Drehbühne / Hinterm Vorhang

Unterwegs mit Salut Salon

„Ein Haifisch im Aquarium", Thalia Theater
Salut Salon

Oskar legt Hand an. Iris Sieg­fried, Sonja Lena Schmid und Stephan Schad stehen ihm zur Seite.

Wieder ein neues Programm, das vierte in vier Jahren. Das tun sich die wenigs­ten an, das ist Knochen­ar­beit, dies­mal unter dem Titel „Ein Haifisch im Aqua­rium“. Am Premie­ren­abend sah wieder alles, was schwer erar­bei­tet ist, aus als koste es keine Mühe. Die vier Musi­ke­rin­nen des Hambur­ger Quar­tetts Salut Salon - Ange­lika Bach­mann (Violine), Iris Sigfried (Violine und Gesang), Sonja Lena Schmid (Violon­cello) und Anne von Twar­dow­ski (Klavier) berei­ten sich jedes Jahr neben ihrer laufen­den Tour auf ihr neues Programm vor, das sie dann erst zwei­ein­halb Wochen im Thalia Thea­ter in Hamburg spie­len, bevor sie damit welt­weit auf Tour gehen.

Wir haben das Quar­tett in dieser span­nen­den Phase zwischen dem alten und dem neuen Programm beglei­tet, in der sie leiden­schaft­lich um jedes Stück ringen, die Origi­nale verän­dern, weglas­sen, dazu­dich­ten, virtuos umschrei­ben, Über­gänge kompo­nie­ren - so lange, bis diese beson­dere Span­nung aus Rhyth­mus und Geschwin­dig­keit entsteht, die ihrer Spiel­freude entspricht und die Salut Salon ausmacht.

I

Dauernd andere Räume zum Üben. „Wir können froh sein, wenn wir über­haupt immer welche mit Flügel haben“, sagt Anne. Die Pianis­tin ist die einzige im Quar­tett, die ihr Instru­ment nicht mit auf Reisen nimmt; zumin­dest nicht das große, nur Klaviere in klei­ne­ren Versio­nen, das Akkor­deon, die Melo­dica. Gemein­sam geprobt wird immer dort, wo man gerade ist, also meis­tens dort, wo man am Abend das Gast­spiel gibt. Das kann im Trifo­lion im luxem­bour­gi­schen Echter­nach sein, im Prinz­re­gen­ten­thea­ter München, im Düssel­dor­fer Kom(m)ödchen, weit weg in China, oder bei Clown Dimi­tri im Tessin. Das kann aber auch ganz in der Nähe ihrer Heimat­stadt Hamburg sein, im Konzert­saal etwa einer Hotel­an­lage wie New Living Home, im Strand­ho­tel Glücks­burg, einem umge­bau­ten Pfer­de­stall im nörd­lich von Hamburg gele­ge­nen Ammers­bek oder im Meer­ka­ba­rett auf Sylt. Geprobt wird meist ab 15 Uhr, den ganzen Nach­mit­tag, vor jeder Abend­vor­stel­lung. Der Zeit­plan ist eng, aber ausge­füllt, jede Probe leitet eine andere der vier, berei­tet vor, was geprobt wird und wie lange; ein diszi­pli­nier­ter Vorgang. „Genial“, sagen sie: Vorbe­rei­tung, Nach­be­rei­tung, beim Feed­back zwischen Probe und Vorstel­lung sagt jede, was ihr wich­tig war, was noch offen ist, was sie störte und was sie erfreu­lich fand. Man ist nicht immer einer Meinung, aber genau darum geht es auch nicht.

II

Glücks­burg. Vom Strand­ho­tel hat man einen weiten Blick über die Flens­bur­ger Förde, dort, wo sie noch nicht Ostsee ist, aber die See schon ahnen lässt. Über dem Strand hängen an diesem Nach­mit­tag im Mai Wolken. Sonja kommt vom Spazier­gang zurück, durch­ge­at­met. „Ich liebe diese Luft. Man kann hier kilo­me­ter­weit am Wasser entlang­ge­hen. Herr­lich.“ Im Konzert­saal des Vier­ster­ne­ho­tels sind die Stühle der ersten Reihe belegt. Zwei offene Geigen­käs­ten bele­gen etwa sieben Stühle, dane­ben Jacken mal vier, vier­mal Taschen, der Cello­kas­ten. Eine Hand­spiel­puppe von der Größe eines klei­nen Jungen, im Frack, den Griff zum Anfas­sen auf Höhe des zwei­ten Hals­wir­bels. Gestat­ten? Oskar! Ordnung vor der Bühne ist während der Probe nicht wich­tig, und doch, weil Unord­nung im Außen mitun­ter innere Zustände ordnen hilft.

