Wunschkinder

Ernst Deutsch Theater

21. März 2018 19:52 Uhr
Wunschkinder

Muss die Ratschläge seiner Eltern schultern: Sohn Philip Spreen zwischen Steffen Gräbner und Saskia Fischer

Text: Dagmar Ellen Fischer | Foto: Oliver Fantitsch

HipHop-Musik dröhnt von der Bühne. Als sie abrupt stoppt, atmen viele Zuschauer hörbar auf – Lautstärke und Stilistik trafen nicht den Musikgeschmack des Publikums und wirkten gezielt enervierend. Damit ist der Boden für den Generationen-Clash bereitet: Nicht nur häusliche Gewohnheiten trennen den 18-jährigen Marc von seinen Eltern, insbesondere seine (nicht vorhandenen) Pläne für ein Leben nach dem Abitur missfallen dem arrivierten Ehepaar – Marc isst, schläft, geht auf Partys und lässt ansonsten alles auf sich zukommen.

Damit ist das erste von drei Modellen im Stück „Wunschkinder“ skizziert: die konservative Familiensituation mit gut verdienendem Ernährer, Hausfrau und Sohn, die ein finanziell sorgenfreies Leben führen. Marcs Freundin Selma hingegen wächst weniger behütet auf: Ihre alleinerziehende Mutter ist psychisch krank, quält sich in einem schlecht bezahlten Job und ist mit der Tochter gründlich überfordert. Dazwischen bewegt sich Modell Nummer drei: Die erfolgreiche Geschäftsfrau in Gestalt von Marcs Tante hat sowohl im Beruf als auch mit ihren zwei erwachsenen Söhnen offenbar einiges richtig gemacht, denn ihre Kinder studieren und wissen, was sie wollen …

Auch das Autoren-Ehepaar Lutz Hübner und Sarah Nemitz wusste, was es mit dem Theaterstück „Wunschkinder“ will: Eltern mit Kindern im Abnabelungsprozess signalisieren, dass es keine Bedienungsanleitung für Jugendliche in dieser Phase gibt! Freimütig gestehen sie (im Programmheft) ein, zuhause ausreichend Anschauungsmaterial in Gestalt einer Tochter im passenden Alter zu haben. Und so entstand aus eigenen Erfahrungen und Beobachtungen im Freundeskreis ein Theaterstück mit hohem Identifikationsfaktor. Das ist nicht nur an den Stoßseufzern und befreienden Lachern während des Spiels zu hören, sondern auch als O-Ton in der Pause: „Genauso benimmt sich mein Sohn auch!“

Doch die Geschichte nimmt – natürlich – eine dramatische Wendung: Selma (überzeugend: Roxana Safarabadi) wird schwanger, und die beiden jungen Menschen stehen plötzlich vor einer schwierigen Entscheidung. Anhand dieser Tatsache spitzen sich die drei unterschiedlichen Erziehungsmodelle anschaulich zu: In Ermangelung einer sinnvollen Aufgabe plant Marcs Mutter (unentschlossen: Saskia Fischer), die Leerstelle in ihrem Leben durch eine Quasi-Adoption des noch ungeborenen Kindes zu füllen; auf diese Weise würde ihre Funktion, dem erwachsenen Sohn den Popo nachzutragen, bruchlos übergehen in die Rolle der gluckenden Großmutter. Selmas Mutter (großartig: Antje Otterson) schwankt zwischen großer Sorge um ihre Tochter und einem unsicheren Abstand zu ihr aus Angst, sich zu sehr einzumischen. Marcs Tante (dezent: Isabella Vértes-Schütter) kämpft als Schwester der übergriffigen Mutter gleich an zwei Fronten: Als Vertraute von Marc (differenziert: Philip Spreen) will sie dem jungen Paar helfen, indem sie von jeder Bevormundung abrät, trägt indes zeitgleich den Konflikt mit ihrer Schwester aus, der sie anschaulich die Abhängigkeit vom Gatten klar macht. Dieser (souverän: Steffen Gräbner) hat in der Vaterrolle einen ganz eigenen Konflikt mit dem in seinen Augen missratenen Sohn, den er als Versager abstempelt und mit konkreten Erwartungen erdrückt.

Den großartigen, mitunter pointiert witzigen Text setzt Regisseur Hartmut Uhlemann mit der bemerkenswerten Schauspieler-Riege gekonnt in Szene. Das Bühnenbild von Eva Humburg erlaubt zeitliches und räumliches Verschränken im Geschehen, was dem Ablauf zusätzliche Spannung und ein sich steigerndes Tempo verleiht.

„Wunschkinder“ beweist einmal mehr, warum Hübner/Nemitz an der Spitze der meistgespielten Autoren Deutschlands stehen, zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahmen sie im Ranking sogar Platz drei ein – hinter Goethe und Shakespeare.

Aufführungen bis 21.4. im Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Tel. 22 70 14 20

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