Highlight / Kritik / Tanz & Performance

Europa, Europa

Kampnagel
Europa, Europa

Perfor­mance mit poli­ti­scher Botschaft: „Europa, Europa“ von FUL und The Knife

Text: Adrian Anton / Foto: Patriez van der Wens

„Europa, Europa“ wird als anti-natio­na­lis­ti­sches Kaba­rett der post-kolo­nia­len und queer-femi­nis­ti­schen Perfor­mance-Gruppe FUL und des schwe­di­schen Elek­tro-Duos The Knife ange­kün­digt. Im Vorfeld der schwe­di­schen Parla­ments­wah­len 2014 tourte das Agit­pop-Thea­ter quer durch Schwe­den, wobei alle Vorfüh­run­gen im Freien und ohne Eintritt statt­ge­fun­den haben. Nun ist die Truppe mit „Europa, Europa“ unter­wegs durch Europa und hat am 21. August 2015 beim Inter­na­tio­na­len Sommer­fes­ti­val auf Kamp­na­gel Deutsch­land­pre­miere.

„Europa, Europa“ beginnt mit einem mehr­spra­chig gesun­ge­nen Geburts­tags­lied: Es wird der 11. Geburts­tag von Fron­tex gefei­ert – eine zwei­fel­hafte Feier, wie schnell klar wird, als die Funk­tio­nen und Aufga­ben dieses Unter­neh­mens zur Siche­rung bzw. Abschot­tung der euro­päi­schen Außen­gren­zen eindring­lich geschil­dert werden. „Denn wir ster­ben an deinen Gren­zen, Europa!“ heißt es so auch in der folgen­den düste­ren Hymne, die musi­ka­lisch alle Elemente beinhal­tet, für die das schwe­di­sche Elek­tro-Duo The Knife bekannt ist: Trei­bende elek­tro­ni­sche Rhyth­men, sphä­ri­sche Instru­mente und Geräusch­ef­fekte sowie der einpräg­same Gesang von Karin Drei­jer. Im Hinter­grund pulsiert auf einem Screen „Tear the Walls of Europe“. Dass die Perfor­mance immer auch an den jewei­li­gen Auffüh­rungs­ort ange­passt wird, zeigt eine Dank­sa­gung an Initia­ti­ven zur Unter­stüt­zung von Flücht­lin­gen hier in Hamburg, darun­ter die Gruppe „Lampe­dusa Hamburg“, die auch im Publi­kum vertre­ten war, oder die Grup­pen „Welcome to Barm­bek“ oder „Refu­gees Welcome Karo­vier­tel“.

Die Perfor­mer Ellen Nyman, Bahareh Razekh Ahmadi, Kudzai Chim­baira und Rani Nair grei­fen sowohl auf zynisch-ironi­sche Elemente des poli­ti­schen Kaba­retts zurück, zum Beispiel wenn es um die Frage geht, wer ein Recht auf ein Stück vom Kuchen hat, als auch auf emotio­nale Erleb­nis­be­richte von Flücht­lin­gen, die sowohl von trau­ma­ti­schen Fluch­ter­in­ne­run­gen als auch der anschlie­ßen­den nicht weni­ger trau­ma­ti­schen Krimi­na­li­sie­rung in Europa berich­ten, wo sie als Lügner, Para­si­ten und Krimi­nelle bezeich­net werden. Als Empower­ment setzen FUL und The Knife in dem Song „For All the Names We are Not Allo­wed to Use“ dieser Diff­ar­mie­rung entge­gen: „Call us heroes! For all the borders we survi­ved, for all the fears we defied“.

„Europa, Europa“ wird weiter inner­halb der Gren­zen des Schen­gen-Abkom­mens touren und viel­leicht auch diese Gren­zen über­schrei­ten, gemäß der gemein­sam mit dem Publi­kum skan­dier­ten Schluss­for­de­rung: „No Borders – No Nati­ons – Stop Depor­ta­tion!“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*