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Tanguera

Staatsoper Hamburg
Tanguera

Schlecht beleu­mun­dete Kerle in schlecht beleuch­te­ten Spelun­ken

Text: Dagmar Ellen Fischer | Foto: Manuel Navarro

Mit einem klei­nen Koffer und großen Träu­men geht die junge Fran­zö­sin Giselle im Hafen von Buenos Aires mit unsi­che­ren Schrit­ten von Bord. Was sie erwar­tet, über­trifft ihre schlimms­ten Ahnun­gen: In einer üblen Kneipe warten unap­pe­tit­li­che Männer auf frisches Frau­en­fleisch, der verspro­chene Job entpuppt sich als trost­lose Prosti­tu­tion.

So beginnt „Tanguera“, das welt­weit erste Tango-Musi­cal aus Buenos Aires. Während der Sommer­pause zu Gast in der Hambur­ger Oper, entführt der 90-minü­tige Abend das Publi­kum auf eine Zeit­reise ans Ende des 19. Jahr­hun­derts. Damals brachen unzäh­lige Euro­päer aus ihrer krisen­ge­schüt­tel­ten Heimat zu südame­ri­ka­ni­schen Aben­teu­ern auf – und stran­de­ten in den Elends­vier­teln der Groß­stadt, so wie Giselle. Doch die junge Frau kämpft: gegen brutale Zuhäl­ter und für ihre Liebe zum argen­ti­ni­schen Hafen­ar­bei­ter, der sie aus den Fängen der Mafia befreien will.

Allein mit ihrer Körper­spra­che erzäh­len die argen­ti­ni­schen Tänzer Gisel­les Geschichte – und gleich­zei­tig jede Menge über die berüch­tigte Zeit, als der Tango entstand: Mit grobem Griff und wilden Wendun­gen unter­wirft der Zuhäl­ter die Neue; eine alternde Sänge­rin ringt in der Kneipe um einen Rest an Selbst­ach­tung; dort müssen sich auch die jungen Frauen den zahlen­den Frei­ern unmiss­ver­ständ­lich anbie­ten. Einge­bet­tet sind solch spre­chende Gesten in virtuo­sen Tango, den erotischs­ten alle Gesell­schafts­tänze. Rasant wirbeln die Paare umher, die Beine der Tänze­rin­nen umgar­nen die Männer­kör­per anzüg­lich, verwi­ckeln den Part­ner in endlose Drehun­gen oder initi­ie­ren den Dialog von vier Beinen. Das sechs­köp­fige Tango-Orches­ter schafft live für jede Szene die best­mög­li­che Atmo­sphäre. Und während Giselle dem Elend entkom­men kann, holt der Mafioso das nächste Mädchen vom Schiff ins Unglück ab. Doch am Ende siegen Hoff­nung und Lebens­freude in einem rausch­haf­ten Tango.

Auffüh­run­gen bis 24.8., Di–Fr 20 Uhr, Sa 15+20 Uhr, So 14+19 Uhr, Staats­oper
Karten 28–71,50 Euro, Tel. 35 68 68 und 450 118 676

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