III

Von der klei­nen Bühne herun­ter ist Druck zu spüren, Zeit­druck. Man ist in der Expe­ri­men­tier­phase, spielt immer mehr Stücke des neuen Programms im alten, aber deshalb muss man sich ja für die Abend­vor­stel­lung trotz­dem auf eine Version eini­gen. „Lasst uns den Über­gang lang­sa­mer spie­len, mehr crescendo, über­ra­schen­der.“ Anne zählt voraus. Musi­ka­lisch springt der Hai, der dem neuen Programm den Titel gibt, ins Aqua­rium, Klavier­clus­ter mit dem rech­ten Unter­arm. Das klingt noch nicht so, wie man es sich vorge­stellt hat. Also noch einmal und wieder. Ton und Licht macht an diesem Abend Tors­ten. Er hat keinen einfa­chen Job. Die Bühne ist klein, die Möglich­kei­ten sind einfach. Im Foyer stehen auf Tischen mit weißen Decken und roten Läufern Sekt­glä­ser in Reihen. Iris sucht nach einer Möglich­keit, nach Saint-Saens‘ „Aqua­rium“ den Dämp­fer abzu­le­gen und entschei­det sich für die Kerzen­hal­ter­at­trappe an der Wand neben der Bühne.

IV

Gegen 18 Uhr gibt es etwas zu essen. Ange­lika hat schon das kleine Schwarze an, statt der Haihe­els aber die Bade­schlap­pen aus ihrem Hotel­zim­mer im drit­ten Stock, das mit Blick auf die Schiffe. Der Veran­stal­ter hat einge­la­den, das Quar­tett wohnt einige Tage im Hotel, samt Verpfle­gung, kann in Ruhe proben. Wieder ein Raum mit Flügel, dies­mal exqui­sit, am Ende ein eigent­lich archai­sches Tausch­ge­schäft - Musik gegen Kost und Logis. Ein biss­chen wirkt die Geige­rin mit den weißen Schlap­pen und dem dunkel­blauen Pull­over über dem klei­nen Schwar­zen wie eine dieser leicht neuro­ti­schen Frauen aus einem Film von Woody Allen. Eine passa­ble Fassade, hinter der man sich verste­cken kann. Nach­ein­an­der kommen die vier Frauen vom Büffet zurück. Alle haben sich wieder von der Spar­gel­creme­suppe genom­men. Sie schwär­men. Quali­tät freut, nicht nur in der Musik, auch beim Essen. Der Koch, gefragt, gibt später das Rezept preis. Aber Iris ist sich sicher: Er hat nicht alles verra­ten, irgend­eine geheime Zutat für sich behal­ten. „Wir können auch in der Küche spie­len. Für den Koch!“ Die Kell­ne­rin guckt etwas ratlos, aber amüsiert. Ob der Koch dann die ganze Wahr­heit sagt? Dabei wird in den nächs­ten Wochen sowieso keine der vier Musi­ke­rin­nen wirk­lich dazu kommen, zuhause Spar­gel zu schä­len und zur Suppe zu kochen. Die letz­ten Wochen vor ihrer Premiere im Thalia-Thea­ter sind immer zu wenige Wochen, jetzt sind es noch acht. Zu tun gibt es mehr, als Zeit verrin­nen kann. Abge­se­hen davon ist die Spar­gel­sai­son tradi­tio­nell sowieso am 24.Juni zu Ende.

