Die Nase

Hamburgische Staatsoper

12. September 2019 17:47 Uhr
Die Nase

Kann den Trennungsschmerz nicht verwinden: Kowaljow (Bo Skovhus) und seine Nase

Text: Dagmar Ellen Fischer / Foto: Arno Declair

An der Nase eines Mannes … erkennt man seinen Charakter. Ohne Nase leidet Mann folglich an Gesichtsverlust und wird zum gesellschaftlichen Außenseiter – so die Botschaft in Dmitri Schostakowitschs Oper „Die Nase“. Das musikalisch sperrige Werk eröffnete am Samstagabend die Spielzeit der Hamburgischen Staatsoper. Mit Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier setzte damit zum fünften Mal in Folge eine Opern-ungeübte Regie-Handschrift den Saisonstart in Szene.

Und sie deutet das Musiktheater aus dem Jahr 1930 neu: Der zaristische Beamte Kowaljow (beeindruckend: Bariton Bo Skovhus aus Dänemark) wacht eines Morgens ohne Nase auf. Die führt fortan ein Eigenleben, macht schneller Karriere als ihr ehemaliger Besitzer und denkt gar nicht daran, sich wieder auf ein Riechorgan reduzieren zu lassen. Lebensgroß läuft die Nase umher, und Kowaljow kann niemanden mehr riechen! Um die Leerstelle im Gesicht zu füllen, klebt sich der verzweifelte Beamte einen niedlichen Schweinerüssel an – seinem verlorenen Ansehen hilft das wenig.

Beier inszeniert die absurde Story als kluges, groteskes Spektakel und lässt auffahren, was die große Opernbühne hergibt. Die Auftritte der Soldaten erinnern in ihren gerissenen Bewegungen an Paraden, wie man sie aus Diktaturen kennt, großflächig projizierte Bilder suggerieren die Kontrolle durch perfide Überwachungssysteme eines Polizeistaats. Von dort schlägt die Regisseurin den Bogen zu Szenen, wie sie Hamburg während des G20-Gipfels erlebte – die laufende Nase immer mittendrin. Auf diese Weise verschränken sich wirkungsvoll komische und beunruhigende Situationen. Über 50 Mitwirkende stecken größtenteils in Fat-Suites, recken ihre übergroßen Hintern dem Publikum entgegen oder zeigen den Hitler-Gruß – diese weitere Umdrehung hätte der Abend nicht gebraucht, die „Entnasifizierung“ als Wortspiel schon. Nach 100 Minuten mischten sich ein paar Buhs für Karin Beier unter den Applaus für Dirigent Kent Nagano, das Philharmonische Staatsorchester und die Darsteller.

Weitere Aufführungen: 13./23./26.9. um 19:30 Uhr, 28.9. um 19 Uhr, Staatsoper,
Karten 7-119 Euro, Tel. 35 68 68 

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