Highlight / Kritik / Schauspiel

Internationales Sommerfestival 2017

Kampnagel
Kalakuta Republik

Hori­zont­er­wei­ternd: „Kala­kuta Repu­blik“ von Serge Aimé Coulibaly

Text: Birgit Schmalmack / Foto: Sophie Garcia

Große Namen, rele­vante Themen, Raum für Neues – all das erwar­tet der inter­es­sierte Zuschauer vom Sommer­fes­ti­val auf Kamp­na­gel. Von allem war dieses Mal etwas zu bekom­men, aber leider auch eini­ges, was ohne großen Eindruck vorbeirauschte.

Zu den Enttäu­schun­gen gehört die Michael Clark Company mit „To a simple Rock ’n’ Roll Song“, in dem sie Ballett­übun­gen fast ohne jedes Gefühl abspul­ten, und das zur höchst emotio­na­len Musik von Dawid Bowie und Patti Smith. Ein sehr gezähm­ter Ex-Ballett-Punk war hier zu sehen.

Zu den Nettig­kei­ten des Festi­vals zählte Socal­led & Friends. Ihre Puppen­show „The second season“ über die Miss­lie­big­kei­ten des Kapi­ta­lis­mus war unbe­schwerte Unter­hal­tung mit Wohl­fühl­cha­rak­ter durch ein wenig Gesell­schafts­kri­tik, die nieman­dem wehtat.

Eindrucks­voll war das Bühnen­bild von „Endgame“, in dem das Stück von Samuel Beckett text­treu von Tania Bruguera insze­niert wurde. Es spielte in einem hallen­ho­hen Zylin­der, den die Zuschauer erklim­men muss­ten und so direkt in die weiße Endhölle der beiden Bewoh­ner blick­ten. Doch es war eher die Arbeit einer Bühnen­bild­ne­rin als einer Regis­seu­rin, die hier bewun­dert werden konnte.

Neue Erfah­run­gen durfte man bei Anne Dorsen und ihrem Stück „The Great Outdoors“ machen.  In einem aufblas­ba­ren Plane­ta­rium versuchte sie die Infor­ma­ti­ons­flut des digi­ta­len Netzes mit Hilfe der Entro­pie zu sortie­ren und das für die Zuschauer direkt erfahr­bar zu machen. Während sie einer Text­flut aus diver­sen Chats ausge­setzt waren, stell­ten die Projek­tio­nen auf die Halb­ku­gel alles auf den Kopf und der Himmel stürze schließ­lich auf den Betrach­ter ein.

Enttäu­schend war der Abend „Between what is no longer and what is not yet“ mit der Titel­fi­gur des dies­jäh­ri­gen Sommer­fes­ti­vals Juan Domin­guez, der nur zur Initia­tion einer Gemein­schafts­ak­tion „Clean Room 3“ diente, aber kaum eige­nen künst­le­ri­schen Mehr­wert enthielt.

„Die Nacht der Maul­würfe“ von Phil­ippe Quesne bot den Einblick in das Leben der licht­scheuen Pelz­tiere. Man konnte fest­stel­len, dass sie ziem­lich mensch­li­che Züge tragen und sogar hervor­ra­gend musi­zie­ren können. Ein putzi­ger, aber nicht unbe­dingt notwen­di­ger Abend.

Forced Enter­tai­ment feierte mit ihrem hoch gelob­ten Stück „Real Magic“ die Wieder­ho­lung. Eine kleine Quiz­sen­dungs­szene wird über den Abend immer wieder mit genau dem glei­chen Ausgang wieder­holt. Gefan­gen in einer Wieder­ho­lungs­schleife versuch­ten die drei Darstel­ler, die kleins­ten Varia­tio­nen zu einen Ereig­nis zu machen. Den groß­ar­ti­gen Perfor­mern war es zu verdan­ken, dass dieser Abend nicht nur Momente der Lang­weile, sondern auch der humor­vol­len Selbst­iro­nie, des Nach­den­kens, des Philo­so­phie­rens und der Unter­hal­tung bereithielt.

Radhouane el Meddeb hat in „Facing the sea, for tears to turn into laugh­ter“ versucht, den Wunden der Revo­lu­tion seiner Ex-Heimat Tune­sien nach­zu­spü­ren: der Unge­wiss­heit, der Trauer, der Einsam­keit, der Hoff­nungs­lo­sig­keit und der Zerris­sen­heit. Den tune­si­schen Künst­ler­per­sön­lich­kei­ten auf der Bühne waren aber nur wenige Gefühls- und Bewe­gungs­äu­ße­run­gen gestat­tet. Die meiste Zeit schrit­ten sie ohne sich zu berüh­ren über die leere Bühne. Erst die melan­cho­li­schen, wunder­schön inter­pre­tier­ten arabi­schen Lieder des Sängers Moha­med Ali Chebil und das Spiel des 23-jähri­gen Pianis­ten Selim Arjoun verschaff­ten dem Stück emotio­na­len Tief­gang, der berührte.

Wo andere Arbei­ten in der Reduk­tion ihrer Mittel ihren Fokus hatten, schüt­tete Mariano Penso­tti im Über­fluss Stil­mit­tel und Geschich­ten über die Zuschauer aus. In der neuen Produk­tion „Lodern­des Leuch­ten in den Wäldern der Nacht“ benutzte er die Mittel Puppen­spiel, Film, Thea­ter und Musi­cal, um die Geschich­ten der drei Frauen und ihres Kamp­fes für Ideale in der heuti­gen Zeit zu zeigen. Eine Arbeit, die einen poli­ti­schen Impe­tus offen­barte, der aus der Mode gekom­men scheint und sich so wohl­tu­end von der allge­mein übli­chen Indif­fe­renz unterschied.

Abso­lut beein­dru­ckend war die Arbeit „Kala­kuta Repu­blik“ von Serge Aimé Couli­baly, die weit über den Hori­zont Euro­pas blicken ließ. Das Ensem­ble aus Burkina Faso führte vor, wie leben­dig und poli­tisch Tanz sein kann, der eine Botschaft hat. Die Biogra­fie Fela Kutis, der den Afro­beat kreierte und eine poli­ti­sche Bewe­gung ins Leben rief, nehmen sie zum Anlass, um dem Kampf der Menschen in Burkina Faso für mehr Gerech­tig­keit zu erfor­schen. Im ersten Teil erlebt man die Aufstände auf den Stra­ßen, die in ener­gie­ge­la­de­nen Tanz über­setzt werden. Im zwei­ten Teil ist man im Fela Kutis Nacht­club ange­kom­men, der erlahmt von Drogen, Sex und Dauer­party jeden Verän­de­rungs­wil­len verlo­ren hat. Doch zum Schluss über­neh­men die Frauen das Regi­ment und führen die Männer wieder auf die Stra­ßen zurück. Solche Arbei­ten, die aus der Kunst-Blase der west­li­chen Welt heraus­füh­ren, hätte man sich mehr gewünscht.

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