Walter Giller

Am 15. Dezember verstarb der Schauspieler in Hamburg

3. Januar 2012 22:50 Uhr
Walter Giller

Walter Giller als Paulchen in "Zwei unter Millionen" (1961)

Er benötigte Jahre, bis er gelernt hatte zu lächeln. Und Jahrzehnte, bis er vom Klamottier, wie das am Theater heißt, zum ernstzunehmenden Charakterdarsteller herangewachsen war. Die Rede ist vom jüngst verstorbenen Walter Giller: „Ich war immer ein hervorragender Zweiter!“ So lautete eine seiner Standardformulierungen, die ich unzählige Male gehört habe, solange ich ihn kannte. Und er meinte damit zweierlei: Einmal ein sehr bescheidenes, aber völlig unnötiges Understatement als Schauspieler – unnötig angesichts seiner ungemein verblüffenden Wandlungsfähigkeit, die der eines Gert Fröbe oder Theo Lingen in nichts nachstand; und die Tatsache, dass er denn doch stets im Schatten seiner berühmten Ehefrau Nadja Tiller lebte, die künstlerisch einen vollkommen anderen Weg gegangen war als er. Dennoch galten beide vielen als das ideale Paar, das nicht nur in einer Vielzahl von Filmen gemeinsam vor der Kamera stand, sondern auch im Privatleben – bis hin zu den späten Tagen in einem Hamburger Edel-Lebensabend-Heim, dessen astronomische Kosten sich ein Ehepaar nur leisten konnte, das zeitlebens die besten deutschen Gagen einheimste. Aber – das muss nicht verschwiegen werden, da sie es selbst häufig beschmunzelten – sie hatten auch etwas von dem Virginia-Woolf-Paar des Edward Albee an sich, was nicht selten sogar im Atelier zu Kollisionen führte. Außerdem war Walter (und SIE wusste und beäugte das „not amused“) ein womanizer par excellence, dessen – aus Männersicht wirklich unbeschreiblichem – Charme die Frauenherzen quer durch alle sozialen Schichten entgegenschlugen, will sagen: Von der Maskenbildnerin über die Cutterin bis zur Schauspiel-Kollegin.

Aber Womanizer und Lebenskünstler, ja Lebensgenießer, waren sie alle damals, diese Lausbuben, geboren in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, in unterschiedlichen Leidensformen durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges geprägt, in einem Beruf tätig, der ständig Öffentlichkeit herstellte und versorgt mit prächtigen Gagen. Ich erinnere, dass Gert Fröbe mich, den über zehn Jahre jüngeren Assistenten, ständig einlud, wenn wir auf Reisen waren, weil er – wie er lachend grölte – einen prächtigen Agenten habe, der immer viel zu hohe Gagen aushandele; wie Lilo Pulvers früh verstorbener Ehemann Helmuth Schmid an drei vorstellungsfreien Abenden bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen (wo übrigens Walter Giller 1927 das Licht der Welt erblickt hatte), um die Häuser zog, in durchaus wechselnder Damenbegleitung; wie Hannes Messemer, der als junger Leutnant eine Kompanie deutscher Kindersoldaten durch russische Linien zurückgeführt hatte (bei einer Verlustquote, nach seinem eigenen Bericht, von über 50 Prozent allerdings!) sehr bald Alkoholiker wurde (während der Zeit seines Bochumer Engagements bei Hans Schalla, als er die ersten Kriegsfilme drehte) und sich neben seiner Whiskey- und Pfeifensammlung eine Frauensammlung leisten konnte und auch anschaffte. Ja, so warn’s, die berühmten deutschen Nachwuchsschauspieler damals, honi soit, qui mal y pense.

Walter Giller war für mich bereits ein Star, bevor er Schauspieler wurde. Er gehörte zum verlorenen Strandgut des Krieges, aber seine Frohnatur ließ ihn – nach seinen eigenen Worten – „das ganze Leben durchspielen“. Mögen ihm auch auf der anderen Lebensebene die Bühnen offenstehen.

Text: Hans-Peter Kurr

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