Highlight / Kritik / Schauspiel

Klaußners Stunde mit Minks

„Tod eines Handlungsreisenden“, St. Pauli Theater
Tod eines Handlungsreisenden

Die Söhne – Lomans ganzer Stolz (David Allers, Chris­tian Senge­wald und Burg­hart Klauß­ner)

Sie sind kein „odd couple“, eher ein idea­les Part­ner­paar, der 81-jährige Wilfried Minks und sein Star des Abends, Burk­hart Klauß­ner. Der spielt den Willy Loman, den Hand­lungs­rei­sen­den, der seit 1949 auf zahl­rei­chen inter­na­tio­na­len Bühnen seine Lebens­lüge der „Bedeut­sam­keit des Egos“ aufge­baut hat. Und der demons­triert, wie sein Autor Arthur Miller sich selber bzw. seine These, in jeder Tragö­die müsse es die Möglich­keit des Sieges geben, ad absur­dum führt.

Minks ist - nach seiner numehr über sechs Jahr­zehnte andau­ern­den Karriere als Maler, Bühnen­bild­ner, Thea­ter­lei­ter und Regis­seur - alt, erfah­ren und klug genug, um eine unse­rem Zeit­geist entspre­chende Insze­nie­rung zustan­de­zu­brin­gen. Die lässt zwar nichts von Millers sozi­al­kri­ti­scher Program­ma­tik aus, fällt aber niemals dem „senti­men­ta­len Pathos“ anheim, das der Autor nach der ameri­ka­ni­schen Urauf­füh­rung vor mehr als 60 Jahren sich selbst­kri­tisch ange­las­tet hat.

Bei der Reali­sie­rung dieser elegan­ten drama­tur­gi­schen Volte, die Minks wunder­voll gelingt, ist ihm sein Haupt­dar­stel­ler Burg­hart Klauß­ner ein so getreu­li­cher Wegge­fährte, dass er in der hohen Kunst der Menschen­dar­stel­lung das übrige Ensem­ble, na ja, zumin­dest hinter sich lässt. Allein seine Modu­la­ti­ons­fä­hig­keit, die ihn im Abstand von Minu­ten, ja zuwei­len Sekun­den vom Wutan­fall zur Liebes­er­klä­rung stür­men lässt, bindet den Zuschauer faszi­niert an seine Figur. Und zwar derge­stalt, dass die eine oder andere Rück­blende (eine Tech­nik, aus der die Hälfte von Millers Stück besteht) vorüber ist, ehe man sie reali­sie­ren konnte. Wilfried Minks insze­na­to­ri­sche Tech­nik, sie über­gangs­los anein­an­der­zu­rei­hen, entspricht gewiss Millers ursprüng­li­cher Inten­tion. Sie wäre aber ohne einen derart präsen­ten Schau­spie­ler nicht möglich. Das erlaubt dem Regis­seur, dessen Humor hinrei­chend bekannt ist, denn auch die eine oder andere kleine Albern­heit, z.B. die, von den Söhnen Biff und Happy zur Entlas­tung der geplag­ten Mutter aufgel­einte Wäsche hoch zwischen den Bühnen­por­ta­len hin- und herfah­ren zu lassen.

Insge­samt ein Schau­spiel­abend, der dem Dosto­jew­skij- und Ibsen-Jünger Arthur Miller in hohem, ja elitä­rem Maße gerecht wird. Und ein weite­rer Erfolg für dieses, aus Hamburgs Thea­ter­land­schaft heraus­ra­gende, Haus im Schat­ten der David­wa­che.

Text: Hans-Peter Kurr
Foto: Matthias Horn

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