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Nordwind-Festival – ein Rückblick

Kampnagel
Black Marrow

Urschrei­the­ra­pie der islän­di­schen Art: „Black Marrow“

Text: Birgit Schmalmack / Fotos: Bjarni Grimsson (Black Marrow), Michael Domozhilov (Antikörper)

In den letz­ten Jahren war der Fokus des Nord­wind-Festi­vals klar und einzig­ar­tig: Die Beson­der­hei­ten der hier­zu­lande wenig gezeig­ten Kultur aus nordi­schen und balti­schen Ländern stan­den im Schein­wer­fer­licht. Dass Russ­land 2015 mit zu den am Nord­wind-Festi­val betei­lig­ten Ländern gehörte, zeigte sich dies­mal bereits über­deut­lich in der Kamp­na­gel-Eingangs­halle. Das war der Ausstel­lung des russi­schen Akti­vis­ten Pjotr Pawlen­ski zu verdan­ken, dessen radi­ka­ler Bilder­kraft man durch die über­le­bens­gro­ßen, zahl­rei­chen, in Dauer­schleife bespiel­ten Video­lein­wände zu keiner Zeit entge­hen konnte. Für ein Perfor­mance-Festi­val, das zum Erle­ben vieler verschie­de­ner Vorstel­lungs­wel­ten einla­den will, ein eher unge­schick­tes Arran­ge­ment.

Doch eine Über­wä­ti­gungs­ex­per­tin wie Erna Ómars­dót­tir weiß sich selbst dage­gen zu behaup­ten: In „Black Marrow“ wollte sie das Antrieb­mit­tel der Moderne, das Erdöl, unter­su­chen. Aus einer glän­zen­den schwar­zen Ober­flä­che erhe­ben sich kleine Hügel. Wie blub­bernde Blasen wabern sie zunächst am Rand herum, bis aus der Land­schaft Wesen hervor krie­chen. Man tastet sich in die Aufrechte vor. In orgi­as­ti­schen Gemein­schafts­er­leb­nis­sen wird der befrei­ende Schrei zele­briert. Während die Elek­tro­sounds von Ben Frost bis hier­hin die trei­bende und unter­ma­lende Beglei­tung der Erkun­dun­gen bilde­ten, so brüllt danach der Popsong „You have to pump it up!“ aus den Boxen. Der Mensch wird zur Maschine. Ob in Fitness­ge­rä­ten oder am Fließ­band der Fabri­ken scheint dabei neben­säch­lich. Er ist einge­spannt in den Takt der mit Erdöl oder von ihm selbst ange­trie­be­nen Maschi­nen. Dem Menschen scheint alles beherrsch­bar. Doch der schöne Schein trügt. Zum Schluss ist der glän­zende Boden wegge­zo­gen, und übrig bleibt eine glit­schige schwarze Brühe, auf der die Menschen immer wieder ausrut­schen.

Ómars­dót­tir ist wieder einmal ein Atem berau­ben­der Abend gelun­gen. Wage­mu­tig, voller über­ra­schen­der Bilder und mit hervor­ra­gen­den Tänzern, die keine Anstren­gung scheuen. Wenn in der Ideen­flut das eigent­li­che Thema ein wenig aus dem Fokus geriert, verzei­hen das die meis­ten Zuschauer der über­spru­deln­den Künst­le­rin sicher gerne.

Antikörper

Beein­dru­cken­des Doku-Thea­ter aus St. Peters­burg: „Anti­kör­per“

Das Baltic House Thea­tre aus St. Peters­burg setzte dage­gen auf die leisen Töne. Es doku­men­tiert im 2013 insze­nier­ten Stück einen Mord, der etwas über die Zustände einer zerris­se­nen Gesell­schaft aussagt. Sie seien wie „Anti­kör­per, die eine Gesell­schaft, die krank gewor­den ist, als natür­li­che Gegen­wehr produ­ziere. So sieht es einer der Ermitt­ler, die die immer bruta­ler werden­den Gewalt­ex­zesse zwischen den Anti­fa­schis­ten und den Neona­zis in St. Peters­burg verhin­dern sollen. Diesen ist Timur Kats­cha­rawa im Septem­ber 2005 in St. Peters­burg zum Opfer gefal­len. Der Täter Pascha, ein Neo-Nazi, gestand seine Tat sofort.

