Highlight / Kinder & Jugend / Kritik

Es gibt immer einen Ausweg

"Kasimir und Karoline", Theater Zeppelin (HoheLuftSchiff)
Kasimir und Karoline

Eugen (Lorenz Hoch­uth) buhlt um Karo­line (Anna Sinke­mat), sein Chef Rauch (Matthias Franzke) auch.

Sie tren­nen sich, sie versöh­nen sich, sie suchen nach einem besse­ren Leben. Sie befürch­ten, woan­ders könnte immer mehr los sein als dort, wo sie gerade sind. Sie probie­ren sich aus und gera­ten an Gren­zen, innen wie außen, spüren den Druck, den die Verhält­nisse auf sie ausüben – Regis­seur Dima Ostro­g­lad hat Ödön von Horvaths „Kasi­mir und Karo­line“ mit Jugend­li­chen der Thea­ter­schule Zeppe­lin jetzt als ein einfühl­sa­mes Stück über die Schwie­rig­keit insze­niert, im Leben seinen eige­nen Weg nicht nur zu finden, sondern auch zu gehen.

Wie im Origi­nal, das vor 80 Jahren urauf­ge­führt wurde, brin­gen auch in der Hambur­ger Fassung von Dima Ostro­g­lad die herr­schen­den Verhält­nisse Kasi­mir und Karo­line ausein­an­der. Zusam­men sind sie auf dem Hambur­ger Dom unter­wegs. Die nach Leben süch­tige Karo­line (wunder­bar naiv erst, dann immer gebro­che­ner gespielt von Anna Sinke­mat) will sich amüsie­ren, doch Kasi­mir ist nicht in Feier­stim­mung. Er hat den lang ersehn­ten Studi­en­platz nicht bekom­men, muss nun mit der Absage leben und damit, nach einem Jahr Prüfungs­vor­be­rei­tung völlig pleite zu sein. Janis Liburg schafft es auf beein­dru­ckende Weise, die Not deut­lich zu machen, die Kasi­mir zu zerrei­ßen droht. Und die Liebe höret nimmer auf? Der Spruch, den Horvath seinem „Volks­stück“ voran­stellte, scheint für ihn nicht zu gelten. Dabei trifft er – genau wie Karo­line – auf dem Dom immer wieder Menschen, die seine Gesell­schaft schät­zen. Die junge Maria (ausdrucks­stark und unver­stellt Maxi Ander­sen) zum Beispiel, die mit ihrer Freun­din Elli (Friski Pollok uner­schro­cken in der schwie­ri­gen Rolle des naiven Mädchens, das am Ende knapp einer Verge­wal­ti­gung entkommt) auf dem Dom nach Aben­teu­ern sucht. In sein Leben mischt sich auch immer wieder seine von Nina Scholl konse­quent abge­fuckt gespielte Schwes­ter Franzi, die nicht nur Kasi­mir, sondern auch ihren Freund Erni (herr­lich lako­nisch: Sven Kalck­hoff) fest im Griff hat.

Die heraus­ra­gende Ensem­ble-Leis­tung am Premie­ren­abend ist ohne Zwei­fel der genauen Arbeit von Regis­seur Dima Ostro­g­lad geschul­det. In nur drei Mona­ten Proben­zeit entwi­ckelte der 26-Jährige mit den Jugend­li­chen, die seit zwei Jahren als Gruppe mit ihm arbei­ten, aus Impro­vi­sa­tio­nen und Übun­gen eine Fassung von „Kasi­mir und Karo­line“, die nah am eige­nen Lebens­all­tag junger Menschen entlang- und Konflikte wie Poten­ziale unge­schminkt vorführt. Dabei holt er, der sein Hand­werk in der Russi­schen Thea­ter­schule Hamburg lernte, aus den jungen Darstel­lern heraus, was ihnen entspricht, immer bedacht darauf, sie in der thea­tra­li­schen Arbeit zu führen, ohne sie dabei gegen ihr eige­nes Spiel­ver­mö­gen zu verfor­men. Er setzt auf die Erfah­run­gen seiner Spie­ler, ihre Erin­ne­run­gen und Gefühle. So wird aus Lorenz Hoch­huth ein Eugen Scher­zin­ger, der nicht nur die steife, unbe­hol­fene Seite seines Charak­ters darzu­stel­len weiß, sondern ebenso die unkon­trol­lierte, von Drogen high am Himmel über dem Dom balan­cie­rend. Ebenso glänzt Matthias Franzke als sein Gegen­spie­ler Rauch. Der Unter­neh­mer­sohn, Vorge­setz­ter von Eugen, buhlt wie dieser zwischen Feuer­werk und Achter­bahn um Karo­line. Wer wird am Ende siegen? Wer wird mit wem den Dom verlas­sen? Auf dem Weg, seinen eige­nen Weg zu finden, tref­fen die Menschen an diesem Tag, wie auch im Leben, Entschei­dun­gen. Am Ende sind es die eigent­lich Rand­stän­di­gen, Freaks wie die beiden Punke­rin­nen (Ansire Sissoko und Pauline Schön gehen mit ihren poeti­schen Gesangs­duos unter die Haut), die uns klar machen, dass man sich an eben diesen Kreu­zungs­punk­ten im Leben immer für die Anpas­sung an die Verhält­nisse entschei­den kann, aber auch den eige­nen Weg gehen kann und gegen die Gesell­schafts­ma­schine. „Dass es keinen Ausweg gibt, glaube ich nicht“, sagt Dima Ostro­g­lad. „Es gibt diesen großen gesell­schaft­li­chen Druck, unter dem sicher auch Horvath gelit­ten hat. Aber es sind immer wir selbst, die wir uns davon verfor­men lassen.“ Der Regis­seur ist über­zeugt: „Dort, wo man sich komfor­ta­bel fühlt, entwi­ckelt man sich nicht.“ Und zitiert seine eigene Schau­spiel­leh­re­rin: „Man muss sich trauen, die Kontrolle zu verlie­ren.“ Horvaths „Kasi­mir und Karo­line“ in der Fassung von Dima Ostro­g­lad – ein Muss nicht nur für Jugend­li­che. Ab 16.

Weitere Auffüh­run­gen am 11. und 25. Mai auf dem Hohe­Luft­schiff, jeweils 19 Uhr

Regie­as­sis­tenz: Torben Bendig, Ton: Stefan Troschka, Licht­tech­nik: Paul Mund­schenk, Kostüme: Näh und Gut (Grohne Netz­werk); eben­falls in der Rolle der Elli: Juli­ette Navarro

Text: Stepha­nie Schil­ler
Foto: Thea­ter Zeppe­lin

2 Comments

  1. vielen Dank.
    vielen Dank,
    so selten bekom­men wir eine Kritik, Dima und das Jugend­ensem­ble wird sich freuen.
    Gruß Stepha­nie Grau

  2. Ich bin super super super gespannt und freue mich auf einen der beiden Frei­tage!

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*