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Next Day

Kampnagel
Next Day

Super­hel­den räumen die Welt auf – in „Next Day“ schaf­fen sie aber auch Unord­nung

Text & Foto: Adrian Anton

Kindern sieht man ja immer irgend­wie gerne zu – außer, wenn sie gerade Pilze zertre­ten, Flie­gen die Flügel ausrei­ßen oder ihre Popel essen. Aber wenn sie ganz harmo­nisch mitein­an­der spie­len oder noch besser: gemein­sam musi­zie­ren, kann ja eigent­lich nicht viel schief gehen. Von daher ist der fran­zö­si­sche Regis­seur Phil­ippe Quesne kein großes Risiko einge­gan­gen, als er im Auftrag des belgi­schen Thea­ters Campo mit „Next Day“ ein Stück „von Kindern für Erwach­sene“ auf die Bühne gebracht hat. Oder doch?

Vor ihm haben sich bereits andere daran versucht, beispiels­weise das Perfor­mance-Kollek­tiv Gob Squad, deren sehr erfolg­rei­ches und berüh­ren­des Stück „Before Your Very Eyes“ 2012 bereits zum Thea­ter­tref­fen einge­la­den wurde. Auch „Next Day“ tourt inzwi­schen seit gut zwei Jahren durch die Welt, denn die Premiere war bereits im Mai 2014 beim Festi­val „Thea­ter der Welt“ in Mann­heim. Anders als Gob Squad lässt Quesne die jungen Akteure, die mitt­ler­weile zwischen zehn und drei­zehn Jahre alt sind, nicht ihre mögli­chen Zukunfts­aus­sich­ten durch­spie­len, sondern ein Camp für Super­hel­den durch­lau­fen. Hier lernen die zukünf­ti­gen Super­hel­den alles, was sie für ihre Zukunft so brau­chen: Werbe­filme für sinn­lose Produkte drehen, Flug­zeug­ab­stürze verhin­dern, Angriffe von Aliens abweh­ren.

Als Trai­ning wird das Publi­kum von den mit Papp­mas­ken als Super­hel­den maskier­ten Kindern mit Schaum­stoff­wür­feln bewor­fen. Dazwi­schen oder paral­lel zum Gesche­hen wird Musik gemacht, ein kurzes Mittags­schläf­chen gehal­ten oder Pfann­ku­chen frisch geba­cken und verzehrt oder mit dem Publi­kum geteilt. Das ist alles sehr nett und unter­halt­sam, aber „Next Day“ fehlt die Viel­schich­tig­keit und Refle­xion. Zwar schim­mern immer wieder melan­cho­li­sche Momente durch, vor allem durch die stim­mungs­vol­len Musik- und Gesangs­ele­mente, aber ansons­ten hat Phil­ippe Quesne nicht viel gewagt.

Der Regis­seur ist zwar für seine unauf­ge­reg­ten und dezen­ten Anspie­lun­gen bekannt, wie sie bei vorhe­ri­gen Insze­nie­run­gen wie „Swamp Club“, wo eine alter­na­tive Kommune schei­tert, auch wunder­bar zur Geltung kommen. Bei „Next Day“ blei­ben Anspie­lun­gen auf düstere Zukunfts­aus­sich­ten wie Nano­tech­no­lo­gie-Unfälle, sozia­len Zerfall oder Atom­kriege aber so leise, dass sie von den netten Klän­gen der erstaun­lich gut musi­zie­ren­den Kinder über­tönt werden. Aber viel­leicht ging es Quesne ja auch darum zu zeigen, wie unglaub­lich brav, über­durch­schnitt­lich gut ausge­bil­det und auf Gefal­len zuge­rich­tet Kinder in der heuti­gen Leis­tungs­ge­sell­schaft sein müssen?

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