V

Ammers­bek. Schon eine Stunde vor Konzert­be­ginn stehen die Zuschauer in einer langen Reihe vor der grünen Metall­tür, die zum ehema­li­gen Pfer­de­stall führt. Zum zwei­ten Mal hat der Kultur­kreis des Ortes Salut Salon einge­la­den. Mitglie­der des Kultur­krei­ses rücken Stühle zurecht, legen nahe der grünen Metall­tür auf einem Tisch die Reser­vie­rungs­bü­cher zurecht, Flyer, Info­ma­te­rial, eine Liste, in die, wer über weitere Auftritte des Hambur­ger Quar­tetts infor­miert werden will, seine Email-Adresse eintra­gen kann. Einer der Orga­ni­sa­to­ren sagt, die Nach­frage sei wieder so groß, man hätte den Pfer­de­stall gut zwei­mal füllen können. Die Unruhe im hinte­ren Teil des Saals über­trägt sich mitt­ler­weile bis auf die Bühne, wo noch immer geprobt wird. „Wir brau­chen noch zehn Minu­ten.“ Heißt: Wir brau­chen Ruhe. Auf dem Programm stehen heute abend fünf neue Stücke. Es geht vor allem um Abstim­mung. Wer tritt wann von wo auf? Welche Instru­mente müssen wo liegen? Außer­dem hat Oskar Premiere mit seinem „One Note Samba“. Der junge Mann hadert noch etwas mit seinem Auftritt, bei dem er neben Sonjas Cello steht, das auf Annes Flügel liegt. Hinter Flügel und Cello versteckt hält Iris Oskar und Sonja zupft für den jungen Mann. Der Stuhl hinter dem Flügel lässt eine hals­bre­che­ri­sche Nummer erah­nen. Dass sich bloß keiner verletzt! Hat jemand an das Mine­ral­was­ser gedacht, das rechts und links von der Bühne stehen muss? Nein. Doch. Aber das ist kein stil­les Wasser. Also noch einmal bestel­len. Stil­les Wasser, weil man das zwischen zwei Nummern schnel­ler trin­ken kann als Wasser mit Kohlen­säure. Für Mai ist es außer­ge­wöhn­lich heiß im ehema­li­gen Pfer­de­stall. Noch heißer wird es später beim Auftritt im Licht­ke­gel auf der klei­nen Bühne sein. Die Unruhe ist spür­bar, von jenseits der grünen Metall­tür, vom Misch­pult her, der Ton stimmt noch nicht. Die vier Frauen singen nach­ein­an­der, spie­len. Lang­sam stimmt die Einstel­lung. Unklar ist noch immer die genaue Abfolge des Programms. Kann mal einer eine Liste für den Tech­ni­ker schrei­ben? Damit der weiß, wann er auf wen den Spot rich­ten muss, und wann es auf der Bühne dunkel sein soll. Während der Vorhang zugeht, geht im Saal die Tür auf. Iris singt hinter dem Vorhang noch einmal den Song vom Hai. Vor dem Vorhang geht der Run auf die besten Sitz­plätze los.

VI

Hamburg, einige Tage nach Ende der Spar­gel­zeit. Es ist zwölf Uhr etwas, noch sieben Minu­ten bis zur Abfahrt des Regio­nal­ex­press 4311 von Gleis 6a im Haupt­bahn­hof. Die Route des Quar­tetts heute: bis Bützow, dann Umstei­gen Rich­tung Neustre­litz. Gespielt wird abends in der Konzert­kir­che Neubran­den­burg. Ange­lika schiebt ihren Koffer, der auf vier Rollen läuft und deshalb auch allein stehen könnte, neben sich her und in die Filiale eines dieser typi­schen Schnell­kaf­fee­aus­schanke. Mit Milch? Ja. Bitte. Danke. Deckel drauf. Macht zwei Euro sieb­zig. Sie wirkt, als habe sie den Kaffee nur gekauft, weil sie zwischen­drin keinen Leer­lauf mag, auch keinen mit einer Länge von sieben Minu­ten. Sie sagt: „In der Regio­nal­bahn bekommt man nichts.“ Wäre gerade jetzt noch jemand anzu­ru­fen, dann würde auch der Anruf noch in die Lücke passen zwischen Kaffee­bude und Zug.

