Highlight / Schauspiel / Vorbericht

175 Jahre St. Pauli Theater

Jubiläumsgala in der Laeiszhalle
Ulrich Waller & Thomas Collien

Stolze Herren im eige­nen Haus: Thea­ter­lei­ter Ulrich Waller (li.) und Thomas Collien

Text: Christian Hanke / Fotos: St. Pauli Theater, Stefan Malzkorn

Wer es noch nicht wusste: Deutsch­lands ältes­tes Privat­thea­ter steht in Hamburg – und feiert am Montag, dem 30. Mai 2016, seinen 175. Geburts­tag: das St. Pauli Thea­ter am Spiel­bu­den­platz, mitten auf St. Pauli, eines der ältes­ten deut­schen Thea­ter über­haupt. Es befin­det sich außer­dem in einem der ältes­ten noch bestehen­den Gebäude im Stadt­teil. Fast ein Wunder, dass es dieses Thea­ter dort noch gibt. Es schrammte oft haar­scharf an der Pleite vorbei und über­stand die Bomben des Zwei­ten Welt­kriegs, die Reeper­bahn und Spiel­bu­den­platz zu einem großen Teil in Schutt und Asche legten. „Es ist der Stra­ßen­kö­ter unter den Thea­tern“, fasst Inten­dant Ulrich Waller zusam­men. „Robust und solide“, resü­miert Eigen­tü­mer Thomas Collien.

Das gilt vor allem für die ersten Jahre des St. Pauli Thea­ters, das am 30. Mai 1841 als Urania-Thea­ter mit einer Revue eröff­net wurde und schon 1844 kurz vor der Schlie­ßung stand. Die Eigen­tü­mer führ­ten das Thea­ter als Akti­en­ge­sell­schaft weiter, weshalb es nun den Namen „Actien-Thea­ter“ trug. 1863 erstei­gerte Carl J. B. Wagner das Gebäude und über­nahm gleich auch die Direk­tion. Neuer Name: Varieté-Thea­ter. Wagner begeis­terte sein Publi­kum mit hambur­gi­schen Lokal­stü­cken. Für wenig Geld konnte man sich im  „Warm­tee“ Thea­ter, wie die Bühne im Volks­mund genannt wurde, amüsie­ren. 1000 Menschen pass­ten hinein. Sie saßen auf Holz­bän­ken oder stan­den und brach­ten Essen, Getränke und Tabak mit, rauchen und verzeh­ren war erlaubt. Das einfa­che Volk fand auf dem „Prüüntje-Boden“ (Kauta­bak-Boden) im zwei­ten Rang Platz. Oft wurde das Gesche­hen auf der Bühne laut­hals kommen­tiert. Man mischte sich ein, an passen­den und unpas­sen­den Stel­len. Legen­där ist die „Faust“-Vorstellung, in der das Publi­kum nach Gret­chens Tod wütend ein Happy-End forderte, und Faust sich schließ­lich nicht anders helfen konnte, als dem „toten“ Gret­chen einen Heirats­an­trag zu machen.

Varieté-Theater

Das „Varieté-Thea­ter“ Ende des 19. Jahr­hun­derts im schlich­ten Bau, der 1898 die heutige Fassade erhielt

Eine Blüte­zeit bescherte der Schau­spie­ler Ernst Drucker dem Thea­ter, der es von 1884 bis zu seinem Tod 1918 leitete. Sein Programm bestand aus Volks­stü­cken in platt­deut­scher Spra­che, aber er brachte auch anspruchs­volle Drama­tik der Zeit auf seine Bühne, wie zum Beispiel Stücke von Ibsen und Haupt­mann. Ibsens „Die Frau vom Meer“ erlebte hier 1898 die Hambur­ger Erst­auf­füh­rung. Drei Jahre zuvor war die Bühne nach seinem Inten­dan­ten in Ernst Drucker Thea­ter umbe­nannt worden, bekam einen Namen, den das St. Pauli Thea­ter seit dem 170-jähri­gen Jubi­läum im Jahr 2011 wieder im Titel führt: „ehemals Ernst Drucker Thea­ter“. 1941, zum 100-jähri­gen Bestehen, erhielt das Thea­ter auf Betrei­ben der Nazis seinen heuti­gen Namen, denn sie hatten bemerkt, dass Ernst Drucker Jude war.

Die lustige Stutenfroo von Finkenwarder

„Die lustige Stuten­froo von Finken­war­der“ feierte am 26. Novem­ber 1918 Premiere im Ernst Drucker Theater

Bis in die 1980er Jahre blieb das St. Pauli Thea­ter ein Mund­art­thea­ter der platt­deut­schen und zuneh­mend der missing­schen Art. Im Hambur­ger Dialekt blei­ben die Volks­stü­cke mit Christa Siems unvergessen.

