Es gibt immer einen Ausweg

"Kasimir und Karoline", Theater Zeppelin (HoheLuftSchiff)

30. April 2012 11:06 Uhr
Kasimir und Karoline

Eugen (Lorenz Hochuth) buhlt um Karoline (Anna Sinkemat), sein Chef Rauch (Matthias Franzke) auch.

Sie trennen sich, sie versöhnen sich, sie suchen nach einem besseren Leben. Sie befürchten, woanders könnte immer mehr los sein als dort, wo sie gerade sind. Sie probieren sich aus und geraten an Grenzen, innen wie außen, spüren den Druck, den die Verhältnisse auf sie ausüben – Regisseur Dima Ostroglad hat Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“ mit Jugendlichen der Theaterschule Zeppelin jetzt als ein einfühlsames Stück über die Schwierigkeit inszeniert, im Leben seinen eigenen Weg nicht nur zu finden, sondern auch zu gehen.

Wie im Original, das vor 80 Jahren uraufgeführt wurde, bringen auch in der Hamburger Fassung von Dima Ostroglad die herrschenden Verhältnisse Kasimir und Karoline auseinander. Zusammen sind sie auf dem Hamburger Dom unterwegs. Die nach Leben süchtige Karoline (wunderbar naiv erst, dann immer gebrochener gespielt von Anna Sinkemat) will sich amüsieren, doch Kasimir ist nicht in Feierstimmung. Er hat den lang ersehnten Studienplatz nicht bekommen, muss nun mit der Absage leben und damit, nach einem Jahr Prüfungsvorbereitung völlig pleite zu sein. Janis Liburg schafft es auf beeindruckende Weise, die Not deutlich zu machen, die Kasimir zu zerreißen droht. Und die Liebe höret nimmer auf? Der Spruch, den Horvath seinem „Volksstück“ voranstellte, scheint für ihn nicht zu gelten. Dabei trifft er – genau wie Karoline – auf dem Dom immer wieder Menschen, die seine Gesellschaft schätzen. Die junge Maria (ausdrucksstark und unverstellt Maxi Andersen) zum Beispiel, die mit ihrer Freundin Elli (Friski Pollok unerschrocken in der schwierigen Rolle des naiven Mädchens, das am Ende knapp einer Vergewaltigung entkommt) auf dem Dom nach Abenteuern sucht. In sein Leben mischt sich auch immer wieder seine von Nina Scholl konsequent abgefuckt gespielte Schwester Franzi, die nicht nur Kasimir, sondern auch ihren Freund Erni (herrlich lakonisch: Sven Kalckhoff) fest im Griff hat.

Die herausragende Ensemble-Leistung am Premierenabend ist ohne Zweifel der genauen Arbeit von Regisseur Dima Ostroglad geschuldet. In nur drei Monaten Probenzeit entwickelte der 26-Jährige mit den Jugendlichen, die seit zwei Jahren als Gruppe mit ihm arbeiten, aus Improvisationen und Übungen eine Fassung von „Kasimir und Karoline“, die nah am eigenen Lebensalltag junger Menschen entlang- und Konflikte wie Potenziale ungeschminkt vorführt. Dabei holt er, der sein Handwerk in der Russischen Theaterschule Hamburg lernte, aus den jungen Darstellern heraus, was ihnen entspricht, immer bedacht darauf, sie in der theatralischen Arbeit zu führen, ohne sie dabei gegen ihr eigenes Spielvermögen zu verformen. Er setzt auf die Erfahrungen seiner Spieler, ihre Erinnerungen und Gefühle. So wird aus Lorenz Hochhuth ein Eugen Scherzinger, der nicht nur die steife, unbeholfene Seite seines Charakters darzustellen weiß, sondern ebenso die unkontrollierte, von Drogen high am Himmel über dem Dom balancierend. Ebenso glänzt Matthias Franzke als sein Gegenspieler Rauch. Der Unternehmersohn, Vorgesetzter von Eugen, buhlt wie dieser zwischen Feuerwerk und Achterbahn um Karoline. Wer wird am Ende siegen? Wer wird mit wem den Dom verlassen? Auf dem Weg, seinen eigenen Weg zu finden, treffen die Menschen an diesem Tag, wie auch im Leben, Entscheidungen. Am Ende sind es die eigentlich Randständigen, Freaks wie die beiden Punkerinnen (Ansire Sissoko und Pauline Schön gehen mit ihren poetischen Gesangsduos unter die Haut), die uns klar machen, dass man sich an eben diesen Kreuzungspunkten im Leben immer für die Anpassung an die Verhältnisse entscheiden kann, aber auch den eigenen Weg gehen kann und gegen die Gesellschaftsmaschine. „Dass es keinen Ausweg gibt, glaube ich nicht“, sagt Dima Ostroglad. „Es gibt diesen großen gesellschaftlichen Druck, unter dem sicher auch Horvath gelitten hat. Aber es sind immer wir selbst, die wir uns davon verformen lassen.“ Der Regisseur ist überzeugt: „Dort, wo man sich komfortabel fühlt, entwickelt man sich nicht.“ Und zitiert seine eigene Schauspiellehrerin: „Man muss sich trauen, die Kontrolle zu verlieren.“ Horvaths „Kasimir und Karoline“ in der Fassung von Dima Ostroglad – ein Muss nicht nur für Jugendliche. Ab 16.

Weitere Aufführungen am 11. und 25. Mai auf dem HoheLuftschiff, jeweils 19 Uhr

Regieassistenz: Torben Bendig, Ton: Stefan Troschka, Lichttechnik: Paul Mundschenk, Kostüme: Näh und Gut (Grohne Netzwerk); ebenfalls in der Rolle der Elli: Juliette Navarro

Text: Stephanie Schiller
Foto: Theater Zeppelin

2 Kommentare

  1. stephanie sagt:

    vielen Dank.
    vielen Dank,
    so selten bekommen wir eine Kritik, Dima und das Jugendensemble wird sich freuen.
    Gruß Stephanie Grau

  2. Jochim sagt:

    Ich bin super super super gespannt und freue mich auf einen der beiden Freitage!

Schreiben Sie einen Kommentar.