Regis­seur Michail Patla­sow hat aus den Inter­view­zi­ta­ten der Betei­lig­ten ein beein­dru­cken­des Stück geschaf­fen. In den verschie­de­nen Bühnen­räu­men werden die Inter­view­ten bei ihrer Aussage gefilmt und ihre Gesich­ter auf eine der Wände proji­ziert. Damit wird Distanz und Nähe, Innen- und Außen­per­spek­tive, aber auch Über­blen­dung möglich. Das Stück stellt sich auf keine Seite, es fällt kein Urteil und bietet dennoch einen Verdacht an: Nutzt der Staat jugend­li­che Rebel­li­ons­ideen für seine Inter­es­sen aus?

Eine nicht nur poli­ti­sche, sondern auch drama­tur­gisch und insze­na­to­risch inspi­rie­rende Arbeit ist dem Team gelun­gen. Auch für die deut­sche Gesell­schaft eine eindrucks­volle Spuren­su­che, denn die anschlie­ßende Frage des Regis­seurs, ob es solche Entwick­lun­gen auch in Deutsch­land gäbe, vorschnell zu vernei­nen, fällt in Zeiten von Pegida-Hass­pa­ro­len schwer.

Die Erst­auf­füh­rung der Sieb­ten Sympho­nie von Schosta­ko­witsch schwankt in der Rezep­tion immer noch von einem „Aushän­ge­schild für die sowje­ti­sche Musik unter Stalin“ bis hin zu „versteck­ter System­kri­tik mit kodier­ten Botschaf­ten“. In dieser emotio­na­len und ideo­lo­gi­schen Gemenge­lage versu­chen drei junge, moderne finni­sche Frauen

ihren „Perso­nal Sympho­nic Momentunter Leitung der Choreo­gra­fin Elina Piri­nen zu finden. Der beginnt in völli­ger Dunkel­heit. Nur die Musik erklingt aus den Laut­spre­chern, bis die drei Frauen aus einer Nebel­wolke heraus die Bühne beschrei­ten. Doch dann gibt es kein Halten mehr. Sie sprin­gen in die Luft, robben auf dem Boden herum, klat­schen sich auf die nack­ten Hintern oder ziehen sich an den Brust­war­zen durch den Raum. Sie scheuen vor keiner noch so gender­po­li­tisch unkor­rek­ten Geste zurück. Denn hier sind Post­fe­mi­nis­tin­nen am Werk, die sich frei und unab­hän­gig von solchen Grenz­zie­hun­gen bewe­gen. Diese Show schwankt zwischen Ekel und Erotik, zwischen Provo­ka­tion und Schön­heit. Zumin­dest solange die Sympho­nie erklingt, scheint alles erlaubt, was frau will. Doch noch bleibt es wohl ein Traum, denn sobald die Musik verklingt, verschwin­den die drei Frauen im Nebel und Gegen­licht wieder so, wie sie gekom­men sind. Nur die verschmierte Bühne zeugt noch von ihrem frei­mü­ti­gen Selbst­er­mäch­ti­gungs­spiel.

So setzen die drei Frauen in die Tat um, was Alain Badious in seinem Vortrag „From Logic to Anthro­po­logy“ gefor­dert hat: Er wünschte sich Events, in denen sich das Subjekt Momente der Öffnung erschlie­ßen könne, die jenseits von bloßer Nega­tion den Anfang jeder notwen­di­gen Verän­de­rung gegen die bestehen­den Verhält­nisse bilden. Der Tänzer Tilman O‚Donnell ist mit seiner Choreo­gra­fie zunächst weit von einem Event entfernt, wenn auf einer Kreis­bahn unter der Lein­wand, auf der Badious spricht, zwar die große Viel­falt seiner Bewe­gungs­krea­ti­vi­tät demons­triert, die aber aufgrund seiner eng gesetz­ten Rahmen­be­din­gun­gen fast gleich­för­mig wirkt. Erst als ein dick einge­pack­ter Perfor­mer seine Bahn kreuzt, setzt O’Donnell zur Verän­de­rung an: Ab jetzt zieht er seine Kreise in entge­gen­ge­setz­ter Rich­tung! Als krea­ti­ver Event­brin­ger ausge­nutzt zu werden, nein, darauf lässt sich dieser Künst­ler nicht redu­zie­ren. Als hinter­grün­dig, intel­li­gent und ironisch Hinter­fra­gen­der ist er aber bestens geeig­net.

