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Ein Bodybild

Theater Marabu & Cobratheater.Cobra im Fundus Theater
Ein Bodybild

Perfor­me­rin Laura Schul­ler hat sich zum „Body­bild“ gemacht

Text: Sören Ingwer­sen | Foto: Margaux Weiß

Es soll ja Menschen geben, die morgens mehrere Stun­den vor dem Bade­zim­mer­spie­gel verbrin­gen. Da wird geputzt, gezupft und gepin­selt, um das Gesicht in Form und Farbe dem Mode­ma­ga­zin-Ideal anzu­glei­chen, wird der ganze Körper einer haar­fei­nen Kontrolle unter­wor­fen. Dass es sich hier­bei um ein Ritual handelt, das sich leicht an seine archai­sche Wort­be­deu­tung rück­bin­den lässt, zeigt die atem­be­rau­bende Solo-Perfor­me­rin Laura Schul­ler in „Ein Body­bild“.

Die Kopro­duk­tion des Thea­ter Marabu aus Bonn mit dem Cobratheater.Cobra aus Hamburg und Hildes­heim ist im Rahmen des Festi­vals „Spuren­su­che“ zu Gast im Fundus Thea­ter und reißt die Zuschauer mit in einem Stru­del aus Worten, Gesten und Musik, in dem die Themen „Körper­wahr­neh­mung“ und „Geschlechts­iden­ti­tät“ auf dem Prüf­stand stehen. Schul­lers ener­ge­ti­sche Gebär­den­spra­che, mit der sie ihre kurz und sach­lich hervor­ge­brach­ten Sätze zu Posen trans­for­miert, ist kühl und präzise. Wie ein Poli­zist auf einer viel­be­fah­re­nen Kreu­zung scheint sie den Verkehr ihrer Gedan­ken auf die Umge­hungs­straße ihres Körpers umlei­ten zu wollen. Regis­seur Martin Grün­heit steu­ert dazu die Musik: Elek­tro­beats, Wagner, Walzer … Er filmt das Publi­kum, damit auch die Zuschauer ihr eige­nes „Body­bild“ sehen können, hinten auf den weißen Wand, wo später Schul­lers Gesicht erscheint, während sie gekonnt ein YouTube-Makeup-Tuto­rial parodiert.

Die Nahauf­nahme ihrer Nase erstarrt zu einem riesen­haf­ten Bild. Was aber verbirgt sich in der geheim­nis­vol­len Schwärze des Nasen­lochs? Die Frau steckt ihren Kopf in ihre eigene, proji­zierte Körper­öff­nung und zieht einen Balg heraus, den sie wie ein Neuge­bo­re­nes wiegt. Das Kind bleibt – wie der eigene Körper – ein Wunsch­bild. Wie das Schnee­mäd­chen aus dem russi­schen Märchen, das dem kinder­lo­sen Paar als Ersatz­toch­ter dient. Am Ende von „Ein Body­bild“ wird jenes Mädchen in einer verba­len Endlos­schleife beschwo­ren, während Schul­ler sich zum Schnee­wal­zer dreht, dass einem allein vom Zuschauen ganz schwind­lig wird. Wer sich ganz auf seinen eige­nen Körper fokus­siert, dreht sich letzt­lich nur noch um sich selbst.

Der inten­sive und humor­volle Trip entlang der Bedin­gun­gen und Tücken eines medial geform­ten Körpers und gesell­schaft­lich defi­nier­ter Geschlechts­mo­delle führt zu der Erkennt­nis, dass „Body“ und „Bild“ niemals deckungs­gleich sein können. Eine Perfor­mance (nicht nur) für jugend­li­che Zuschauer, die mit eigen­wil­li­gen Mitteln unse­ren Umgang mit Körpern und Körper­bil­dern hinter­fragt und darüber hinaus einfach Spaß macht.

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