Interview / Kinder & Jugend

Schätze finden und heben

Judith Compes über Humor, Inspiration und Vertrauen
Heilige Nacht

Zwei konge­niale Komö­di­an­tin­nen: Theo­dora (Judith Compes) und Elisa­bet (Sabine Dahlhaus)

Seit 2007 gibt es den mit insge­samt 10000 Euro dotier­ten Hambur­ger Kinder­thea­ter­preis, gestif­tet von der Gesell­schaft Harmo­nie in Koope­ra­tion mit der Hambur­gi­schen Kultur­stif­tung. Mit dem Preis sollen alle zwei Jahre drei „heraus­ra­gende Produk­tio­nen der freien Kinder­thea­ter­szene Hamburgs ausge­zeich­net werden, die durch Origi­na­li­tät und Quali­tät über­zeu­gen und damit neue künst­le­ri­sche Impulse setzen. Ziel des Prei­ses ist es, die profes­sio­nelle, freie Hambur­ger Kinder­thea­ter­szene zu würdi­gen und zu fördern. Darüber hinaus soll der Preis sowohl zur Vertie­fung als auch zur Auswei­tung künst­le­ri­scher Prozesse in der Sparte Kinder­thea­ter” beitragen.

Nach dem Thea­ter Trieb­werk (2007) und Max Eipp (2009) erhielt den ersten Preis dieses Jahr die Thea­ter­gruppe kirsch­kern & COMPES für ihr Stück „Tri Tra Trul­lala – Kasperl Melchior Baltha­sar”. Grund genug, mal nach­zu­fra­gen – Angela Dietz bekam mit Judith Compes eine Hälfte der Gruppe ans Urlaubstelefon.

 

Herz­li­chen Glück­wunsch zum Kinder­thea­ter­preis, Frau Compes!

Danke­schön!

Wie sind Sie darauf gekom­men, die Weih­nachts­ge­schichte mit Kasper­pup­pen von zwei Nonnen spie­len zu lassen?

Das war zunächst aus der Not gebo­ren. In der Vorweih­nachts­zeit 2009 hatten wir kaum Auftritte, gerade, wenn Kinder­thea­ter an vielen Häusern Hoch­kon­junk­tur hat.

Sie haben kein eige­nes, festes Haus?

Genau. Wir sind ja eine freie, mobile Thea­ter­gruppe. Wir gehen gern auf Tour­nee. In Hamburg spie­len wir im Fundus Thea­ter, im Licht­hof Thea­ter, an Schu­len und in Kultur­zen­tren. Aber es kamen fast gar keine Auftritts­an­ge­bote rein. Wir haben versucht, es uns zu erklä­ren. Der ganze Druck und der Stress an den Schu­len, da ist es viel­leicht schwie­ri­ger, eine Thea­ter­gruppe in die Schule zu holen, als in ein Thea­ter­haus zu gehen. Und dann dach­ten wir, es könnte ein Kniff sein, die Weih­nachts­ge­schichte zu machen. Aus Quatsch habe ich es dann noch getoppt und Kasper­le­thea­ter vorge­schla­gen. Ich wollte das aus unse­rer Sicht Verrück­teste, was möglich war.

Und Ihre Bühnen­part­ne­rin, Sabine Dahl­haus, war gleich begeistert?

Nein, es herrschte nach meinem Vorschlag erst mal Stille im Raum! (lacht) Aber wir setzen bei der Arbeit großes Vertrauen inein­an­der. Keine hat Angst, was Dummes zu sagen oder kompli­ziert zu sein. Die andere ist offen und hört oder schaut erst mal zu, selbst wenn ihr etwas nicht gleich einleuch­tet. Da gibt es großen Respekt und eine große Geduld füreinander.

Wir haben die Kasper­pup­pen raus­ge­holt, die ich noch aus meiner Kind­heit hatte und ange­fan­gen zu impro­vi­sie­ren. Trotz Weih­nachts­ge­schichte woll­ten wir aber zum Beispiel die Puppe des Räubers behal­ten. Aus ihr wurde der Josef. Wir haben uns totge­lacht beim Spie­len und dann bemerkt: tatsäch­lich, da ist ein Schatz, der geho­ben werden will.

Wie haben Sie aus der spaßi­gen Impro­vi­sa­tion dann die Geschichte entwi­ckelt, etwa die Nonnen gefunden? 

Ich habe ein ganz lang­wei­li­ges Stück geschrie­ben, so ganz blöd. Sabine und Judith kommen als Judith und Sabine an und dann sind die Koffer vertauscht.

Damit haben wir weiter­im­pro­vi­siert und zusam­men mit Marcel Wein­and, der auch die Regie gemacht hat, den Text immer wieder umge­schrie­ben. Sabine hatte dann die tolle Idee mit den Nonnen! Sie konnte außer­dem als Pfar­rers­toch­ter eine Menge Inspi­ra­tion aus Bibel­ge­schich­ten holen.

