Highlight / Schauspiel / Vorbericht

Höhnisches Gelächter verdient

„DOKUSOAP 3000 – Hackfleisch! Terror! Nazis! Live!“, „Radikal & Arrogant“ im Theater Orange
DOKUSOAP 3000

Sohn (Sonny Klein­feldt) und Vater (Lenn­art Fabian-Müller) mit Buddeln vor Nudeln von Muttern (Swaantje Becker)

Die freie Film- und Thea­ter­gruppe „Radi­kal & Arro­gant“ aus Hamburg stellt ihr neues Thea­ter­pro­jekt vor: „DOKUSOAP 3000 – Hack­fleisch! Terror! Nazis! Live!“. Ein aben­teu­er­li­cher Titel. Im Stil von Doku­so­aps à la „Mitten im Leben“ soll das Nazi­pro­blem vieler deut­scher Klein­städte auf die Bühne gebracht werden.

Die Hand­lung will ans Nach­mit­tags­fern­se­hen erin­nern: Mutter Sybille und Vater Stefan leben getrennt, der vier­zehn­jäh­rige Sohn Corne­lius wendet sich der Nazi­szene zu. Die Mutter ist intel­lek­tu­ell mit dem Problem über­for­dert, der Vater war einst selbst akti­ves Mitglied der Szene und findet gut und rich­tig, was sein Sohn tut. In der Klein­stadt, in der die Fami­lie wohnt, ist auch von außen kein Wider­spruch zu erwar­ten; Nazi sein gehört hier zur alltäg­li­chen Norma­li­tät, und so bleibt nur ein Leben, das konse­quent gegen die Wand fährt …

Ganz wie im bekann­ten Trash-TV-Format soll es viele Skur­ri­li­tä­ten zu beob­ach­ten geben und massen­haft „Fremd­scham-Momente“ dank der unbe­hol­fe­nen Prot­ago­nis­tin­nen. Anders als in der Fern­seh­ver­sion des belieb­ten Unter­hal­tungs­for­mats soll bei „DOKUSOAP 3000“ das unan­ge­nehme Gefühl, dass die Pein­li­chen das höhni­sche Geläch­ter viel­leicht nicht verdient haben, wegfallen.

„Der häss­li­che, alltäg­li­che, bürger­li­che, deut­sche Rechts­ra­di­ka­lis­mus war lange Zeit trotz Über­prä­senz vor allem in der Provinz für Film, Fern­se­hen und gerade auch das Thea­ter kein Thema. Wir gehö­ren zu den ersten, die konse­quent und ohne Über- oder Unter­trei­bun­gen dieses reale Problem auf eine Bühne brin­gen“, erklärt Lars Koke­mül­ler, Regis­seur des Projekts. Gründe dazu sieht er mehr als genug.

Konkre­tes­ter Bezug für das Stück ist die Gemeinde Tostedt in der Nord­heide. „Hier wüte­ten die Nazis vor allem in den vergan­ge­nen drei Jahren mit stei­gen­der Bruta­li­tät und Rück­sichts­lo­sig­keit fast unge­stört“, so Koke­mül­ler, der lange Zeit unweit von Tostedt gelebt hat. Als Dreh- und Angel­punkt der dorti­gen Szene gilt der Laden Street­wear Tostedt. Dessen Betrei­ber wurde im Früh­jahr 2011 wegen schwe­rem Land­frie­dens­bruchs zu 18 Mona­ten Haft ohne Bewäh­rung verur­teilt und erhielt darüber hinaus die Auflage, seinen Laden zu schließen.

Dieses Urteil wurde nun aufgrund eines Verfah­rens­feh­lers aufge­ho­ben. Ein Schlag ins Gesicht für alle Akti­vis­ten, die sich dort gegen die Nazis enga­gie­ren, finden die Mitglie­der der Gruppe „Radi­kal & Arro­gant“. „DOKUSOAP 3000“ ist laut Koke­mül­ler auch eine „direkte und wütende Reak­tion auf die Untä­tig- und Unfä­hig­keit von Poli­zei und Justiz in Tostedt und vielen ande­ren deut­schen Kleinstädten“.

Die Premiere von „DOKUSOAP 3000“ findet am 9. März 2012 um 20 Uhr im Thea­ter Orange, Markt­straße 24, statt. Weitere Termine: 10., 11., 18., 23., 24., 25. März. Karten über: tickets3000@gmx-topmail.de. Und es gibt einen Blog zum Stück: www.blog3000.blogsport.de.

Text: Oliver Törner
Foto: Anna Berg

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*