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Reparieren ist angesagt

„Wie neu!“, Lichthof Theater zu Gast in einer alten Fabrik
Wie neu!

Helden­trio (Joachim Kappl, Joscha Henningsen, Saman­tha Hanses, v.l.) im Kampf für die Reparatur.

Sie stür­men das Foyer des Kolben­hofs, einer alten, vor zwei Jahren geschlos­se­nen Fabrik in Otten­sen, wie rich­tige Helden. Sie sind bewaff­net, unge­wöhn­lich geklei­det - und sie sind zu dritt. Ganz klar, der Super­mann, sein treuer Gefährte und eine Frau. Das Trio verschwin­det in den ersten Stock, nach­dem es nach kaput­ten Gegen­stän­den gefragt hat. Das Publi­kum folgt neugie­rig, nimmt in einer Werk­statt Platz, in der sich die verschie­dens­ten Gegen­stände in der Mitte türmen. An der Wand prangt der Spruch: „Erst in der Werk­statt habe ich das Denken gelernt.“ Hier arbei­ten unsere drei Helden, repa­rie­ren, erläu­tern warum.

Die Repa­ra­tur ist aus der Mode gekom­men, seit­dem die Wirt­schafts­bosse eine Superidee hatten: „die orga­ni­sierte Unzu­frie­den­heit“. Luxus galt zuneh­mend als lebens­not­wen­dig, unbe­dingt begeh­rens­wert. Deshalb schäm­ten sich beson­ders junge Menschen für selbst wieder Geflick­tes. Alles musste neu sein, und der Rubel rollte. „Alt oder Repa­riert war verschmäht.“ Diesen Zustand wollen unsere Helden ändern. Zutiefst sind sie, die Prot­ago­nis­ten der Licht­hof-Produk­tion „Wie neu!“, davon über­zeugt, dass man statt neu einzu­kau­fen alles repa­rie­ren sollte. Nach dem Motto: „Was einmal heil war, kann auch wieder heil werden. Man braucht nur das rich­tige Werkzeug.“

Sie haben sogar zehn Gebote. Zum Beispiel: Du sollst nichts wegwer­fen, Du sollst deine Werk­statt heili­gen, oder Du darfst nicht zerstö­ren, um etwas ande­res zu repa­rie­ren. Nun werden die Damen und Herren, die sich zu Beginn mit beschä­dig­ten Gegen­stän­den gemel­det hatten, in die Werk­statt gebe­ten. Unsere drei Helden setzen sich mit ihnen an ihren Arbeits­platz und bespre­chen das Problem. Um sie dazu zu brin­gen, den Scha­den selbst zu behe­ben. Die Menschen in die Repa­ra­tur invol­vie­ren, eine eigene Bezie­hung zu den Dingen herstel­len. Darum geht es den drei Reparierern.

Im Folgen­den zeigen die Werk­statt­hei­li­gen, dass nicht nur Dinge, sondern auch Über­ra­schun­gen und mensch­li­che Bezie­hun­gen zu Bruch gehen können. Klein­fa­mi­lie: Sohn besucht seine Eltern, unter­hält sich mal wieder mit dem chole­ri­schen Vater. Mutter freut sich riesig drüber. Doch der alte Vater-Sohn-Konflikt bricht wieder auf. Sohne­mann verlässt das Haus. Kaputt. Joscha Henningsen (Sohn) und Joachim Kappl (Vater) spie­len es ganz groß­ar­tig. Anschlie­ßend Joscha Henningsen noch mal stark in seinem Mono­log über „neuro­lo­gi­sche Repa­ra­tur“: Wie lösche ich Phobien aus? Doch Repa­ra­tu­ren sind nicht nur notwen­dig, sie eignen sich auch ideal für publi­kums­wirk­same Groß­ereig­nisse, wie der Repa­ra­tur­wett­be­werb „Speed repair“ zeigt. Repa­rie­ren, so schnell wie möglich. Da wird dann auch gern mal geschum­melt. Wer erwischt wird, muss fünf­mal das Gebot der Helden der Repa­ra­tur aufsa­gen, gegen das er versto­ßen hat.

Wie Repa­ra­tur ad absur­dum geführt werden kann, erläu­tert eine 77-Jährige, die ein einzi­ges Ersatz­teil­la­ger ist: Handy im Knie, Wok als Becken­stütze, ein vier­tes Gesicht, LKW-Plane, Espresso­tasse und vieles mehr in den Körper einge­baut. Ein Chip koor­di­niert das „Kunst­werk“. Da hat Saman­tha Hanses ihren großen Auftritt. Und nun erscheint der Haus­meis­ter, will dem Thea­ter ein Ende berei­ten. Unvor­ge­se­he­ner Abbruch? Nein, er führt, abwech­selnd gespielt von den Autoren des Textes, Marc von Henning und Frank Dudden, das Publi­kum in die alte Halle des Kolben­ho­fes, eine riesige ausge­räumte Fabrik­halle, und erläu­tert deren Geschichte. Da haben die Repa­ra­tur­hel­den ihren letz­ten, musi­ka­li­schen Auftritt - und kommen zu dem zwie­späl­ti­gen Schluss: „Die Welt geht nicht kaputt, weil sie noch nie heil war.“

Diesen höchst unter­halt­sa­men und anre­gen­den Abend übers Repa­rie­ren in der einfalls­rei­chen Regie von Susanne Reifen­rath und Marc von Henning (in Koope­ra­tion mit der thea­ter alto­nale 12) sollte sich niemand entge­hen lassen, zumal im genau passend gewähl­ten Ambi­ente drei sehr gute Schau­spie­ler agieren.

Text: von Chris­tian Hanke
Foto: G2 Baraniak

Weitere Auffüh­run­gen am 14., 15., 16. und 17 Juni im ehema­li­gen Fabrikgelände
in der Frie­dens­al­lee 128 (Kolben­hof) in Halle 5. Karten unter www.lichthof-theater.de

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