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Die Nase

Hamburgische Staatsoper
Die Nase

Kann den Tren­nungs­schmerz nicht verwin­den: Kowal­jow (Bo Skov­hus) und seine Nase

Text: Dagmar Ellen Fischer / Foto: Arno Declair

An der Nase eines Mannes … erkennt man seinen Charak­ter. Ohne Nase leidet Mann folg­lich an Gesichts­ver­lust und wird zum gesell­schaft­li­chen Außen­sei­ter – so die Botschaft in Dmitri Schosta­ko­witschs Oper „Die Nase“. Das musi­ka­lisch sper­rige Werk eröff­nete am Sams­tag­abend die Spiel­zeit der Hambur­gi­schen Staats­oper. Mit Schau­spiel­haus-Inten­dan­tin Karin Beier setzte damit zum fünf­ten Mal in Folge eine Opern-unge­übte Regie-Hand­schrift den Saison­start in Szene.

Und sie deutet das Musik­thea­ter aus dem Jahr 1930 neu: Der zaris­ti­sche Beamte Kowal­jow (beein­dru­ckend: Bari­ton Bo Skov­hus aus Däne­mark) wacht eines Morgens ohne Nase auf. Die führt fortan ein Eigen­le­ben, macht schnel­ler Karriere als ihr ehema­li­ger Besit­zer und denkt gar nicht daran, sich wieder auf ein Riech­or­gan redu­zie­ren zu lassen. Lebens­groß läuft die Nase umher, und Kowal­jow kann nieman­den mehr riechen! Um die Leer­stelle im Gesicht zu füllen, klebt sich der verzwei­felte Beamte einen nied­li­chen Schwei­ne­rüs­sel an – seinem verlo­re­nen Anse­hen hilft das wenig.

Beier insze­niert die absurde Story als kluges, grotes­kes Spek­ta­kel und lässt auffah­ren, was die große Opern­bühne hergibt. Die Auftritte der Solda­ten erin­nern in ihren geris­se­nen Bewe­gun­gen an Para­den, wie man sie aus Dikta­tu­ren kennt, groß­flä­chig proji­zierte Bilder sugge­rie­ren die Kontrolle durch perfide Über­wa­chungs­sys­teme eines Poli­zei­staats. Von dort schlägt die Regis­seu­rin den Bogen zu Szenen, wie sie Hamburg während des G20-Gipfels erlebte – die laufende Nase immer mitten­drin. Auf diese Weise verschrän­ken sich wirkungs­voll komi­sche und beun­ru­hi­gende Situa­tio­nen. Über 50 Mitwir­kende stecken größ­ten­teils in Fat-Suites, recken ihre über­gro­ßen Hintern dem Publi­kum entge­gen oder zeigen den Hitler-Gruß – diese weitere Umdre­hung hätte der Abend nicht gebraucht, die „Entna­si­fi­zie­rung“ als Wort­spiel schon. Nach 100 Minu­ten misch­ten sich ein paar Buhs für Karin Beier unter den Applaus für Diri­gent Kent Nagano, das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter und die Darsteller.

Weitere Auffüh­run­gen: 13./23./26.9. um 19:30 Uhr, 28.9. um 19 Uhr, Staatsoper,
Karten 7-119 Euro, Tel. 35 68 68 

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