Marcel hat auch die Puppen neu beklei­det. Wir haben schon eine lange, gemein­same Thea­ter­be­zie­hung – er hat einen wunder­ba­ren Humor! Manch­mal haben wir hinter Marcels Rücken etwas geän­dert, weil wir noch nicht zufrie­den waren. Dann haben wir es Marcel vorge­spielt, und er hat gesagt: „Um Gottes Willen”, und wir haben es wieder rück­gän­gig gemacht. Und das war rich­tig so. Die ganze Weiter­ent­wick­lung war aufre­gend bis zum Schluss.

Zwischen­durch reichte das Geld nicht. Zum Glück haben wir dann von der Hambur­gi­schen Kultur­stif­tung einen Zuschuss von 2500 Euro erhalten.

In der Lauda­tio zum Kinder­thea­ter­preis wurde Ihre drama­tur­gi­sche Treff­si­cher­heit gelobt. Wie errei­chen Sie die?

Wir betrach­ten den Stoff von allen Seiten, auch spie­le­risch. Wir erschnüf­feln das, suchen Trüf­fel. Während Sabine Dinge eher spie­le­risch auspro­biert, mache ich das denkend, frage: funk­tio­niert das drama­tur­gisch? Wir sprin­gen hin und her, zwischen Denken, Tun, Spin­nen. In der Tiefe unse­rer Herzen haben Sabine und ich da einen Gleich­klang! Und wir haben immer Lust, dieses und jenes auszu­pro­bie­ren, manch­mal gerade das, von dem gesagt wird, das geht nicht.

Wie reagie­ren die zuschau­en­den Kinder auf „Tri Tra Trullala”?

Kasper kennen alle. Wenn die Nonnen kommen, lachen sie, auch wenn sie nicht wissen, was Nonnen sind. Die Kinder erken­nen am Verhal­ten von Elisa­bet und Theo­dora, dass die Zwän­gen unter­lie­gen und finden das komisch. Als die Nonnen merken, dass der Koffer vertauscht ist und sie die Kasper­pup­pen vorfin­den, will Elisa­bet zurück ins Klos­ter. Aber Theo­dora erkennt die Chance. Und dann über­neh­men die Figu­ren das Spiel. Es ist Kaspers Krip­pen­spiel. Zwei Zaube­rer und der Kasper verkör­pern die Heili­gen Drei Könige, die Hexe ist die dritte Herbergs­mut­ter, der Teufel/Ochse will Jesus verfüh­ren und Grab­riel, der Rabe, rettet ihn. Die Kinder finden die Geschichte span­nend, auch wenn sie den christ­li­chen Hinter­grund viel­leicht gar nicht kennen. Es ist eine eigen­stän­dige Geschichte, über die sie lachen.

Haben Sie das Ziel, mit Ihrer Weih­nachts­ge­schichte öfters aufzu­tre­ten, erreicht?

Wir konn­ten im letz­ten Dezem­ber fünf­mal im Licht­hof spie­len und außer­dem an eini­gen Schu­len. Aber es könn­ten noch mehr sein.

Was machen Sie mit dem Preisgeld?

Das Geld ist schon ausge­ge­ben. Aber der Preis ist für uns abso­lut groß­ar­tig, denn die Ehre, die bleibt! Wir freuen uns sehr, denn er bestä­tigt uns in unse­rer Arbeit! Das prämierte Stück, „Tri Tra Trul­lala – Kasperl Melchior Baltha­sar”, ist sehr typisch für unse­ren Humor.

Das Geld haben wir in unsere aktu­elle Insze­nie­rung gesteckt: „ERNEST oder wie man ihn vergisst”. Während wir prob­ten, kam uns die Idee, einen Film einzu­set­zen, um eine Erin­ne­rungs­se­quenz zu illus­trie­ren. Wir hatten noch nie mit Video gear­bei­tet. Da kam uns das Geld wie gerufen.

Wie haben Sie das Neuland betreten?

Uns war wich­tig, dass das Video kein bloßer Effekt ist, der nicht zu den ande­ren Stil­mit­teln passt. Wir haben dann entdeckt, dass wir es als sehr poeti­sches Mittel einset­zen können. Unser Regis­seur, Thomas Esser war maßgeb­lich daran betei­ligt. Die Zusam­men­ar­beit mit ihm war über­haupt sehr frucht­bar, weil er so unge­heuer zuver­sicht­lich ist. Er gehört zu der Thea­ter­gruppe Plan B. Wir haben schon öfters mit der Gruppe zusam­men­ge­ar­bei­tet, weil wir sie total schät­zen. Am schöns­ten wäre es, wenn wir mal alle zusam­men auf der Bühne stünden.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Gespräch genom­men haben, Frau Compes!

Das Inter­view führte Angela Dietz

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*