Highlight / Kinder & Jugend / Spurensuche 2014

Trau Dich!

Kompanie Kopfstand im Fundus Theater
Trau Dich!

Alina (Lisa Scheib­ner) zieht sich in ihren Kokon zurück: Der Verlobte ihrer Schwes­ter hat sie „ange­fasst“

Text: Angela Dietz | Foto: Margaux Weiß

Ein Thea­ter­stück künst­le­risch anspruchs­voll zu gestal­ten, das einen ganz bestimm­ten Zweck hat, ist eine beson­dere Heraus­for­de­rung. Der Kompa­gnie Kopf­stand gelingt dies mit „Trau dich!“, einer Collage über Gefühle, Gren­zen und Vertrauen für Zuschauer ab acht Jahren. Im Rahmen des Festi­vals „Spuren­su­che 12: Alles nur erfun­den!“ zeigte sie, wie man eine Auftrags­ar­beit im Rahmen der bundes­wei­ten Initia­tive zur Präven­tion sexu­el­len Miss­brauchs ästhe­tisch adäquat produ­zie­ren kann. Es ist eine Drama­tur­gie mit mehre­ren Ebenen, dazu­ge­hö­ren auch Film­ein­blen­dun­gen mit Kommen­ta­ren von Kindern.

Schon während das Publi­kum im Hof die Pause zwischen den Veran­stal­tun­gen genießt, wird es einbe­zo­gen. „Wie fühlst du dich grade?“, fragt einer der Schauspieler/Musiker, die später auf der Bühne diverse Rollen einneh­men. Die Truppe mit Julia Bihl, Lisa Scheib­ner, Helge Gutbrod und Johan­nes Birlin­ger wendet sich mit der Antwor­ten­samm­lung direkt ans Publi­kum, nimmt sie als Impuls für Fragen und Spiel. Und die Schau­spie­ler sagen eingangs selbst, wie sie sich grade fühlen.

„Muss man immer wissen, wie man sich fühlt?“ Und wie bringt der Körper die unter­schied­lichs­ten Gefühle zum Ausdruck, für die man manch­mal gar kein Wort findet oder gele­gent­lich Wort­schöp­fun­gen extra erfin­det? Herz­klop­fen, Schweiß­aus­brü­che, Gänse­haut, Starre.

Die Kompa­gnie spielt unter der Regie von Annina Gior­dano-Roth und Chris­to­pher Gott­wald drei Geschich­ten, in denen jeweils ein Kind und seine Gefühle im Mittel­punkt stehen: Paula, 12 Jahre alt, die noch nicht küssen will; der zehn­jäh­rige Vladi­mir, der seine Oma liebt, aber nicht immer von ihr abge­schlab­bert werden möchte und Alina, die verstummt und erstarrt, als sie erfah­ren muss, dass der Verlobte ihrer Schwes­ter nicht länger ein lusti­ger Typ ist, sondern ein fieser Kerl, der sie am Ober­schen­kel und Geschlechts­teil anfasst. Alle drei Kinder schaf­fen es schließ­lich, auch mithilfe direkt vom Publi­kum erbe­te­ner Ratschläge, sich aus ihrer Beklem­mung zu befreien und sich, wo nötig, Hilfe zu holen.

Das Spie­ler­quar­tett Bihl, Scheib­ner, Gutbrod und Birlin­ger meis­tert unzäh­lige Stim­mungs- und Rollen­wech­sel mit Spiel­freude und Leich­tig­keit. Der rasante Wech­sel zwischen Nüch­tern­heit, Zurück­hal­tung auf der einen und Inten­si­tät auf der ande­ren Seite gelingt schein­bar mühelos.

Trotz der erns­ten Thema­tik, teil­weise schreck­li­cher Gescheh­nisse, ist vieles zum Lachen, löst sich die Anspan­nung darin auf. Im schlimms­ten Moment dage­gen ist es mucks­mäus­chen­still (nicht nur) im Publikum.

Es sind die drama­tur­gi­schen Ebenen­wech­sel, die die Zumu­tung der Themen einem Kinder­pu­bli­kum zumut­bar machen. Die Viel­falt der Mittel sind niemals Selbst­zweck. Beson­ders beein­dru­ckend ist ein riesen­gro­ßes hell­graues Spiel­tuch, ein einfa­ches Mittel, das die Schau­spie­ler immer wieder verwan­deln. Sie wrin­gen es, brei­ten es aus, schwin­gen es zu Wellen, wickeln es zu einem runden Leib um eine Schau­spie­le­rin herum oder bauen ein Schutz­zelt daraus für ein verletz­tes, ratlo­ses Kind.

Raffi­nier­ter, aber an der Ober­flä­che schlicht, ist die schräge Bühne mit dahin­ter­lie­gen­dem Graben, aus dem, in dem und in ihn hinein die Schau­spie­ler sprin­gen, schlei­chen, versin­ken, sich verste­cken oder stehen.

Die Schnitte zwischen den unter­schied­li­chen Collage-Teilen – direkte Anspra­che, Szenen­spiel, Film­ein­blen­dun­gen, in denen sich Kinder direkt zur Szene oder zu „Gefühls-, Vertrau­ens- und Grenz­fra­gen“ äußern – ziehen die vier Spie­ler häufig musi­ka­lisch. E-Bass und Gitarre, Akkor­deon, elek­tro­ni­sche Schlag­zeu­pads und Gesang sind drama­tur­gisch elemen­tar. Sie eröff­nen das Spiel und been­den es.

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