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Die Macht der Körper

„Dancekiosk 2012“
Tchi-Kudum

„Tchi-Kudum“ – Regina Rossi reift im Samba-Rhythmus

Wieder mal lockt der „Dance­ki­osk“ zeit­ge­nös­si­sche Tänzer aus vielen Ländern nach Hamburg ins Sprech­werk. Erst­mals geht der Dance­ki­osk eine Koope­ra­tion mit dem Gänge­vier­tel und Kino e. V. ein und zeigt dort im Rahmen des Festi­vals Tanz- und Perfor­mance­filme. Auch ein Swing-Work­shop wird das Programm um eine neue Kompo­nente neben den bewähr­ten Trai­nings­räu­men des K3 bereichern.

Der erste Tanz­abend lieferte mit seiner Band­breite der Arbei­ten eine gute Einstim­mung. Regina Rossi erkun­det ohne falsche Scheu in „Tchi-Kudum“ ihre eige­nen Bezüge als Brasi­lia­ne­rin zum Samba und zum Karne­val. Doch sie blieb dabei nicht stehen: Ihre mutige Tanz­ar­beit wurde zur kriti­schen Analyse des südame­ri­ka­ni­schen Frau­en­bil­des und -körpers. Die eindrucks­vol­len Kostüme waren ein wich­ti­ger Bestand­teil ihrer Perfor­mance. Ohne den rich­ti­gen Rhyth­mus bewegt sie sich noch wie unter einer Topf­glo­cke, aus der nur ihre Arme und Beine heraus­ra­gen. Mit dem Karne­val kommt die Verän­de­rung. Der Samba bringt Rhyth­mus in ihr Leben. Ihn wird sie nicht mehr able­gen. Im stän­di­gen Sambaschritt schlüpft sie unter einen über­di­men­sio­na­len Reif­rock, von dem nur noch das Gerüst übrig geblie­ben ist, und wirbelt ihre heite­ren Runden. Sie wickelt sich ein Kostüm aus einem Galgen­strick, so dass die Enden wie Kuhglo­cken vor ihren Brüs­ten hängen. Zum Schluss stülpt sie sich eine Hexen­mähne aus Hanf über den Kopf. Die golde­nen Pumps blei­ben am Bühnen­rand stehen. In schlich­ten Haus­pan­tof­feln oder barfuß tanzt sie den Samba. Hat sie sich zuerst der straf­fen­den Mieder­hose entle­digt, so streift sie zum Schluss auch noch den Slip ab. Selbst die Haus­frau mit Cellu­li­tis ist zum Samba und zum sich entblö­ßen­den Frau­sein verpflichtet.

Julia Lüthje zeigt „Impres­sio­nen“ von einer Reise nach Marokko. Auf ihr weißes Kleid werden Bilder der Reise proji­ziert. Während sie immer mehr in den arabi­schen Tanz zur marok­ka­ni­schen Musik eintaucht, verschmel­zen auf ihrem Körper die Bilder der Araber mit ihrem eige­nen. Eine inter­es­sante Idee zu einer klei­nen Tanzarbeit.

„What happens with me“ handelt eben­falls von einer künst­le­ri­schen Begeg­nung, dies­mal zwischen zwei unter­schied­li­chen Frauen. Während der Bassist und der Gitar­rist an ihren Instru­men­ten impro­vi­sie­ren, regen sich die kleine, zarte Naoko Harden­ack und die große, kräf­tige Jasmin Peters zu immer neuen Bewe­gun­gen an. Sie stup­sen sich an, sie ziehen sich am Kragen nach oben, sie wälzen sich auf dem Boden, sie tanzen vergnügt Swing und sie wiegen sich beschau­lich Seite an Seite. Die wesent­lich stär­kere tänze­ri­sche Ausstrah­lung von Naoko lässt aber leider nur selten das Gefühl von gleich­ge­wich­ti­ger Anre­gung aufkommen.

In „2012: Liebe“ bege­ben sich drei Frauen auf die Suche nach der Wärme. In den Zeiten der Indi­vi­dua­li­sie­rung und des Einzel­kämp­fer­tums suchen sie nach dem offe­nen Raum für die Gemein­sam­kei­ten. Vorsich­tig beob­ach­ten sie sich gegen­sei­tig und lassen sich Zeit beim Erspü­ren des Gegen­übers. Lange Zeit können auch die Zuschauer nur erah­nen, wohin die Findungs­reise der Frauen gehen soll. Sind sie auf einem Esote­rik­se­mi­nar gelan­det? Zum Schluss sitzen die Perfor­me­rin­nen mitten unter ihnen und lehnen sich mal an die eine, mal an die andere wärmende Schulter.

Maike Mohr ist eine gute Bekannte im „Dance­ki­osk“. Dieses Mal präsen­tiert sie kein Solo, sondern eine Zusam­men­ar­beit mit drei weite­ren Künst­lern ganz unter­schied­li­cher Couleur: Ein Break­dan­cer, ein Saxo­pho­nist und ein Percus­sio­nist sind mit von der Partie. Um die gegen­sei­ti­gen künst­le­ri­schen Anre­gun­gen soll es gehen. Viel Raum wird der Einzel­dar­stel­lung gege­ben. Das wirkt zum Teil zu belie­big, um wirk­lich inter­es­sant zu sein. Erst in den zwei Parts, in denen die beiden Tänzer zu den Klän­gen der beiden Musi­ker gemein­sam tanzen, zeigen sie, wie wahre Anre­gung zu einem neuen schö­ne­ren inten­si­ve­ren Ganzen führen kann.

Gast­pro­duk­tio­nen aus der Türkei, Polen, Marokko, Däne­mark, den Nieder­lan­den und Deutsch­land stehen neben den Kurz­fil­men bis einschließ­lich 7. Juli nochan. Der Weg ins Sprech­werk oder Rich­tung Gänge­vier­tel dürfte sich lohnen.

Text: Birgit Schmalmack
Foto: Chris­tian Scholz

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