Zurück zu den Wurzeln

Der TV- und Theaterregisseur Professor Dietrich Haugk „back in town“

16. Dezember 2011 21:53 Uhr
Dietrich Haugk

Dreharbeiten 1980

Geboren wurde er 1925 im thüringischen Ellrich, seine Gymnasialzeit verbrachte er in Bielefeld, seine künstlerischen Wurzeln aber finden sich in Hamburg, wo er 1949 an der damaligen „Jungen Bühne“ mit einer Inszenierung von Heinz Coubiers „Aimée“ sein Debut als Bühnenregisseur gab. Als Schauspieler hatte er sich bereits 1946 am Stadttheater Bielefeld zum ersten Mal der Öffentlichkeit gestellt, in der Rolle des Oswald in Ibsens „Gespenster“, nachdem er den Kriegsdienst unbeschadet überlebt hatte. Jetzt ist er in die Stadt zurückgekehrt, in der seine künstlerische Karriere begann, nach Hamburg, ein einsamer Wolf, der – körperlich ein wenig malade – seine vermutlich letzte Heimat im Haus eines seiner Söhne in Hamburg-Rahlstedt gefunden hat, ein Menschenführer mit einem nachgerade unfassbaren Werdegang als Theater- und TV-Regisseur: 120 Theaterinszenierungen und 180 Film- und Fernsehinszenierungen füllen sein überreiches Leben!

Es war in Bielefeld, als wir einander kennenlernten, irgendwann Ende der 1950er Jahre, anlässlich einer Geburtstagsfeier zu Ehren seines Vaters. Haugk war damals bereits renommierter Schauspieldirektor am Württembergischen Staatstheater in Stuttgart und im Privatleben verheiratet mit der zahlreichen deutschen Zuschauern auch heute noch bekannten Schauspielerin Johanna von Koczian. Der Autor dieser Zeilen, damals Volontär in der Feuilletonredaktion der „Westfälischen Zeitung“, hatte kurz zuvor in Stuttgart Haugks bemerkenswerte Inszenierung der Adamov’schen „Toten Seelen“ gesehen und erhielt jetzt von seinem Ausbilder die ehrenvolle Aufgabe, den erfolgreichen Regisseur zu interviewen.

Von diesem Zeitpunkt an hat uns das Leben immer wieder zusammengeführt. Das endete (vorläufig) erst, als Haugk auf Lebenszeit die ehrenvolle Professur für Regie am Salzburger „Mozarteum“ erhielt. Da wurden die Entfernungen zu groß, die Tätigkeiten zu unterschiedlich. Aber in der Zwischenzeit – was haben wir alles gemeinsam „betrieben“: Der Chronist durfte, in seiner Eigenschaft als Künstlerischer Betriebsdirektor der Ruhrfestspiele, wichtige Inszenierungen des Freundes hochrangig besetzen und in einigen seiner TV-Serien Episodenrollen spielen. Alle diese Begegnungen waren immer von hoher Intensität geprägt, gemessen an dem Gesamtpensum des älteren Kollegen bildeten sie einen verschwindend kleinen Zeitraum; der Mann inszenierte immerhin als Gast in Zürich, Bochum, Recklinghausen, Bremen, Wien und von München bis San Francisco Opern wie „Tristan und Isolde“ oder „Parsifal“, Schauspiele von Shakespeare bis Brecht, lieferte Klassiker-Verfilmungen wie „Minna von Barnhelm“ oder „George Dandin“, wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis und mit der Goldenen Nymphe von Monte Carlo ausgezeichnet, drehte zahlreiche TV-Episoden von „Derrick“ bis „Praxis Bülowbogen“, verlieh als Synchronsprecher Dirk Bogarde, Montgomery Clift, Vittorio Gassmann und Gérard Philipp, Daniel Gelin und Michel Auclair seine Stimme und lebte vier – gescheiterte – Ehen.

Nun ist er zurückgekehrt, um die Jahre an der Elbe zu verbringen, die der Volksmund gemeinhin den Lebensabend nennt. Und so geschieht es denn, dass zwei ältere Herren einander zuweilen in der Lounge des Grand Elysée treffen, beide inzwischen mit einem „Knüppel“ (so nennt e r das Gerät und meint: Spazierstock) in der Hand, beide, vom Personal bereits schmunzelnd als Dammtor-Brothers apostrophiert, wie ehedem Rolf Liebermann und Herbert Paris, bei Kaffee und Kuchen schwelgend in der Erinnerung an längst verstorbene Kollegen. Und beide denken sie zur selben Zeit Schillers berühmten Satz „Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze …“

Text: Hans-Peter Kurr
Fotos: Haugk privat

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