Schätze finden und heben

Judith Compes über Humor, Inspiration und Vertrauen

31. August 2011 23:42 Uhr
Heilige Nacht

Zwei kongeniale Komödiantinnen: Theodora (Judith Compes) und Elisabet (Sabine Dahlhaus)

Seit 2007 gibt es den mit insgesamt 10000 Euro dotierten Hamburger Kindertheaterpreis, gestiftet von der Gesellschaft Harmonie in Kooperation mit der Hamburgischen Kulturstiftung. Mit dem Preis sollen alle zwei Jahre drei „herausragende Produktionen der freien Kindertheaterszene Hamburgs ausgezeichnet werden, die durch Originalität und Qualität überzeugen und damit neue künstlerische Impulse setzen. Ziel des Preises ist es, die professionelle, freie Hamburger Kindertheaterszene zu würdigen und zu fördern. Darüber hinaus soll der Preis sowohl zur Vertiefung als auch zur Ausweitung künstlerischer Prozesse in der Sparte Kindertheater” beitragen.

Nach dem Theater Triebwerk (2007) und Max Eipp (2009) erhielt den ersten Preis dieses Jahr die Theatergruppe kirschkern & COMPES für ihr Stück „Tri Tra Trullala – Kasperl Melchior Balthasar”. Grund genug, mal nachzufragen – Angela Dietz bekam mit Judith Compes eine Hälfte der Gruppe ans Urlaubstelefon.

 

Herzlichen Glückwunsch zum Kindertheaterpreis, Frau Compes!

Dankeschön!

Wie sind Sie darauf gekommen, die Weihnachtsgeschichte mit Kasperpuppen von zwei Nonnen spielen zu lassen?

Das war zunächst aus der Not geboren. In der Vorweihnachtszeit 2009 hatten wir kaum Auftritte, gerade, wenn Kindertheater an vielen Häusern Hochkonjunktur hat.

Sie haben kein eigenes, festes Haus?

Genau. Wir sind ja eine freie, mobile Theatergruppe. Wir gehen gern auf Tournee. In Hamburg spielen wir im Fundus Theater, im Lichthof Theater, an Schulen und in Kulturzentren. Aber es kamen fast gar keine Auftrittsangebote rein. Wir haben versucht, es uns zu erklären. Der ganze Druck und der Stress an den Schulen, da ist es vielleicht schwieriger, eine Theatergruppe in die Schule zu holen, als in ein Theaterhaus zu gehen. Und dann dachten wir, es könnte ein Kniff sein, die Weihnachtsgeschichte zu machen. Aus Quatsch habe ich es dann noch getoppt und Kasperletheater vorgeschlagen. Ich wollte das aus unserer Sicht Verrückteste, was möglich war.

Und Ihre Bühnenpartnerin, Sabine Dahlhaus, war gleich begeistert?

Nein, es herrschte nach meinem Vorschlag erst mal Stille im Raum! (lacht) Aber wir setzen bei der Arbeit großes Vertrauen ineinander. Keine hat Angst, was Dummes zu sagen oder kompliziert zu sein. Die andere ist offen und hört oder schaut erst mal zu, selbst wenn ihr etwas nicht gleich einleuchtet. Da gibt es großen Respekt und eine große Geduld füreinander.

Wir haben die Kasperpuppen rausgeholt, die ich noch aus meiner Kindheit hatte und angefangen zu improvisieren. Trotz Weihnachtsgeschichte wollten wir aber zum Beispiel die Puppe des Räubers behalten. Aus ihr wurde der Josef. Wir haben uns totgelacht beim Spielen und dann bemerkt: tatsächlich, da ist ein Schatz, der gehoben werden will.

Wie haben Sie aus der spaßigen Improvisation dann die Geschichte entwickelt, etwa die Nonnen gefunden?

Ich habe ein ganz langweiliges Stück geschrieben, so ganz blöd. Sabine und Judith kommen als Judith und Sabine an und dann sind die Koffer vertauscht.

Damit haben wir weiterimprovisiert und zusammen mit Marcel Weinand, der auch die Regie gemacht hat, den Text immer wieder umgeschrieben. Sabine hatte dann die tolle Idee mit den Nonnen! Sie konnte außerdem als Pfarrerstochter eine Menge Inspiration aus Bibelgeschichten holen.

