Highlight / Kinder & Jugend / Kritik

Auf Zucker

Fundus Theater
Auf Zucker

Wo kommt er her, wo geht er hin? Vier Perfor­mer sind dem Zucker auf der Spur.

Text: Dagmar Ellen Fischer / Foto: Forschungstheater

„Vor der Vorstel­lung bitte nichts Süßes essen“, bat das Fundus Thea­ter. Denn erst dort sollte das Publi­kum „Auf Zucker“ gesetzt werden – durch einen „Selbst­ver­such in sieben Süßig­kei­ten“. Die jüngste Urauf­füh­rung des dort behei­ma­te­ten Forschungs­thea­ters fand erwar­tungs­ge­mäß großen Zuspruch.

Zur Begrü­ßung wird jeder/m Eintre­ten­den ein klei­nes grünes Blatt behut­sam in die Hand gelegt mit der Bitte, mit dem Verzehr zu warten! Auf ein Zeichen hin schiebt das Publi­kum (mit Ausnahme eini­ger Skep­ti­ker) wenig später das Blätt­chen zeit­gleich in den Mund – und staunt hörbar ob der uner­war­te­ten Süße. Die Erklä­rung liefern dann die ersten Sätzen der Perfor­mance: Zucker ist nichts ande­res als eine Kombi­na­tion aus Wasser, Luft und Licht, den jede Pflanze per Foto­syn­these herstellt – nur schmeckt nicht jede so süß wie Stevia.

In der jüngs­ten Eigen­pro­duk­tion des Fundus Thea­ters verbin­den die vier Darstel­ler Vor- und Mitma­chen und somit Spie­len und Lernen in steti­gem Wech­sel unter­halt­sam mitein­an­der. Moritz Frisch­korn, Hanno Krieg, Bakary Kulay­mata Camara und Sibylle Peters – die Erfin­de­rin des Forschungs­thea­ters – präsen­tie­ren in Team­work eine abwechs­lungs­rei­che Balance aus Aktio­nen mit dem Publi­kum, kurzen Vorträ­gen, Film­ein­spie­lun­gen und Thea­ter­mo­men­ten im übli­chen Sinn.

Die Befra­gung von vier Kindern und drei Erwach­se­nen aus dem Publi­kum dauert indes etwas zu lang, hier soll der eigene Stand­punkt – ganz konkret auf einer Linie im Raum – zu Fragen wie „Macht Zucker dich glück­lich?“ oder „Isst du so viele Süßig­kei­ten, wie du möch­test?“ gefun­den werden. Natür­lich stel­len sich die anwe­sen­den Kinder bereit­wil­lig für weitere Selbst­ver­su­che zu Verfü­gung, wenn es beispiels­weise darum geht, einen Zucker­wür­fel mit geschlos­se­nen Augen lang­sam auf der Zunge zerge­hen zu lassen. Was dabei im Mund und im Körper passiert, beschreibt Sibylle Peters mit „Explo­sion, Zucker­rausch und Kick“. Während Hanno Krieg erzählt, dass Hambur­ger Kinder im Durch­schnitt täglich 114 Gramm Zucker essen, lässt er die entspre­chende Menge auf einen Tisch rieseln – ein beacht­li­cher Hügel! Auch von 8.000 (!) Geschmacks­knos­pen berich­tet er, die jeder Mensch auf der Zunge hat.

Zwei Mädchen melden sich frei­wil­lig fürs nächste Expe­ri­ment: Falls es ihnen gelingt, drei Minu­ten vor einem appe­tit­li­chen Marsh­mal­low zu sitzen und ihn nicht zu essen, bekom­men sie einen zwei­ten; natür­lich schaf­fen sie es. Unnö­tig aller­dings, dass Marsh­mal­lows des Effekts wegen gewor­fen werden, die dann natür­lich niemand mehr essen mag.

Bakary Kulay­mata Camara erzählt in Mandinka, einer Spra­che aus West­afrika, was er als Kind in seiner Heimat Gambia tat, wenn er Lust auf Süßes hatte: Er erhitzte Zucker in einem Topf und fügte der flüs­si­gen Kara­mell­masse Erdnüsse hinzu. Und während Sibylle Peters über­setzt, rühren sie gemein­sam in einem Topf, bis sich Zucker und Nüsse zu einem brau­nen Fladen verbin­den. Auch der kann – man hatte zuvor schon etwas vorbe­rei­tet – von jedem im Zuschau­er­raum probiert werden. Camara erzählt auch von Kunta Kinte, der wie er aus Gambia stammt, und dem Schick­sal so vieler aus West­afrika verschlepp­ter Menschen: Als Skla­ven wurden sie in die Kari­bik gebracht, um dort auf Zucker­rohr-Plan­ta­gen zu arbei­te­ten, damit die Euro­päer nicht auf ihren süßen Gaumen­kit­zel verzich­ten muss­ten.

Apro­pos: Auch Menschen und Tiere können süß sein im Sinne von nied­lich. Plötz­lich entbrennt ein Wett­streit unter den Akteu­ren, wer denn am süßes­ten sei und wie man rich­tig nied­lich werden könne. Verklei­det und mit verstell­ter Stimme stol­zie­ren die Vier über einen Catwalk. Eine auf die Rück­wand proji­zierte Jury aus drei Kindern unter­schied­li­chen Alters bewer­tet die konkur­rie­ren­den Süßen mit Punk­ten zwischen eins und zehn, und das Rennen macht ausge­rech­net … aber das muss man selbst gese­hen haben!

Das thea­trale Forschungs­la­bor entlässt seine großen und klei­nen Zuschauer mit frisch zube­rei­te­ter Zucker­watte – und einem Heiß­hun­ger auf Salzi­ges!

Weitere Auffüh­run­gen: 14.,15.,21.,22.9., 16 Uhr u. 20.9., 18 Uhr, Fundus Thea­ter, Hassel­brook­straße 25

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*