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Das Blaue vom Himmel …

Fundus Theater
Das Blaue vom Himmel …

An der Grenze kommt man sich näher: Tine Krieg (li.) und Monika Els lassen die Puppen schwe­ben

Text: Sören Ingwersen | Foto: Fundus Theater

Sieben Dinge muss man sammeln, um ein Park­haus zu bauen, ein Museum zu eröff­nen, eine Fami­lie zu grün­den. Drei Frauen schie­ben Figu­ren und Karten über den Spiel­tisch. In Ähren­feld gibt es strenge Regeln. Wer sie nicht einhält, wird zur Rand­fi­gur, muss an der Grenze Wache zu schie­ben – wie Pine.

Auf der ande­ren Seite der Grenze befin­det sich Ding­lin­gen. Wenn der Schrank in der Mitte der Bühne seine Flügel­tü­ren öffnet, leuch­tet der riesige QR-Code viel­far­big auf und der Compu­ter beginnt zu sirren. In Ding­lin­gen laufen nicht nur die Maschi­nen auf Hoch­tou­ren. Hier denkt man sich stän­dig neue Dinge aus, um den Wünschen der Menschen mit immer neuen Produk­ten zuvor zu kommen. Auch in Ding­lin­gen gibt es einen, der nicht dazu­ge­hört: Smörg.

Gyde Borth, Sylvia Deinert und Monika Els holen für die Besu­cher des Fundus Thea­ters mit hand­gro­ßen Puppen und als Erzäh­le­rin­nen mit kurzen Rollen­spiel­ein­la­gen „Das Blaue vom Himmel …“. So lautet der Titel der haus­ei­ge­nen Produk­tion, die beim Kinder­thea­ter­tref­fen 2018 für reich­lich Gedan­ken­fut­ter sorgte. Zuschau­ern ab acht Jahren die komple­xen wirt­schaft­li­chen Verflech­tun­gen und Macht­ver­hält­nisse ganz unter­schied­li­cher Gesell­schaf­ten spie­le­risch nahe­zu­brin­gen, erweist sich als Heraus­for­de­rung sowohl für das zehn­köp­fige Produk­ti­ons­team um Sylvia Deinert als auch für das Publi­kum.

Neben dem Indus­trie­staat Ding­lin­gen und dem Agrar­staat Ähren­feld gibt es auch noch Brodel­moor, das Entwick­lungs­land in Form eines Mini-Billard­tischs, ange­füllt mit bunten Bällen. Hier wird ohne Rück­sicht auf Verluste um Boden­schätze gezockt – bis mani­scher Produk­ti­ons­zwang, unfai­rer Handel, diebi­sche Beute­züge und Probleme der Entsor­gung zum Krieg zwischen den drei Ländern führen. Bewusst in die Länge gezo­gen: die Szene, in der die drei Perfor­me­rin­nen sich – einge­hüllt in Nebel­schwa­den und aggres­sive Keyboard-Klänge  – freud­los und mecha­nisch mit Spiel­zeug bewer­fen. Bei eini­gen jünge­ren Zuschau­ern scheint trotz­dem der Eindruck zu entste­hen, es handle sich hier­bei um ein lusti­ges Kinder­spiel.

In dieses nicht immer leicht verständ­li­che Welt­erklä­rungs­mo­dell zwischen „Über­bli­ckern“, „Dinge-Denkern“, „Besor­gern“, „Fürsor­gern“ und „Entsor­gern“ fügt sich die Liebes­ge­schichte von Smörg und Pine. In Ding­lin­gen grün­den beide eine Fami­lie und die drei Perfor­me­rin­nen feiern mit großem Trara – die beste Szene des Stücks! – die Geburt von Dejan. Der kleine Kerl mit dem blin­ken­den Leucht­kopf  – ein zwang­haf­ter „Dinge-Denker“ – wohnt mit seinem Vater irgendwo „unten“, wo die Maschi­nen niemals still­ste­hen. Die land­fremde Pine hat indes „oben“ ihr wind­schie­fes Häus­chen und entfrem­det sich auch immer mehr von ihrem Sohn, der vor lauter Produk­ti­ons­ei­fer keine Zeit mehr für seine Mutter hat. Die geschäf­tige Unter­welt erin­nert an Fritz Langs „Metro­po­lis“, die ausge­sto­ßene Mutter an Euri­pi­des’ „Medea“. Asso­zia­ti­ons­an­ge­bote für die beglei­ten­den Eltern. Doch selbst bei denen dürf­ten am Ende Fragen offen blei­ben. Was viel­leicht besser ist, als wenn alle gleich beant­wor­tet würden.

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