Interview / Kinder & Jugend

Blitzlichter im Inneren der Figur

Michael Müller – Dramaturg, Theaterpädagoge und Autor
Michael Müller

Michael Müller wandelt zwischen verknapp­tem Realis­mus und Poesie.

GODOT sprach mit Michael Müller, seit zwan­zig Jahren im künst­le­ri­schen Team des Deut­schen Schau­spiel­hau­ses Hamburg. In dieser Spiel­zeit sind drei Stücke von ihm im Spiel­plan.

Herz­li­chen Glück­wunsch, am 27. Mai gab die Jury des Mülhei­mer Kinder­stü­cke­prei­ses bekannt, dass „Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ ausge­zeich­net wird. Gibt es ein reales Vorbild, einen Jungen, der Dich zu dieser Geschichte inspi­rierte?

Wenn ich mich auf die Reise zu einer Geschichte begebe, geht sie meist von einer Begeg­nung aus, woraus sich sehr schnell eine über­ge­ord­nete gesell­schaft­li­che Frage formu­liert. Die Arbeit beginnt nicht mit einem Plot, nicht als: Ich erzähle von Dede Afful, der ille­gal in Hamburg lebt, sondern was macht die tägli­che Angst, aber auch die Norma­li­tät eines Lebens in einer Schat­ten­welt aus. Ich suche nach dem klei­nen Erleb­nis, das ein dahin­ter stehen­des exis­ten­zi­el­le­res Problem aufmacht. Das verste­hen die Jugend­li­chen dann auf verschie­de­nen Ebenen ihrer Abstrak­ti­ons­fä­hig­keit. Irgendwo in Hamburg wird es einen Dede geben, Bruch­stü­cke seiner Geschichte, doch, was er erlebt, steht stell­ver­tre­tend für viele. Wenn Menschen den Thea­ter­bus verlas­sen, kommen sie häufig direkt auf uns zu und fragen: Woher kann­tet ihr meine Geschichte und begin­nen von sich zu erzäh­len. Im Falle von „Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ gab es eine Begeg­nung mit einem jungen Afri­ka­ner, der ohne Eltern in Hamburg gestran­det ist. Daraus resul­tierte eine Reihe von Gesprä­chen mit Schü­lern, die afri­ka­ni­sche Wurzeln hatten und Vertre­tern der Sozi­al­ein­rich­tun­gen und Betrof­fe­nen­ver­bände. Doch das wich­tigste war beim Schrei­ben die Geschichte persön­lich zu inter­pre­tie­ren, ich musste selbst Dede werden, um seine Sehn­süchte zu erzäh­len. Denn trotz der poli­ti­schen Brisanz des Themas ist das Stück eine berüh­rende einfa­che Geschichte der Suche nach Glück.

Was war zuerst da, der Bus oder Dein Stück für einen beson­de­ren Ort?

Die Idee zum Stück ist zunächst unab­hän­gig vom Ort entstan­den. Und dann kam dank des Spon­so­rings durch die PVG/HVV der Bus vorge­fah­ren, und ich schrieb für den Bus. Der Bus eignet sich extrem gut als Flucht­punkt für die Darstel­ler, aber auch für die Zuschauer. Er ist intim und unmit­tel­bar. An einer Stelle will Dede mit dem Bus losfah­ren, da wird deut­lich, wie wir alle plötz­lich unfrei­wil­lig zu Mitflüch­ten­den werden können, dass nichts sicher auf dieser Welt ist.

Erst zum zwei­ten Mal wurde dieser Preis 2011 verge­ben, kann man das als Wert­schät­zung des Kinder- und Jugend­thea­ters sehen? Wie siehst Du es?

Die Einrich­tung des Prei­ses ist ein echter Glücks­fall für uns Schrei­ber. Ich wurde von der Jury genauso wert­ge­schätzt wie Elfriede Jeli­nek, wobei wir beide von der Person her wohl kaum verschie­de­ner sein könn­ten. Bei der Verlei­hung in der Stadt­halle hatte das „Erwach­sen­stück“ zwar den Vortritt, aber das war’s dann auch. Im Inter­net­fo­rum zu der Preis­ver­lei­hung verfolgte ich einen sehr inter­es­san­ten Blog zu meinem Stück, wo es darum ging, ob es über­haupt eine Unter­schei­dung zwischen den Spar­ten braucht und einhel­lig die Meinung herrschte, dass „Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ im Grunde „alters­los“ sei, dass es gene­rell diese Kate­go­rien nicht bräuchte. Das zeigt sich auch an unse­ren Besu­chern: Von 8 bis 80 war schon alles dabei. Es gibt manch­mal Rück­mel­dun­gen von KUJ-Thea­tern, dass ich, obwohl sich die Spra­che in meinen Stücken an der der Jugend­li­chen orien­tiert, sie aber nicht kopiert, ich zu „anspruchs­voll“ in meinen Gedan­ken sei. Meine Antwort ist: Ich drücke Zustände aus, die tief in uns veran­kert sind, denen ich eine eigene Spra­che verleihe, auch wenn die Person sich nicht so ausdrü­cken würde, so ist es doch die Spra­che ihrer Seele. Ich versu­che da einen eige­nen Weg zwischen verknapp­tem Realis­mus und Poesie zu gehen und ich weiß, dass junge Menschen diese Spra­che sehr wohl verste­hen. Das zeigen auch die Nach­ge­sprä­che zu den Auffüh­run­gen.

Und wie hast Du von Deiner Nomi­nie­rung erfah­ren?