In den Regio­nal­ex­press stei­gen so viele Menschen ein, dass Ange­lika offen­sicht­lich eine „Reise nach Jeru­sa­lem“ befürch­tet. Wo denn die erste Klasse sei, fragt sie die Schaff­ne­rin, die - die Ruhe selbst - neben dem Einstieg steht, während die Menschen­mas­sen an ihr vorbei­zie­hen. „Oben“, antwor­tet sie und deutet mit dem Finger auf die obere Etage des zwei­stö­cki­gen Zugs. Koffer, Geige, Tasche, vorbei an einem Fahr­rad, zwei Trep­pen hinauf, zwischen Ruck­sä­cken und Schlaf­mat­ten hindurch, über­all kauern Fahr­gäste, die eigent­lich zweit­klas­sig fahren woll­ten und nun wegen eige­ner Über­zahl in Gängen lungern. Seit heute sind in Hamburg Ferien. Auf einem ehema­li­gen russi­schen Mili­tär­flug­platz bei Neustre­litz läuft seit Tagen das Fusion-Festi­val, für das fast 60 000 Karten verkauft wurden.

In der ersten Klasse gibt es tatsäch­lich freie Plätze. Wenn ein Zug so voll ist, sagt Ange­lika, dürfe man auch mit dem Länder­ti­cket zwei­ter Klasse erst­klas­sig reisen. Anne hat ihr Gepäck unten stehen gelas­sen, Koffer und Akkor­deon, sitzt jetzt auch erst­klas­sig, eine Reihe weiter am Fens­ter. Ob das wirk­lich okay sei? Ange­lika sagt: „Ja.“ Es wäre einfach zu anstren­gend, erst im Zug zu stehen und später noch auf der Bühne. Sie kramt den Proben­plan für den Nach­mit­tag aus der Tasche und fängt an, kleine läng­li­che Merk­zet­tel­chen in grün, grau, rosé, gelb und blau auf DinA-4-Papier zu kleben. Die Luft ist klima­ti­siert, zwei Stun­den lang zieht meck­len­bur­gi­sche Land­schaft wie ein Panorama vorbei. Anne liest, studiert Klavier­sätze am Compu­ter. Sonja ist mit Cello und Koffer zwischen erst­se­mest­ri­gen Medi­zin­stu­den­ten einge­klemmt, die Bier trin­ken. Irgendwo im Zug sitzt auch Iris, mit einer Tüte Sushi vor sich und der Gruppenfahrkarte.

VII

Krea­ti­vi­tät ist gemein­hin ein Vorgang, bei dem etwas Neues entsteht, indem man etwas Altes verwirft. Nicht gleich den ganzen Mozart oder Vivaldi, nein. Aber ein paar Noten, viel­leicht die entschei­den­den, die aus der reinen Klas­sik das machen, was sich auch eigent­lich klas­sik­ferne Menschen gern anhö­ren. Ein ande­rer Einstieg viel­leicht, mitten­drin ein klei­nes Zitat eines ande­ren, oder eine drama­tur­gisch sinn­volle Vertei­lung aller Noten auf zwei Geigen statt einer, Akkor­deon statt Klavier, Flöte statt Cello, Tanz­schritte unisono, akro­ba­ti­sche Verren­kun­gen. Die vier Frauen von Salut Salon ändern jedes Stück, das sie spie­len. Ob man das darf? Puris­ten sagen: nein. Bei der Auswahl der Stücke gibt die eigene Leiden­schaft den Ton an, manch­mal ist es einfach so, dass eine der vier ein Stück hört und es berührt etwas in ihr. Also probiert man es zu viert, vieles fügt sich im Zusam­men­spiel, dann inner­halb des Programms. Das dauert manch­mal Wochen. Krea­ti­vi­tät bleibt ein Vorgang, was heißt, dass während­des­sen Zeit vergeht.

VIII

Bützow. Sonja sitzt noch immer im Regio­nal­ex­press 4311 nach Rostock. Die ande­ren drei im OLA 79807 Rich­tung Neubran­den­burg. Sonja fährt Rich­tung Norden, die ande­ren Rich­tung Osten. Die Medi­zin­stu­den­ten, die sich zwei Stun­den lang über Witze von Opera­tio­nen, Blon­di­nen und Hirn­grö­ßen amüsiert hatten, schaff­ten es am Umstei­ge­bahn­hof Bützow nicht, ihre Schlaf­mat­ten und Ruck­sä­cke schnell genug aus dem Weg zu räumen, so dass Sonja, Cello und Koffer an ihnen vorbei zum Ausgang hätten gelan­gen können. Als der Zug weiter­fährt, bekommt Sonja Magen­schmer­zen. Bis nach dem Konzert wird sie die nicht los, auch nachts nicht, während sie mit Iris im gemie­te­ten Auto noch weiter nach Berlin fährt.

