Das Schmidt war das schönste Theater, jeden Abend ausverkauft, magisch und voller Energie. Dort habe ich mehr Geld verdient als mit Prostitution. Wenn ich Corny heute sähe, würde ich gern meine Brüste wieder auf seinen Kopf legen – aber 25 Jahre später sind sie nicht mehr so frisch. Sie hängen wie Pfannkuchen und würden vermutlich seine Augen verdecken …

„Fantasies that matter. Images of Sexwork in Media and Art“, ganztägige Konferenz in englischer Sprache, 8. bis 10. August, Kampnagel, Jarrestr. 20, Eintritt frei, Anmeldung erforderlich unter tickets@kampnagel.de

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