Marcel hat auch die Puppen neu bekleidet. Wir haben schon eine lange, gemeinsame Theaterbeziehung – er hat einen wunderbaren Humor! Manchmal haben wir hinter Marcels Rücken etwas geändert, weil wir noch nicht zufrieden waren. Dann haben wir es Marcel vorgespielt, und er hat gesagt: „Um Gottes Willen”, und wir haben es wieder rückgängig gemacht. Und das war richtig so. Die ganze Weiterentwicklung war aufregend bis zum Schluss.

Zwischendurch reichte das Geld nicht. Zum Glück haben wir dann von der Hamburgischen Kulturstiftung einen Zuschuss von 2500 Euro erhalten.

In der Laudatio zum Kindertheaterpreis wurde Ihre dramaturgische Treffsicherheit gelobt. Wie erreichen Sie die?

Wir betrachten den Stoff von allen Seiten, auch spielerisch. Wir erschnüffeln das, suchen Trüffel. Während Sabine Dinge eher spielerisch ausprobiert, mache ich das denkend, frage: funktioniert das dramaturgisch? Wir springen hin und her, zwischen Denken, Tun, Spinnen. In der Tiefe unserer Herzen haben Sabine und ich da einen Gleichklang! Und wir haben immer Lust, dieses und jenes auszuprobieren, manchmal gerade das, von dem gesagt wird, das geht nicht.

Wie reagieren die zuschauenden Kinder auf „Tri Tra Trullala”?

Kasper kennen alle. Wenn die Nonnen kommen, lachen sie, auch wenn sie nicht wissen, was Nonnen sind. Die Kinder erkennen am Verhalten von Elisabet und Theodora, dass die Zwängen unterliegen und finden das komisch. Als die Nonnen merken, dass der Koffer vertauscht ist und sie die Kasperpuppen vorfinden, will Elisabet zurück ins Kloster. Aber Theodora erkennt die Chance. Und dann übernehmen die Figuren das Spiel. Es ist Kaspers Krippenspiel. Zwei Zauberer und der Kasper verkörpern die Heiligen Drei Könige, die Hexe ist die dritte Herbergsmutter, der Teufel/Ochse will Jesus verführen und Grabriel, der Rabe, rettet ihn. Die Kinder finden die Geschichte spannend, auch wenn sie den christlichen Hintergrund vielleicht gar nicht kennen. Es ist eine eigenständige Geschichte, über die sie lachen.

Haben Sie das Ziel, mit Ihrer Weihnachtsgeschichte öfters aufzutreten, erreicht?

Wir konnten im letzten Dezember fünfmal im Lichthof spielen und außerdem an einigen Schulen. Aber es könnten noch mehr sein.

Was machen Sie mit dem Preisgeld?

Das Geld ist schon ausgegeben. Aber der Preis ist für uns absolut großartig, denn die Ehre, die bleibt! Wir freuen uns sehr, denn er bestätigt uns in unserer Arbeit! Das prämierte Stück, „Tri Tra Trullala – Kasperl Melchior Balthasar”, ist sehr typisch für unseren Humor.

Das Geld haben wir in unsere aktuelle Inszenierung gesteckt: „ERNEST oder wie man ihn vergisst”. Während wir probten, kam uns die Idee, einen Film einzusetzen, um eine Erinnerungssequenz zu illustrieren. Wir hatten noch nie mit Video gearbeitet. Da kam uns das Geld wie gerufen.

Wie haben Sie das Neuland betreten?

Uns war wichtig, dass das Video kein bloßer Effekt ist, der nicht zu den anderen Stilmitteln passt. Wir haben dann entdeckt, dass wir es als sehr poetisches Mittel einsetzen können. Unser Regisseur, Thomas Esser war maßgeblich daran beteiligt. Die Zusammenarbeit mit ihm war überhaupt sehr fruchtbar, weil er so ungeheuer zuversichtlich ist. Er gehört zu der Theatergruppe Plan B. Wir haben schon öfters mit der Gruppe zusammengearbeitet, weil wir sie total schätzen. Am schönsten wäre es, wenn wir mal alle zusammen auf der Bühne stünden.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Gespräch genommen haben, Frau Compes!

Das Interview führte Angela Dietz

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