Interview / Schauspiel

Weniger ist die große Leistung des Alters

Interview mit Leander Haußmann
Text: Dagmar Ellen Fischer

Wie ist das wohl, wenn man plötz­lich dem eige­nen Ich gegen­über steht? Einem perfek­ten Doppel­gän­ger, den noch nicht einmal die Gattin vom Origi­nal unter­schei­den kann. So ergeht es „Amphi­tryon“, der vom Götter­chef Jupi­ter gedou­belt wird, um uner­kannt eine Nacht mit dessen Frau zu verbrin­gen. Lean­der Hauß­mann insze­niert das Lust­spiel von Hein­rich Kleist nun am Thalia Theater.

GODOT: „Wenn uns ein raffi­nier­ter Doppel­gän­ger in der Liebe erset­zen kann, wer sind wir dann wirk­lich“ – heißt es auf der Website des Thalia Thea­ters, um Ihre Insze­nie­rung anzukündigen…

Lean­der Hauß­mann: Kann man so stehen lassen.

Ist es dieser Gedanke, der Sie an Kleists Stück interessiert?

Das weiß ich ja nie, was mich interessiert.

Finden Sie es während des Insze­nie­rens heraus?

Zual­ler­erst inter­es­siert mich tatsäch­lich die Tech­nik, die Dreh- und Angel­punkte eines Stücks und wie es gebaut ist. Ich bin ein großer Konsu­ment von Büchern über das Dreh­buch-Schrei­ben – es ist inter­es­sant, das Muster einer Geschichte heraus­zu­fin­den. Wenn das theo­re­ti­sche Inter­esse da ist, kann ich mich orien­tie­ren, was mich darüber hinaus interessiert.

Dann war „Amphi­tryon“ kein Vorschlag von Ihnen?

Der Vorschlag kam von Joachim Lux, aber er kam meiner Inten­tion nah, da ich nach „Cyrano de Berge­rac“ (2017 am Thalia Thea­ter*) und nach den Filmen wieder Lust hatte auf eine strenge Form und große Weltliteratur.

Drei der vier mitwir­ken­den Schau­spie­ler waren schon im „Cyrano“ dabei – Jens Harzer, Marina Galic und Sebas­tian Zimm­ler; Sie arbei­ten gern mit Schau­spie­lern, die Sie schon kennen …

Vor allem ist es gut für die Schau­spie­ler, mich zu kennen. Ich habe bestimmte Arbeits­schritte, die sich für einen Schau­spie­ler nicht immer als sinn­voll oder ziel­füh­rend erschlie­ßen. Ich muss mich dann nicht erklä­ren, warum ich etwas mache und es trotz­dem zu einem Ergeb­nis führen wird. Und Anto­nia Bill kenne ich aus der Berli­ner Zeit – also vier gute Bekannte.

Jupi­ter und Amphi­tryon werden beide von Jens Harzer verkör­pert, aber beide Figu­ren müssen auf der Bühne im Dialog sein – wie lösen Sie das?

Ich weiß es noch nicht, aber es wird funk­tio­nie­ren. Ich kann ihn ja nicht verdop­peln und frage mich sowieso, wie man das sonst machen soll: Von Zwil­lin­gen spie­len lassen? Oder mit einem ande­ren Schau­spie­ler beset­zen, der gar nicht so aussieht, als reine Thea­ter­be­haup­tung?  

Ist Kleist auch ein guter Bekannter?

Wenn ich Kolle­gen erzähle, dass ich Amphi­tryon insze­niere, gibt es oft einen mittel­schwe­ren Aufschrei – oh Gott, den habe ich ja noch nie gut gese­hen. Oder: Ich hasse dieses Stück. Dem konnte ich mich vor eini­ger Zeit nur anschlie­ßen. Wenn man aber eintaucht in diese Welt, die nicht nur eine sprach­li­che ist, kann man sich auf gar nicht so unlus­tige Weise verlie­ren. Es ist nicht einfach, Menschen zum Lachen zu brin­gen, aber für mich ist das in dieser Zeit das schönste Geräusch, das Menschen in der Gruppe machen können. Es ist Musik in meinen Ohren, eine warme Entäu­ße­rung. Das Stück ist eine Tragi­ko­mö­die. Aber eben eine Komö­die. Und ich rufe euch zu: Fürch­tet euch nicht, denn siehe, ich möchte verstan­den werden.

Trotz­dem haben Sie in den vergan­ge­nen Jahren weni­ger am Thea­ter gearbeitet …

Ja, wenn ich über­lege, wie viel ich früher gemacht habe: Da reiste man hin, um seine Ideen auf die Bühne zu schei­ßen. Jens Harzer nannte mich kürz­lich scherz­haft einen Berufs­ju­gend­li­chen, dass fand ich wahn­sin­nig lustig. Dabei bin ich wirk­lich gerne alt. Der Verlust der Jugend ist gar nicht so bedeu­tend, wie man das sugge­riert bekommt. Für mich ist es fast schon eine Befrei­ung. Ehrlich gesagt, wenn jetzt mein jünge­res Ich durch die Tür käme, würde ich mögli­cher­weise die Flucht ergrei­fen. Wenn man anfängt, sich an sich selbst zu lang­wei­len, muss man die Notbremse ziehen, und die heißt dann: WENIGER! Weni­ger ist die große Leis­tung des Alters. Und deswe­gen ist jetzt für uns die Zeit gekom­men. Für Kleist und mich. Die Welt retten kann der junge Lean­der, wo auch immer er jetzt ist.

Premiere 11.5., 19:30 Uhr, Thalia Thea­ter, Alster­tor 2, Karten 15-74 Euro (Premiere), 12./14./19.5. 19 Uhr, 18.5. 19:30 Uhr sowie im Juni zu div. Uhrzei­ten, Karten 7,50-38 Euro

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