Kinder & Jugend / Kindertheatertreffen 2018 / Kritik

Schorschi schrumpft

vierhuff theaterproduktion im Fundus Theater
Text: Tilla Lingenberg | Foto: vierhuff theaterproduktion

Schor­schi kommt auf die Bühne in zu großen Hosen und einem rot-schwarz-gestreif­ten Pulli mit zu langen Ärmeln und stellt fest: „Meine Klei­der passen mir nicht mehr, ich glaube ich bin geschrumpft.“ Er setzt sich auf den zu hohen Stuhl, an den über­gro­ßen Tisch und versucht, mit einem zu großen Löffel seine gelieb­ten Hafer­flo­cken zu essen. Das sieht drol­lig aus und das Publi­kum kichert. Dann kommt die Mutter und merkt über­haupt nicht, wie sich ihr einzi­ger Sohn abmüht. Sie denkt nur an das Gelin­gen ihres Kuchens, den sie gerade backt. Auch der Vater sieht nicht hin, ermahnt den Sohn nur, gerade zu sitzen, was dieser brav versucht. Auf Schor­schis Bemer­kung, er schrumpfe, gehen sie beide nicht ein, und er darf noch vor der Schule fern­se­hen. Er erzählt freu­dig, er hat 56 Lieb­lings­sen­dun­gen. Schor­schi erzählt auch von den vielen Gewinn­spie­len und Gutschei­nen in Hafer­flo­cken­pa­ckun­gen, auf die er ganz scharf ist.

Jeden Tag wird Schor­schi nun klei­ner, aber niemand regis­triert es, niemand inter­es­siert sich für Schor­schi. Der Schul­bus­fah­rer, der Klas­sen­ka­me­rad, die Lehre­rin und der Direk­tor haben für den bald auf eine 50-Zenti­me­ter-Puppe geschrumpf­ten Schor­schi nur leere Redens­ar­ten übrig. Es ist erschüt­ternd zu beob­ach­ten, wie wenig dieser Junge wahr­ge­nom­men wird. Als Schor­schi 10 Zenti­me­ter klein auf dem Tisch sitzt (wie kommt er da hinauf?), über­se­hen ihn seine Eltern und machen sich verbal nun doch Sorgen über sein Ausblei­ben. Irgend­wann hören sie Schor­schi rufen, sehen ihn und schi­cken ihn ins Bett. Kein Wundern über seine Größe. Nichts. Der Schau­spie­ler Schor­schi nimmt die Puppe Schor­schi einfach vom hohen Tisch und geht.

Zufäl­lig findet nun dieser winzige Schor­schi selbst heraus, dass sein Klei­ner­wer­den an einem gewon­ne­nen Hafer­flo­cken-Packung-Spiel liegt, was er nicht zu Ende gespielt hat. Deshalb spielt er dieses Brett­spiel schnell und wächst wieder auf seine normale Größe. Ach so …

Außer Schor­schi, empha­tisch und über­zeu­gend darge­stellt von Chris­to­pher Weiß, sind alle weite­ren Figu­ren über­große Puppen, die abwech­selnd von ihrem Erbauer Florian Brand­thorst gespielt werden.

Doch warum spie­len sie dieses Stück nach einem Kinder­buch der Ameri­ka­ne­rin Florence Parry Heide, das vor fast 50 Jahren erschie­nen ist? Eine Geschichte voll ameri­ka­ni­scher (Geschlechter-)Klischees? Darauf gibt die Insze­nie­rung keine Antwort. Im Gegen­teil. Die Geschichte wird von Regis­seur Gero Vier­huff weder histo­risch veran­kert oder eben aktua­li­siert und künst­le­risch so bear­bei­tet, dass sie zu einer zeit­ge­mä­ßen Geschichte wird.

Alle Erwach­se­nen sind hier komplett über­zeich­net und in ihrer Igno­ranz gegen­über einem leiden­den, auf sich selbst gestell­ten Schor­schi befrem­dend. Das ist heut­zu­tage, im Heli­ko­pter-Eltern-Zeit­al­ter, merk­wür­dig und für Kinder mögli­cher­weise sogar beängs­ti­gend, weil komplett fremd.

Auch ist die Drama­tur­gie löch­rig und im Puppen­spiel wider­spricht sich die Insze­nie­rung mehr als einmal. Zum Beispiel haben Mutter- und Vater­puppe Stän­der, in die sie vom Spie­ler gesteckt werden können, um beide abwech­selnd zu spie­len. Trotz­dem über­nimmt plötz­lich, und ledig­lich einmal kurz, Chris­to­pher Weiß die Mutter­puppe, in einer Szene in der er gleich­zei­tig Schor­schi spielt.

Oder als Schor­schi bereits eine 10 Zenti­me­ter kleine Puppe ist, erzählt dieser dem Publi­kum, er wäre noch klei­ner gewor­den und musste deshalb aus dem Bett sprin­gen. Was sonst, bei dieser Körper­größe und einem normal­gro­ßen Kinder­bett?

Dazu die unbe­frie­di­gende Auflö­sung des Schrumpf­dra­mas: Spiele einfach ein Gratis-Werbe-Brett­spiel zu Ende. Also holt der 10- Zenti­me­ter-Schor­schi das Spiel­brett, welches zur Schor­schi-Puppe ein Größen­ver­hält­nis hat wie ein Fußball­feld zu einem Fußball­spie­ler, einfach herbei und spielt los.

Die Hand­lung in diesem Stück bleibt rätsel­haft unlo­gisch und darum lässt dieses Thea­ter­er­leb­nis kleine und große Zuschauer unbe­frie­digt und voller Fragen zurück.

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