Seit 1970 lenkt die Fami­lie Collien die Geschi­cke des St. Pauli Thea­ters. Ihr erster Vertre­ter, Konzert­ver­an­stal­ter Kurt Collien, hielt noch an den Mund­art-Volks­stü­cken fest, eröff­nete 1970 aber schon mit dem Musi­cal „Der Junge von St. Pauli“ mit Freddy Quinn in der Haupt­rolle. Sohn Michael been­dete dann die Mund­ar­tära und setzte auf Boule­vard­thea­ter, riskierte aber auch erfolg­reich englisch­spra­chige Musik­stü­cke wie „Little Shop of Horrors“ oder „Scar­lat­tis Birth­day­party“. Der derzei­tige Eigen­tü­mer Thomas Collien, der das Haus vor acht Jahren erwarb, brachte Kaba­rett und Comedy sowie inter­na­tio­nale Tanz- und Musik­shows ins St. Pauli Thea­ter, die nach wie vor Bestand­teil des Programms sind. Hinzu kam ab 2003 wieder Sprech­thea­ter. Inten­dant Ulrich Waller, der bis 2003 gemein­sam mit Ulrich Tukur höchst erfolg­reich die Hambur­ger Kammer­spiele gelei­tet hatte, begeis­terte sich für das weit­ge­hend unver­än­dert geblie­bene St. Pauli Thea­ter, das nur Bänke und Steh­plätze abge­schafft hatte: „Ich habe mich komplett in das Haus verliebt.“ Spätes­tens seit einem Chris­toph-Schlin­gen­sief-Abend im St. Pauli Thea­ter wusste er: „Hier sind wir rich­tig.“ Waller brachte viele Mitar­bei­ter aus seiner Kammer­spiele-Crew mit und serviert seit­dem anspruchs­vol­les Unter­hal­tungs­thea­ter à la Broad­way und Westend, insze­niert Stücke von Yasmina Reza und seit eini­gen Jahren von Florian Zeller, außer­dem Musik­stü­cke und Revuen über Hamburg und Musik­thea­ter­klas­si­ker wie „Die Drei­gro­schen­oper“ oder „Caba­ret“.

Ulrich Tukur

Ganove mit Charme: Ulrich Tukur als Mackie Messer in „Die Drei­gro­schen­oper“ (2004)

Mit dem viel­schich­ti­gen Programm läuft’s rund im St. Pauli Thea­ter. Ein Draht­seil­akt bleibt die Leitung dieses Thea­ters trotz­dem. „Das liegt an der Größe und am Platz­man­gel. Wir können uns nicht erwei­tern. Es ist seit 1841 ein Kampf, hier zu über­le­ben“, erläu­tert Thomas Collien. Nach beharr­li­chen Kämp­fen erhält das St. Pauli Thea­ter immer­hin eine jähr­li­che Subven­tion der Kultur­be­hörde in Höhe von 470.000 Euro. Damit allein kommt man hier aber „hinten und vorn nicht klar“, so Thomas Collien. Nur mit zusätz­li­chem priva­ten Geld der Betrei­ber und Förder­mit­teln des rühri­gen Förder­ver­eins, in dem sich unter ande­rem renom­mierte Hambur­ger Kauf­leute und Unter­neh­mer für das Thea­ter stark machen, kann die einma­lige Bühne finan­ziert werden.

Und es muss so oft wie möglich gespielt werden. Sommer­pau­sen sind, wenn es sie über­haupt gibt, kurz. Daher trifft es das Thea­ter auch, dass in diesem Sommer saniert werden muss. Drei Monate lang, im Juni, Juli und August ist geschlos­sen. Aber der Charme wird blei­ben. Das Gestühl muss einmal raus und wieder rein. Es bleibt unver­än­dert, da es unter Denk­mal­schutz steht. Insbe­son­dere der Bühnen­be­reich muss saniert werden. Gesamt­kos­ten der Sanie­rung: 1,83 Millio­nen Euro. 300.000 Euro gibt die Stadt, 650.000 der Bund für den Denk­ma­ler­halt. Die „rest­li­chen“ 880.000 Euro brin­gen Stif­tun­gen und das Thea­ter selbst auf.

Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Galante Auffor­de­rung: Monika Bleib­treu und Gustav Peter Wöhler in „Sechs Tanz­stun­den in sechs Wochen“ (2004)

Danach geht’s mit neuem Schwung in die nächste Spiel­zeit, mit einem neuen Stück von Florian Zeller, mit dem Klas­si­ker „Große Frei­heit Nr. 7“ und Volker Lech­ten­brink in der Haupt­rolle; mit der Film­ad­ap­tion „Monsieur Claude und seine Töch­ter“ sowie einem deut­schen Abend von Franz Witten­brink zu den Themen Migra­tion und Integration.

Große Themen, große Namen, doch es bleibt ein Vaban­que-Spiel – zumal die Entschei­dungs­zei­ten der Inter­es­sen­ten für Thea­ter­vor­stel­lun­gen immer kürzer werden, so Ulrich Waller: „Man hat keinen Kredit“. Am wich­tigs­ten sei die Mund-zu-Mund-Propa­ganda,  sicher ist also nichts. Nur eins: „Wir sind das sicherste Thea­ter der Welt“, weiß Thomas Collien. Mit der David­wa­che als Nachbar.

Jubi­lä­ums­gala - 175 Jahre St. Pauli Thea­ter, 30.5., 19 Uhr, Laeiszhalle (ausver­kauft)

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