Apropos ... / Kolumne

Kurr knurrt

Des Rätsels Lösung

Für alle, die Weihnachten ergebnislos über den Rätseln von „Der Schauspieler, das unbekannte Wesen“ gebrütet haben, geben wir hier die Auflösung:

Rätsel Nr. 1:
Will Quadflieg, im Interview durch eine Rundfunk-Moderatorin befragt, was sein vordringliches Gefühl während einer vier- oder fünfwöchigen Probenzeit sei, verblüffte sein Gegenüber mit der Antwort: SORGE; Sorge darüber, ob es ihm in dieser kurzen Zeit gelingen werde, den Charakter, den er vertragsgemäß darzustellen habe, überhaupt zu finden! Frage: Auf welche Weise entledigt sich dieser große Schauspieler der Sorge, um Ergebnisse hervorzubringen, wie wir sie von ihm kannten?

Antwort:
Jeder Schauspieler, in unserem Fall Will Quadflieg, ist stets besorgt darüber, ob er den darzustellenden Menschen, der ja ein anderer ist als er selber, überhaupt findet, um ihn dann mit seinen erlernten handwerklichen und intuitiven Mitteln und Wegen darstellen zu können, ohne sich zu identifizieren!

Rätsel Nr. 2:
Nicole Heesters gab in einem TV-Interview, zu der Zeit, in der sie im Ernst-Deutsch-Theater die Claire Zachanassian spielte, den scheinbar rätselhaften Satz von sich „Ab mittags gehört der Tag der Claire!“ und musste anschließend die Frage beantworten: „Wie ist es Ihnen möglich, so viele – zuweilen auch unterschiedliche – Rollen zu lernen, wenn Sie an einem Theater engagiert sind, das Repertoire spielt?“ (Anmerkung der Red.: Dieser Begriff wird verwendet für einen nahezu täglich wechselnden Spielplan, im Gegensatz zum En-suite-spielen, das bedeutet, eine gewisse Zeit allabendlich z.B. die o.g. Zachanassian darzustellen.) Die Lösung dieses Rätsel wird Ihnen umso schwerer fallen, wenn Sie jetzt noch hören: „Text kann man nicht lernen, denn: Text aufsagen hat mit Rollengestaltung nichts zu tun!“

Antwort:
Die Schauspielerin, in unserem Fall Nicole Heesters, bereitet sich in der zweiten Tageshälfte, also ab mittags auf die am Abend zu spielende Rolle vor, nicht wie mancher Journalist in Interviews irrigerweise verbreitet, um sich in z.B. Claire Zachanassian zu verwandeln, sondern sich in Denk- und Handlungsweise der darzustellenden Person zu versetzen, ohne sich zu identifizieren. Deshalb gilt auch für das Erlernen des Textes, den diese künstliche Figur äußert, dass dieser lediglich die Vorstufe für deren Gesamtgestaltung ausmacht.

Rätsel Nr. 3:
Kann man zustimmen, wenn der Boulevard-Journalismus behauptet, eine junge, hochbegabte Schauspielerin wie Maria Kwiatkowski, die kürzlich 26-jährig verstarb, habe deshalb kein hohes Lebensalter erreicht, weil sie sich unablässig mit ihren Rollen identifiziert habe und daher sehr früh ausgebrannt sei? Oder generell gefragt: Darf ein Schauspieler sich überhaupt vollständig mit seiner Rollenfigur identifizieren? Und daraus folgert die zweite Zusatzfrage: Welche ist die dem heutigen Zeitgeist und daher dem Ziel der Verstehbarkeit für den Zuschauer am ehesten entsprechende Methode der Menschendarstellung im Schauspiel?

Antwort:
Der Schauspielberuf ist ein zunächst, selbstverständlich auf der Basis einer Grundbegabung, handwerklich erlernbarer Beruf. Auf speziellen Hochschulen (zuweilen auch auf privaten) erlernt der Anfänger, alle Aktivitäten bewusst zu steuern, was wir Menschen im Alltag nur in sehr geringem Umfang durchführen: Wie gehe ich, wie stehe ich, wie atme ich, wie zeige ich Emotionen wie Trauer, Freude etc., ohne mich mit der darzustellenden Figur, die ich ja zeigen, aber nicht leben soll, zu identifizieren? Das ist die dem heutigen Zeitgeist am ehesten entsprechende glaubwürdige Methode. Es gibt Ausnahme-Erscheinungen wie die genannte Maria Kwiatkowski mit ihrem derart überdurchschnittlichen Begabungsgrad, der sie nachgerade zwingt, die im Stück beschriebenen Lebenssituationen der darzustellenden Figur 1:1 zu durchleiden. Das aber können Körper, Geist und Seele eines Individuums nur eine begrenzte Zeit leisten und aushalten.

Text: Hans-Peter Kurr

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