Ich bin ja immer ein biss­chen dusse­lig. Als die Jury mich anrief, kam ich gar nicht darauf, dass sie mein Stück mein­ten und dann habe ich darauf hinge­wie­sen, dass wir in einem Bus spie­len. Die Antwort: Na ja, der Bus kann doch auch nach Mülheim fahren! Und so kam es, wir spiel­ten sieben Mal auf Schul­hö­fen aller Schul­for­men mit allem, was dazu gehört, denn, wenn Dede über den Schul­hof rennt, ist er schon manches Mal von Lehrern aufge­hal­ten worden.

Du arbei­test seit Jahren in diesem Bereich, was hat sich gesell­schaft­lich verän­dert?

Die Lügen werden größer. Leider bin ich als „junger Autor“ noch nicht in der Lage, das lite­ra­risch schon exakt einzu­krei­sen. Ich bin ja selbst mitten­drin. Ich denke zwar beim Schrei­ben schon so, aber mein Auftrag besteht nicht darin, als Jour­na­list oder Aufklä­rer vorzu­ge­hen, sondern als Erzäh­ler. Ich schreibe gerade eine Auftrags­ar­beit über das Thema Hartz IV. Mir sträubte sich alles, mit diesen Klischees umge­hen zu müssen. Nun kann ich den Fakten nicht entkom­men, aber Edward, meine Haupt­fi­gur, wurde von seinem Vater nach einem König benannt und spricht auf dem Hoch­haus­dach mit einem Ritter über seine Träume. Dass er seinen Stief­va­ter gerade kran­ken­haus­reif geschla­gen hat, erfah­ren wir erst am Ende des Stücks. … Die Träume blei­ben gleich. Was wollen denn junge Leute bei nähe­rer Betrach­tung: Iden­ti­tät, Glück, Selbst­ver­wirk­li­chung und viele wollen ein Leben in Wohl­stand, Arbeit, soziale Netze. Und da wären wir wieder bei den Lügen. Unsere Regie­rung versäumt es seit Jahren, ausein­an­der drif­tende Teile unsere Gesell­schaft einan­der zuzu­füh­ren. Und den Ausdruck „Mitbür­ger mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ kann ich nicht mehr hören.

Wann entstand Dein erstes Thea­ter­stück?

Mit sieb­zehn, klas­sisch für die Abi-Entlas­sungs­feier, Miss­stände im Schul­sys­tem wurden scho­nungs­los aufge­deckt, entfrem­de­tes Lernen, soziale Kälte, man sieht ich war schon immer so, das Stück war natür­lich grau­sam. Dann folg­ten einige Roman­ver­su­che, und dann entdeckte ich zunächst die Male­rei.
2009 kam dann das Amok­stück „Plötz­lich war er aus der Welt gefal­len“, das wir im Klas­sen­zim­mer spiel­ten. Und es erhielt gleich eine Nomi­nie­rung. Wenn ich das alles bedenke … warum hat es so viele Jahre gedau­ert, bis ich zum Schrei­ben zurück­ge­kehrt bin?

Vermut­lich befruch­ten sich Male­rei und Schrift­stel­le­rei, aber wie sehr?

Meine Bilder waren eigent­lich schon Geschich­ten und Begeg­nun­gen, nur ohne Worte. Beim Schrei­ben setzt sich der Text sofort in Bilder um, nicht in Szenen, eher wie Blitz­lich­ter im Inne­ren der Figur, besser kann ich das jetzt nicht ausdrü­cken.

Und nun schon eine neue Arbeit für den Schau­spiel­haus-Bus, ein neues Thema: „Morgen Alaska“ …

Da ist Klaus Schu­ma­cher, der Leiter des JSH nicht ganz unschul­dig dran. Ich wollte ein Projekt zum Thema „Lebens­flucht“ machen und schlug vor, sich an „Into the Wild“, den Film kennen ja viele, zu orien­tie­ren. Da sagte Klaus: Schreib doch was Eige­nes zu der Proble­ma­tik. Es entstand Emilia, die auf Jonas wartet. Sie hat ihn an seinen Traum von unab­ding­ba­rer Frei­heit verlo­ren. Das Letzte, was sie sah, war, wie er als Tram­per in einen LKW stieg. Eigent­lich ist es eine Geschichte über den Verlust von Liebe, Hoff­nung und im Falle von Emilia auch von sich selbst. Erst als sie Jonas loslässt, fängt ihr eige­nes Leben an. Es ist also auch eine Geschichte über den Tod. Aber keine Angst, vieles ist sehr heiter und lebens­be­ja­hend, ich selbst liebe das Leben viel zu sehr, meine Figu­ren haben sehr viel Kraft, die lassen sich nicht unter­krie­gen.

Was wirst Du mit dem Preis­geld anstel­len?

Träu­men dürfen … eine Reise nach Südame­rika, selbst­ver­ständ­lich mit Begeg­nun­gen und Eindrü­cken für mein über­über­nächs­tes Stück.

Das Inter­view führte Dagmar Ellen Fischer

2 Comments

  1. Christa Groß says:

    Von Anfang an inter­es­siere ich mich für GODOT. Was aber soll das neue düstere und altmo­di­sche Logo? Wollt ihr nur noch für Boule­vard­thea­ter und Volks­büh­nen schrei­ben?
    Beson­ders gern lese ich übri­gens Tilla Lingen­bergs Wort­spie­le­reien.

    • Sören Ingwersen says:

      Wir wollen keines­wegs nur über Boule­vard­thea­ter schrei­ben. Wenn das Logo dies signa­li­siert, müssen wir wohl noch mal mit unse­rem Grafi­ker reden.

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