Highlight / Kritik / Schauspiel

Ein Kind zwischen den Fronten

"Dennis", Die Burg – Theater am Biedermannplatz
Dennis

Verzwei­felte Mutter kämpft gegen expe­ri­men­telle Thera­pie: Esther Barth zeigt hohe schau­spie­le­ri­sche Qualität.

 

Im Mai schloss sich in der „Kultur Bühne Bugen­hagen“ in der Bugen­ha­gen­kir­che in Barm­bek zum letz­ten Mal der Vorhang. Nun ist das Thea­ter wieder da, unter neuem Namen mit neuen Betrei­bern: „Die Burg – Thea­ter am Bieder­mann­platz“. Die Bugen­ha­gen­kir­che in Barm­bek ist wohl die einzige Kirche Deutsch­lands, die schon beim Bau im Jahre 1926  mit einem echten Thea­ter ausge­stat­tet wurde. Das impo­sante Bauwerk wurde vom Erbauer nach dem Motto „Ein feste Burg ist unser Gott“ konzi­piert – was zum neuen Namen der Bühne führt. Der eben­erdige Saal hat Platz für bis zu 250 Perso­nen. Das haus­ei­gene Café bietet Getränke  und kleine Snacks.

Das Eröff­nungs­stück, das in diesen Tagen vor einem beifalls­freu­di­gen Publi­kum urauf­ge­führt wurde, heißt „Dennis“. Das krimi­nal­psy­cho­lo­gi­sche Drama von A. A. Lucas vereint die Themen Kindes­miss­brauch und Mobbing.

Gute Autoren sind nur selten auch gute Regis­seure. Promi­nen­tes Beispiel der vergan­ge­nen Jahr­zehnte war der Philo­soph Thor­wald Deth­lef­sen, der aus Anlass der Präsen­ta­tion seines genia­len „Ödipus“-Buches den sopho­klei­schen „Oedi­pus Rex“ als Bühnen­pro­duk­tion seine Vorträge flan­kie­ren lassen wollte. Einen bereits enga­gier­ten öster­rei­chi­schen Regis­seur, der ihm nicht spiri­tu­ell genug war, entließ er wieder und setzte sich selber ans Regie­pult. Obwohl die Titel­rolle mit dem hervor­ra­gen­den deutsch-schwei­ze­ri­schen Schau­spie­ler Burk­hard Jahn besetzt war, geriet der Abend zu einer insze­na­to­ri­schen Katastrophe!

Die blieb bei der „Dennis“-Uraufführung in dem wieder­eröff­ne­ten Barm­be­ker Kirchen­thea­ter „Burg“ glück­li­cher­weise aus. Der letzt­end­lich berech­tigte und verdiente Premie­ren­er­folg ist zum Teil dem wirk­lich gut geschrie­be­nen „Drama“ des Autors A. A. Lucas zu verdan­ken. Zum ande­ren Teil dem nach Protes­ten des Ensem­bles dazu­enga­gier­ten Regis­seur Sven Menning­mann, der nach vier Wochen Stagna­tion – so war aus dem Ensem­ble zu erfah­ren – in den folgen­den drei Proben­wo­chen das sehr inter­es­sante, span­nende, sozi­al­kri­ti­sche Skript mit einem fünf­köp­fi­gen Ensem­ble guter Schau­spie­ler schließ­lich in eine profes­sio­nelle, anseh­bare Form brachte. Gratu­la­tion dazu!

Drit­tens muss den Ensem­ble­mit­glie­dern Esther Barth, Ann-Chris­tine Grunt­z­dorff, Moritz von Zeddel­mann und Ralph Eckstein gedankt werden, die sich mit dem unge­mein schwe­ren Stoff akri­bisch ausein­an­der­ge­setzt und ihn indi­vi­du­ell prägnant ihren so unter­schied­li­chen Figu­ren einge­haucht haben. Eindeu­tig ange­führt (gewiss in ihrer Beschei­den­heit unge­wollt) von der in ihrer darstel­le­ri­schen Diffe­ren­zie­rungs- und Nuan­cie­rungs­kunst unüber­trof­fe­nen Catha­rina Flecken­stein, die die Fußstap­fen ihres einst berühm­ten Vaters, des Göttin­ger Inten­dan­ten Günther Flecken­stein, längst hinter sich gelas­sen  hat  und ihren eige­nen, eigen­wil­li­gen künst­le­ri­schen Weg geht.
Fazit: eine lehr­rei­che, tief­sin­nige, ja, auch unter­hal­tende Schau­spiel­pro­duk­tion, die hier zur Wieder­eröff­nung des Thea­ters am Bieder­mann­platz präsen­tiert wurde.

Text: Hans-Peter Kurr
Foto: Jenni­fer Rettenberger

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*