Über­set­zun­gen können entschei­den über Leben und Tod. Das müssen immer wieder Asyl­su­chende erfah­ren. Doch kann es über­haupt eine korrekte Über­set­zung geben? Schwin­gen nicht stets viele nicht über­setz­bare Aspekte in jeder Flucht­ge­schichte mit, die keine Entspre­chung in der Spra­che des Ankunfts­lan­des finden? Diese Frage stellte sich die Regis­seu­rin Olga Jitlina in „Trans­la­tion“. Sie lud fünf Flücht­linge aus Hamburg ein, eine lite­ra­ri­sche Geschichte, die ihre eigene hätte sein können, auf Kamp­na­gel in ihrer Mutter­spra­che vorzu­tra­gen. Eine Sopra­nis­tin nimmt die Rolle der Über­set­ze­rin ein: Sie soll statt mit deut­schen Worten mit euro­päi­schen Arien und klas­si­schen Liedern die Gefühle der Flücht­linge näher an die euro­päi­sche Aufnah­me­ge­sell­schaft heran­füh­ren.

Olga Jitli­nas Abend machte für die Zuschauer direkt nach­fühl­bar, wie schwie­rig Verständ­nis ist. Wenn keine der zahl­rei­chen Verstän­di­gungs­ebe­nen einen festen, realen Bezugs­rah­men hat, fängt alles an zu schwim­men. Das war natür­lich beab­sich­tigt, aber hielt durch den hohen Grad der Künst­lich­keit auch zugleich auf Distanz zu den persön­li­chen Schick­sa­len.

Die däni­sche Thea­ter­gruppe Mungo Park arbei­tet anschei­nend gerne effek­tiv, klar und unge­schminkt. Sie suchte in ihrer Insze­nie­rung „Boys don’t cry“ nach dem gleich­na­mi­gen Film nicht erst umständ­lich nach Bildern, sondern zeigte die Gescheh­nisse einfach dras­tisch und direkt. Es geht um eine junge Frau, Teena Bran­don, die im Körper einer Frau gebo­ren wurde und wie ein Mann fühlt. Und das ausge­rech­net in der tiefs­ten ameri­ka­ni­schen Provinz, wo man eigent­lich die klaren Regeln in der Gesell­schaft schätzt. Als sie den Bundes­staat wech­selt, kann sie hier zwar als Mann auftre­ten, gerät aber in eine Clique, die genü­gend eigene Probleme hat: prekäre Jobs, gren­zen­lose Lange­weile, Flucht in Drogen und Alko­hol, Erfah­rung mit Knast, Gewalt oder unge­woll­ten Schwan­ger­schaf­ten. Als einer von ihnen erfährt, dass Bran­don in Wirk­lich­keit ein Mädchen ist, greift er zu dras­ti­schen Straf­maß­nah­men. Bei Mungo Park wird dabei live geschrien, gekämpft, gefickt und verge­wal­tigt. Sie setzen auf nackte Tatsa­chen, hoch­ko­chende Emotio­nen und eindeu­tige Botschaf­ten. Spezi­ell die Darstel­le­rin­nen versu­chen zwar auch die Brüche zu zeigen, doch diese Ansätze gehen leider im lauten Getöse unter. Dieser Produk­tion hätte man weni­ger Mut zur Provo­ka­tion als viel­mehr zur Diffe­ren­zie­rung, Viel­schich­tig­keit und Unein­deu­tig­keit gewünscht.

Bisher hielt die Kura­to­rin in Island, Finn­land, Schwe­den, Däne­mark und Norwe­gen nach Sehens­wer­tem Ausschau. 2015 schien ihr das zu wenig, sie nahm Russ­land mit dazu. Warum, bleibt auch nach dem Ende des Festi­vals nicht ganz klar. Die poli­tisch-histo­ri­schen Zusam­men­hänge jeden­falls schie­nen sich in keiner der Produk­tio­nen anzu­deu­ten.

Die poli­tisch enga­gier­ten russi­schen und die expres­si­ven, meist selbst­be­zo­ge­nen nord­eu­ro­päi­schen Produk­tio­nen schie­nen eher neben­ein­an­der zu stehen, als wech­sel­sei­tige Bezüge aufzu­zei­gen. Bühnen-Produk­tio­nen aus Ländern der ehema­li­gen Sowjet­union, die diese hätten aufzei­gen können, fehl­ten im Hambur­ger Programm; die balti­schen Staa­ten waren erst gar nicht vertre­ten. So erga­ben sich eher viele einzelne Bild­col­la­gen als ein schil­lern­des Kalei­do­skop, und die Ziel­set­zung für 2015 blieb eher eine Wunsch­vor­stel­lung.

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