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Ankommen

Thalia Gaußstraße
Ankommen

Verhan­gene Perspek­ti­ven: Flücht­lings­be­geg­nun­gen im Thea­ter­Quar­tier

Text: Dagmar Ellen Fischer / Foto: Fabian Hammerl

„Willst du sehen, was die Tali­ban mit mir gemacht haben?“ „Nein!“, antworte ich reflex­ar­tig, scho­ckie­rende Bilder aus den Nach­rich­ten vor Augen. Doch eine Absage ist offen­bar nicht vorge­se­hen, denn ich bekomme trotz­dem einen Rücken voller Narben gezeigt. Der gehört zu einem jungen Mann aus Paki­stan, den sein Vater aus den Händen der Terro­ris­ten frei­kau­fen konnte. Er ist einer von acht jugend­li­chen unbe­glei­te­ten Flücht­lin­gen, die seit eini­gen Mona­ten in Hamburg leben. Im Projekt „Ankom­men –  unbe­glei­tet in Hamburg“ des Thalia Thea­ters erzäh­len sie unter Anlei­tung des Regis­seurs Gernot Grüne­wald ihre Geschichte.

Nicht als Thea­ter im übli­chen Sinn, sondern als indi­vi­du­elle Begeg­nun­gen zwischen einem einzel­nen Zuschauer und einem Flücht­ling. Die finden in engen Kabi­nen statt, die aus licht­un­durch­läs­si­gen Decken in eine Halle hinein gehängt wurden. Zwölf mitun­ter sehr dunkle Räume warten auf ebenso viele Zuschauer, die sich fünf Minu­ten in jeder Kabine aufhal­ten und auf diese Weise alle zwölf Statio­nen durch­lau­fen sollen; ein akus­ti­sches Signal diktiert den Wech­sel.

Die Span­nung entsteht aus der Unge­wiss­heit, was wohl der nächste kleine stickige Raum bereit hält. In einem ist es so fins­ter, dass meine Augen erst nach Gewöh­nung an die Dunkel­heit den Kopf­hö­rer entde­cken, aus dem Details eines Flücht­lings­schick­sals zu hören sind. In einem ande­ren Raum malt ein junger Mann die Route seiner Flucht auf eine Land­karte, von Soma­lia bis Hamburg; in der nächs­ten Kabine bekomme ich Tee zu trin­ken, in der über­nächs­ten ein Gesprächs­pro­to­koll zu lesen zwischen einem Flücht­ling und dem Mitar­bei­ter einer deut­schen Behörde.

Wirk­lich berüh­rend wird es, als es zur Inter­ak­tion zwischen Flücht­ling und Kabi­nen­be­su­cher kommt: Auf einem Tisch­chen liegen unter­schied­li­che Gegen­stände – ein Foto, Hand­schel­len, ein Wasser­ka­nis­ter … Zu jedem vom Besu­cher ausge­wähl­ten Ding gehört eine Geschichte: Auf dem Foto ist ein Junge mit Gewehr zu sehen, der von den Tali­ban zum Töten ausge­bil­det wird; mit Hand­schel­len war dieser an ein Auto geket­tet, aus dem er nach einem Unfall flie­hen konnte; danach schlug er sich bis zur Mittel­meer­küste durch und bestieg ein Boot, dessen Motor ausfiel – und während es tage­lang ziel­los umher­trieb, sah er Menschen aufgrund des Wasser­man­gels ster­ben. Im Kopf des Zuhö­rers setzen sich Episo­den zu einem mensch­li­chen Schick­sal zusam­men, und Nach­rich­ten­mel­dun­gen bekom­men ein Gesicht. Eine gründ­lich aufwüh­lende Erfah­rung.

Bis 1.11. sind alle Vorstel­lun­gen ausver­kauft, weitere sind für 2016 geplant 

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