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Spiel Zigeunistan

Thalia in der Gaußstraße (Garage)
Spiel Zigeunistan

Wolkly (Rahul Chakraborty) kämpft für Anerkennung

Text: Angela Dietz | Foto: Fabian Hammerl

Wo liegt eigentlich Zigeunistan? Mitten unter uns. Doch das scheint kaum jemand zu wissen. Diesen Eindruck hinterlassen sowohl das neue Klassenzimmerstück des Thalia Theaters, „Spiel Zigeunistan“ von Christiane Richers, als auch das anschließende Publikumsgespräch (am Mittwoch, 29. Januar). Das biografisch-fiktive Theaterstück in der Regie von Anton Kurt Krause über den jungen Sinto Wolkly und seinen älteren Onkel Letscho zielt treffsicher auf das gestörte Verhältnis zwischen deutscher Mehrheitsgesellschaft und (deutschen) Sinti.

Wolkly/Letscho (Rahul Chakraborty) tanzt mit dem Springseil, Ausdauertraining für den Boxer. Nach jeder Einheit piept es aus der Digitalbox an der Wand. Und weiter geht’s. Erst eine Runde locker laufen. Dann zwei links, eine rechts, immer schneller, dann blindlings ein Trommelfeuer von Faustschlägen, so drischt der junge Boxer auf den Sandsack ein. Knie und Tritt – wham! Eine intensive, längere Eingangsszene auf karger Spielfläche (Ausstattung: Jennifer Wjertzoch), die ganz ohne Worte auskommt.

Die Handschuhe aus, Brausetabletten in die Mineralwasserflasche. Ordentlich schütteln, es sprudelt und zischt ein wenig aus der Flasche, während Wolkly/Letscho schweißnass an der Wand lehnt. Neben ihm hängt das kleine Foto der Boxerlegende Johann Wilhelm „Rukeli“ Trollmann, einem Sinto. (Der erfolgreiche Boxer und Publikumsliebling unterlag 1933 in einem Boxkampf, den die Nazis durch absurde Restriktionen zur Farce machten.) Chakrabortys Boxer ist absolut überzeugend, den jungen Mann spielt er nuancenreich. Die Flasche öffnet er schließlich mit Geduld und Fingerspitzengefühl, sodass kein Mineralwasser aus der Flasche spritzt.

„Der macht mich wahnsinnig“, so lauten Onkel und Boxtrainer Letschos erste Worte. Und nun beginnt die Erzählung, warum es nicht zum Aushalten ist, immer falsch zu sein, während die anderen immer richtig sind. Eine Erzählung von Klischees, Diskriminierung, Unverständnis, Verfolgung und Massenmord unter der nationalsozialistischen Herrschaft. Heute noch steckt die überlieferte Angst in den Knochen, dass gleich die Schergen kommen, um ihre Kinder aus der Schule direkt ins Konzentrationslager abzutransportieren. Historie und Gegenwart sind von Anne Rietschel dramaturgisch fein verwoben.

Kesselschmiede, Pferdehändler, fahrendes Volk, Diebe, begnadete Musiker, all die Klischees über Sinti (und Roma) tauchen auf. Wolkly nennt sie, spielt mit ihnen. Nie wird dieses Spiel platt in Regisseur Krauses Inszenierung. Schön, weil fast gruselig, wie Chakraborty das Lied über das Zigeunermädchen fast tonlos und ganz knapp daneben singt. Immer wieder bleibt die Frage nach der Wahrheit in der Luft hängen. Wir sind nicht fertig mit der Aufklärung. Das Unverständnis verschwindet nicht so leicht.

Letscho, der Wolkly als Boxtrainer betreut und den Jungen gut versteht, erklärt: „Ich übe keinen Zwang aus.“ Er sagt dem Jungen, was er denkt und ist für ihn da. Wolkly, der es in der Schule versucht hat. Den es aber kirre macht, morgens bei Ankunft in der Schule, das Gehirn auszuschalten.

„Das ist so. Das muss so sein“, Sätze, die Wolkly immer hinterfragen will und nicht gelten lässt. „Warum?“, fragt der, dessen Seele Flügel hat. Der, wenn er nicht schlafen kann, nachts aufsteht und 30er-, 40er- und 50er-Jahre-Jazz hört. Noten kann er nicht. Aber jedes Lied auf der Gitarre spielen, weil er der Musik zuhören kann und wenn er sie hundertmal hört. Er hat zu Letscho gesagt: „Beides geht nicht, Boxen und Musik.“ Nun ist er weg. Man geht doch nicht so einfach.

Nein. Seit über 600 Jahren leben Zigeuner, Sinti, in Deutschland, seit über 400 Jahren die Weiß-Familien in Hamburg, viele leben heute in Georgswerder. „Digga, wiss du misch vaaschen?“, fragen selbst die Kumpels aus den anderen Minderheiten-Familien. Denn, dass Wolkly Deutscher ist, klaro, okay, aber seine Eltern auch? Das kann nicht sein, ein „Schwarzkopf“ ist ein Deutscher seit Generationen?

Was am Ende den Ausschlag gegeben hat, dass Wolkly nicht mehr zur Schule geht und verschwindet, erfahren wir nicht. Wir sehen bloß zu, wie er im schwachen Lichtschein seinen Körper an der Wand reibt, auch Gesicht und Haare, bis sein Körper, seine bronzefarbene Haut, weiß gekalkt ist. So hat es auch sein Vorbild Rukeli gemacht, als er zu seinem letzten Kampf antrat. Er hat sich nicht demütigen lassen, im Gegenteil, er wollte der Öffentlichkeit das Groteske der NS-Rassenlehre widerspiegeln. Im Schlussbild fährt das Rolltor nach oben, geht der heutige Boxer durch den Prospekt ab, hinaus in die Kälte. In die Freiheit? In den Tod?

„Spiel Zigeunistan“ von Christiane Richers entstand u. a. auf Basis von Gesprächen mit Angehörigen der Familie Weiß in Georgswerder/Wilhelmsburg. Das mobile Klassenzimmerstück ist für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet und in zwei Varianten produziert worden, fürs Klassenzimmer und für die Bühne. Es kann für Schulen beim Thalia Theater gebucht werden: thaliaundschule(at)thalia-theater.de, Telefon: 040 – 32 81 41 39. Theaterpädagogik und Produktionsleitung: Herbert Enge.

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