IX

Vorpre­mie­ren sind Vorstel­lun­gen, bei denen das neue Programm auspro­biert wird. Ab Januar sind eigent­lich alle Tour­kon­zerte von Salut Salon Vorpre­mie­ren. Jeder Abend ist anders. Das geht bis Juli so, dann steht das Programm, mit dem die vier ab Septem­ber auf Tour gehen. Offi­zi­ell vorge­stellt wird es im Thalia Thea­ter in Hamburg, vor heimi­schem Publi­kum. Das Prophe­ten-Phäno­men, das alle kennen, die schon einmal daheim gespielt haben oder ein Stück Text vorge­le­sen oder über­haupt Gedan­ken geäu­ßert, kennen die vier Wahl- und Hambur­ge­rin­nen nicht. Die Welt­presse ist begeis­tert, die heimi­sche auch. Die Frage, ob das, was Salut Salon machen, noch Klas­sik ist, liebt Ange­lika in Inter­views beson­ders, wo sie doch beide Seiten kennt, als Geige­rin weiß, was Klas­sik sollen muss und dürfen kann, und weil sie selbst auch so ungern still­sitzt. „Wir machen Musik für alle“, sagt sie dann. „Für Klas­sik­ken­ner wie für die, die das erste Mal in ein Kammer­kon­zert kommen.“ Die Musik als Geburts­hel­fer, gar nicht tragisch, weil es meis­tens gut ausgeht. Es ist kurz vor sechs Uhr abends, als auch Sonja mit Cello, Koffer und mehr als einstün­di­ger Verspä­tung die Konzert­kir­che Neubran­den­burg betritt.

X

Neubran­den­burg. Seit 2001 ist in der dritt­größ­ten Stadt Meck­len­burg-Vorpom­merns die Kirche St.Marien Konzert­kir­che mit 850 Sitz­plät­zen. Hier spiel­ten schon die Pianis­tin Hélène Grimaud und der Pianist Alfred Bren­del. Zuhause ist hier die Neubran­den­bur­ger Phil­har­mo­nie. Ange­li­kas Proben­plan aus dem Zug hängt im Aufstel­ler, geprobt wird im Vier­tel­stun­den­takt; alle fünf­zehn Minu­ten ein ande­res Stück. Manch­mal machen gar nicht virtuose Stücke wie Sara­sa­tes „Intro­duk­tion und Taran­tella“ Probleme. Manch­mal verzwei­feln die Perfek­tio­nis­tin­nen an eigent­lich einfa­chen Über­lei­tun­gen. Während Iris und Sonja damit beschäf­tigt sind, das Cello so auf den Flügel zu posi­tio­nie­ren, dass daraus später für Oskar ein Kontra­bass werden kann, spie­len Anne und Ange­lika die immer selbe Melo­die. Na gut, nicht immer die immer selbe Melo­die. Es ist eben doch etwas ande­res, ob man Zeit hatte, allein und für sich zu üben, oder ob man die eigene Stimme im Zug auswen­dig gelernt hat. Anne sagt: „Spiel irgend­was.“ Ange­lika spielt und spielt und spielt, auch, weil man im derzei­ti­gen Stand der Nummer nie weiß, wie lange Iris und Sonja für den Umbau brau­chen. Auch eine Art von Üben. Noch ist alles Probe.

XI

In der Konzert­kir­che ist es erst dunkel, wenn es auch drau­ßen dunkel ist. An diesem Abend geht die Sonne nach halb zehn unter, die vier Musi­ke­rin­nen treten im Hellen auf. Man ist ein bißchen spät dran. Bis kurz nach halb acht Feed­back­runde, dann noch eine Klei­nig­keit essen, umzie­hen, schmin­ken. Bis kurz vor acht hatte Iris noch die vorge­wärm­ten Locken­wick­ler im Haar. Bei der Hai-Ouver­türe merkt davon keiner was, alle sind sofort präsent. Das Publi­kum zieht spätes­tens beim zwei­ten Stück nach, in die „Taran­tella“ fällt begeis­ter­ter Applaus in den Schluss­ak­kord. Fünf­un­vier­zig Minu­ten und zehn weitere Stücke später ist Pause. Das Publi­kum summt beim Hinaus­ge­hen den Refrain des Haifisch­songs. Die vier im klei­nen Schwar­zen tauchen in die Musi­ker­räume ab, die dort sind, wo sich sonst in Kirchen die Gruft befin­det, essen, ruhen aus, versu­chen, Magen­schmer­zen wegzu­mas­sie­ren. Ange­lika spielt im vorde­ren Kirchen­teil hinter der Bühne Geige.

