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Off-Bühne im Aufwind

Hamburger Sprechwerk
Konstanze Ullmer

Von Anfang an beim Sprech­werk mit dabei: Thea­ter­che­fin Konstanze Ullmer

Text: Christian Hanke / Foto: Christian Hanke

Auf den ersten Blick ist es wirk­lich ein wenig „off“, das Hambur­ger Sprech­werk, eines der bekann­tes­ten Off-Thea­ter der Stadt. Ein Schild weist an der Klaus-Groth-Straße 23 auf die Bühne hin, die am Ende eines Hofes zwischen Gewer­be­trie­ben liegt. An einem Kfz-Betrieb und seinen Auto­mo­bi­len geht’s vorbei auf eine Treppe zu, deren Stufen man erklimmt, um das Sprech­werk in einer frühe­ren Spedi­ti­ons­halle zu betre­ten. Hinter dem klei­nen Foyer mit Tresen für den Geträn­ke­ver­kauf eröff­net sich den Gästen dann eine erstaun­lich große und vor allem tiefe Bühne.

Hier spie­len seit 2003 freie Thea­ter­grup­pen. Der umtrie­bige Regis­seur und Drama­turg Andreas Lübbers hatte die Bühne, die damals einer Schule für Veran­stal­tungs­tech­ni­ker als Übungs­raum diente, entdeckt, die Räume gemie­tet und die Spiel­stätte für freies Thea­ter gegrün­det. So ziem­lich alle Spiel­ar­ten der Bühnen­kunst in den unter­schied­lichs­ten Quali­tä­ten waren in den folgen­den Jahren im Hambur­ger Sprech­werk zu sehen.

Seit einem Jahr ist vieles anders. Grün­der Andreas Lübbers hat sich aus dem opera­ti­ven Geschäft zurück­ge­zo­gen und die Leitung an seine lang­jäh­rige Mitstrei­te­rin, die Schau­spie­le­rin und Regis­seu­rin Konstanze Ullmer, über­ge­ben, die in nur einer Spiel­zeit ein wirk­li­ches Off-Thea­ter geformt hat. Ein Thea­ter mit Profil, das in zwei bis drei Eigen­pro­duk­tio­nen pro Spiel­zeit zu erken­nen ist, in denen nahezu diesel­ben Schau­spie­ler mitwir­ken. „Aus unse­rer Kraft selbst Stücke entwi­ckeln“ lautet die Devise von Konstanze Ullmer. In einem Brain­stor­ming hat sie mit zwei Gleich­ge­sinn­ten, unter ande­rem Andreas Lübbers, den Leit­fa­den des neuen Hambur­ger Sprech­werks entwi­ckelt. Und ging sogleich ans Werk. „Wort­ge­fechte“ beti­telte sie die Reihe mit drei Insze­nie­run­gen, die in der Spiel­zeit 2015/16 im Sprech­werk zu sehen waren.

Ausgangs­punkt waren „Die sata­ni­schen Verse“ von Salman Rush­die, die sie mit „Das Liebes­kon­zil“ nach Oskar Panizza (1853-1921) kombi­nierte. Andreas Lübbers hatte beide Werke drama­ti­siert. Zwei weitere Stücke, die sich mit aktu­el­len Proble­men beschäf­ti­gen, folg­ten: „Antark­tis“ von Chris­tina Kette­ring über emotio­nale Verküm­me­rung aufgrund von „Compu­te­ri­sie­rung“ und Demenz; „Im Ausnah­me­zu­stand“ von Falk Rich­ter als beklem­mende Vision von der tota­len Abschot­tung der Wohl­ha­ben­den von allen Übri­gen. Besetzt waren die drei Insze­nie­run­gen zum Teil mit den glei­chen Schau­spie­lern (in allen dreien: Ines Nieri, Tom Pidde), so dass schon von einem Ensem­ble am Sprech­werk gespro­chen werden kann. Inof­fi­zi­ell frei­lich, denn niemand der Künst­ler ist hier ange­stellt. „Ich liebe es, groß­ar­tige Schau­spie­ler auf der Bühne zu sehen. Wenn ich tolle Spie­ler entdeckt habe, warum soll ich sie nicht fürs nächste Stück wieder beset­zen?“, so Konstanze Ullmers Erklä­rung für die Ensem­ble­bil­dung. Fest ange­stellt sind am Hambur­ger Sprech­werk nur die Inten­dan­tin und Andreas Lübbers sowie fünf Tech­ni­ker mit vier Stel­len. Die gute tech­ni­sche Ausstat­tung des Thea­ters, mate­ri­ell wie perso­nell, hat sich aus dem Vorläu­fer, der Schule für Veran­stal­tungs­tech­nik, entwickelt.

Gast­spiele gibt’s am Sprech­werk auch. „Wir sind immer noch ein Podium für die freie Szene“, stellt Konstanze Ullmer klar. Für die kommende Spiel­zeit sind wieder drei Eigen­pro­duk­tio­nen aus der Reihe „Wort­ge­fechte“ vorge­se­hen. Am 2. Septem­ber hat „Der Opti­mierte“, ein Stück von Tilla Lingen­berg über genma­ni­pu­lierte Desi­gner-Babys, Premiere. Vier oder fünf Gast­spiele vom Thea­ter Mär (Kinder­thea­ter) sind eben­falls vorgesehen.

Irgend­wann in naher Zukunft ist ein Umzug nach Hamm geplant. Vom neuen Thea­ter auf dem Gelände der Hambur­ger Turner­schaft von 1816, die eben­falls umzie­hen wird, träumt Konstanze Ullmer schon. Die Inten­dan­tin hofft, dort mehr Publi­kum zu errei­chen, Publi­kum, das das jetzige Thea­ter im Hinter­hof nicht erreicht oder sich scheut, es zu betreten.

Auch im August hat das Hambur­ger Sprech­werk schon Programm. Am Donners­tag, 4. August, zum Beispiel Impro­vi­sa­ti­ons­thea­ter mit den Zucker­schwei­nen aus Hamburg (auch 1.9. sowie 18.8. Vier­tel­fi­nale der Impro-Liga), 5.8. „Schö­ner Schei­tern mit Ringel­natz“ (Klein­kunst mit Liedern, Gedich­ten, Zita­ten, Anek­do­ten), 13.8. Tanz­show „The Fantas­tiX – The Future is now“, 20.8. „Leonce und Lena in the Box“, Büch­ners Klas­si­ker für die Genera­tion Pop mit Puppen, 21.8. „Weiber­held? Mit Tuchol­sky im Bett“ Kurt Tuchol­skys Frauen spre­chen (18 Uhr), 27.8. „Büro und Welt­herr­schaft“, Comedy mit Andrea Volk. Alle Vorstel­lun­gen mit Ausnahme von Tuchol­sky (21.8.) begin­nen um 20 Uhr.

Karten zu unter­schied­li­chen Prei­sen unter Tel. 69 65 05 05

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