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Der neue Generalmusikdirektor Kent Nagano

Staatsoper Hamburg
Kent Nagano

Ab der Saison 2015/2016 ist Kent Nagano Chef­di­ri­gent der Phil­har­mo­ni­ker Hamburg

Text: Dagmar Ellen Fischer / Foto: Felix Broede

„Wie klingt Hamburg?“ Diese Frage stellte sich Kent Nagano in den vergan­ge­nen zwei Jahren immer wieder, in Vorbe­rei­tung auf die neue Aufgabe als Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor der Hambur­gi­schen Staats­oper. Diese Posi­tion wird für den Star-Diri­gen­ten wieder einge­führt; seine Vorgän­ge­rin Simone Young hatte sie und die Rolle der Inten­dan­tin während der vergan­ge­nen zehn Jahre in Perso­nal­union inne. Inten­dant wird künf­tig der Schwei­zer Geoer­ges Delnon, der aus Basel nach Hamburg wech­selt. „Wir haben hier etwas Einzig­ar­ti­ges in unse­rer globa­li­sier­ten Welt“, so Nagano über die Hanse­stadt bei seinem Antritt am Donners­tag. Deren beson­de­rer musi­ka­li­scher Tradi­tion will er gerecht werden, mit Refe­ren­zen an Tele­mann, Mahler, Brahms … Doch auch Stoffe von heute will er aufgrei­fen, denn kaum etwas stört ihn mehr als das Gerede vom elitä­ren Elfen­bein­turm der klas­si­schen Musik.

Seine Wurzeln: Naga­nos Groß­el­tern wander­ten aus Japan in die USA aus und betrie­ben eine Farm in Kali­for­nien; Kent kam am 22. Novem­ber 1951 in Berke­ley als Sohn eines Archi­tek­ten und Mathe­ma­ti­kers und einer Pianis­tin zur Welt. Er ist sicher, dass ihn Musik schon im Mutter­leib prägte.

Das Wunder­kind: Seine Mutter war es auch, die ihn und seine Geschwis­ter früh mit sanf­ter Gewalt zum Klavier spie­len brachte. Im Alter von acht Jahren leitete der kleine Kent den Kirchen­chor seiner Heimatstadt.

Der Natur­bur­sche: Kent Nagano wuchs im Norden Kali­for­ni­ens auf, dort gab es weder Fern­se­hen noch Kinos. Statt­des­sen entdeckte der Junge seine Leiden­schaft fürs Surfen. Mehr als einmal war er in Lebens­ge­fahr, durch Haie oder gefähr­li­che Strö­mun­gen. Jede Welle habe ihre eigene Persön­lich­keit, so Nagano, und bis heute lockt ihn San Fran­cisco und das Wellen­rei­ten – um vier Uhr morgens.

Seine Fami­lie: Kent Nagano ist seit 1991 mit der japa­ni­schen Pianis­tin Mari Kodama verhei­ra­tet; die 1998 gebo­rene Toch­ter Karin Kei tritt in die Fußstap­fen ihrer Mutter.

Die Ausbil­dung: Er studierte Musik und Sozio­lo­gie in Santa Cruz und San Fran­cisco. Später wurde der (1992 verstor­bene) fran­zö­si­sche Kompo­nist Olivier Messiaen Lehrer und Mentor.

Der Erfolg: Ab 1984 leitete er Opern­häu­ser und Orches­ter zum Beispiel in Berke­ley, Boston, Berlin, Manches­ter, Los Ange­les, Lyon und Mont­real – mitun­ter paral­lel und zeit­gleich. Von 2006 bis 2013 war er Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor an der Baye­ri­schen Staats­oper in München; diese Posi­tion verließ er wegen Meinungs­ver­schie­den­hei­ten mit dem Inten­dan­ten Niko­laus Bach­ler, der als extrem schwie­rig gilt. Das Orches­ter dort hat indes die besse­ren Musiker.

Ein Karrie­re­sprung: Hamburg lockt den Diri­gen­ten nicht nur mit der Gene­ral­mu­sik­di­rek­tion der Staats­oper (sein Vertrag ist auf fünf Jahre befris­tet), sondern auch mit dem Posten des Chef­di­ri­gen­ten der Elbphil­har­mo­nie. Zusätz­lich wird er weiter­hin als Chef­di­ri­gent des Sympho­nie­or­ches­ters in Mont­real sowie als Erster Gast­di­ri­gent in Göte­borg tätig sein – in Hamburg ist er laut Vertrag (nur) ein knap­pes halbes Jahr pro Spiel­zeit anwesend.

Der Staats­opern­start: Gleich drei Urauf­füh­run­gen stehen in der ersten Saison auf dem Programm. „Stil­les Meer“ vom zeit­ge­nös­si­schen japa­ni­schen Kompo­nis­ten Toshio Hoso­kawa kreist um die Kata­stro­phe von Fuku­shima; „Weine nicht, singe“ und „Mini­bar“ werden in der Opera stabile urauf­ge­führt, die künf­tig mehr einbe­zo­gen werden soll.

Die Verän­de­run­gen: Andern­orts längst üblich, werden nun auch in Hamburg Regis­seure, die man vom Schau­spiel kennt, Musik­thea­ter insze­nie­ren: Jette Steckel und Michael Thal­hei­mer. Letzt­ge­nann­ter setzt die große Oper „Les Troy­ens“ von Hector Berlioz zur Eröff­nung am 19.9. in Szene – ein Flücht­lings­thema, das aktu­ell ist und sicht­bar für die Stadt auf eine Groß­lein­wand am Jung­fern­stieg über­tra­gen wird. Neu ist auch ein Festi­val in Koope­ra­tion mit dem Max-Planck-Insti­tut, das Musik und Wissen­schaft zusam­men brin­gen will: Wie und warum berührt Musik die Menschen über­haupt? Das disku­tierte der Diri­gent im Vorfeld schon mit Helmut Schmidt!

Der Kollege: Es kommt zu einer Zusam­men­ar­beit mit John Neumeier. Kent Nagano über­nimmt die musi­ka­li­sche Leitung des Balletts „Turan­galîla“, das im Juli 2016 urauf­ge­führt wird; da die Rechte an der vorge­se­he­nen Musik von Olivier Messiaen zunächst nicht zu erwer­ben waren, setzte sich Kent Nagano dafür ein und bekam die Erlaub­nis. Zwei Ameri­ka­ner in Hamburg – doppel­tes Glück für die Stadt!

Der Vorver­kauf für die nächste Spiel­zeit beginnt am 18. Mai,
Tel. 35 68 68 oder ticket@staatsoper-hamburg.de

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