XII

„Meine üben ja nicht“, sagt die Frau in Reihe 13, die mit ein paar ande­ren Frauen ziem­lich mittig im Parkett sitzt und einen prima Blick auf die Bühne hat. Nicht genug, wird sie gesagt haben wollen. Nicht genug, um auch irgend­wann einmal auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen. „So was muss ein Lebens­ziel sein, sonst geht das nicht“, philo­so­phiert sie weiter, während sich die Reihen lich­ten. Pause. Die Zuhö­rer in der Kultur­kir­che Neubran­den­burg strö­men ins Foyer. Sie reden über klas­si­sche Musik. Und über Freude beim Spie­len. Durch­schnitt­lich nur etwa jeder fünfte von ihnen spielt selbst ein Instru­ment. An diesem Abend ist das nicht wich­tig. Die Musik macht den Menschen Spaß, sie applau­die­ren, wenn ihnen etwas gefällt, rück­sichts­los, mitten im Stück, wenn es denn passend erscheint. Den Meckie Messer kennen sie hier alle. Sie freuen sich, lachen. Die Dame im Pensi­ons­al­ter, die mit ihrer Toch­ter da ist, fragt: „Kommen die jedes Jahr?“

XIII

Minu­tiös ist jeder Über­gang geplant, jede Phrase, jedes Crescendo. Trotz­dem läuft kein Abend nach Plan. Den gibt es viel­leicht nur, weil ein Plan dazu­ge­hört, weil es beru­higt, alles bespro­chen zu haben. Wenn der Vorhang aufgeht, ist alles anders. Auch wenn es wie in Neubran­den­burg keinen Vorhang gibt. Dann zählt nur, was im Moment passiert - und Über­le­bens­wil­len. An diesem Abend beweist Iris, dass ihrer beson­ders stark ist. Beim Umbau für Oskars „One Note Samba“ rammt Sonja ihr das Cello mit der Schne­cke voran gegen den Kopf, Iris taucht ab, dort­hin, wo sonst der Stuhl hinter dem Flügel steht. Dies­mal hat Rein­hard, der Tech­ni­ker, dort ein Podest aufge­baut. Wie immer, wenn etwas schief geht, dieselbe Proze­dur: Ange­lika lacht, dann Anne, dann Sonja, dann Iris. Dann lacht das Publi­kum und applau­diert. Weh getan hat es trotz­dem. Später sagt Marcos, der eigent­lich ordent­li­cher Geiger bei den Neubran­den­bur­ger Phil­har­mo­ni­kern ist, und der an diesem Abend im Publi­kum saß (anders begeis­tert als die ande­ren Zuschauer, weil er nun über­legt, auf seiner Geige auch mal „unor­dent­lich“ zu spie­len) - Marcos sagt später, als in der Nach­be­spre­chung des Konzerts zwischen den Musi­ke­rin­nen kein Patzer unkri­ti­siert bleibt, keine Panne uner­wähnt, als alles, was nicht stimmte, ange­spro­chen wird - er habe ja gedacht, das Programm sei genauso wie er es gese­hen hat, auch geplant gewe­sen. Ange­lika lacht. „Das ist der Satz des Abends.“

XIV

Nur noch sieben Tage bis zur offi­zi­el­len Premiere. In der Nacht von Finger­sät­zen geträumt. Am nächs­ten Morgen wird nach dem Früh­stück im Hotel gleich geübt, zwei Stun­den später müssen Ange­lika und Anne den Zug von Neubran­den­burg nach Berlin errei­chen, abends ist die nächste Vorpre­miere in Pots­dam, die vorvor­letzte. Ab 15 Uhr wird geprobt, den ganzen Nach­mit­tag. Der Zeit­plan ist eng, aber ausge­füllt, die Probe leitet Iris. Als Anne und Ange­lika gegen halb drei in Pots­dam ankom­men, ist Sonja mit Cello und Koffer auch schon da.

Text: Stepha­nie Schiller
Fotos: Peter Dammann

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