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Störtebeker – Fluch der Nord & Ostsee

St. Pauli Theater
Störtebeker – Fluch der Nord & Ostsee

Immer auf Beute aus: Stör­te­be­ker (Frank Rich­artz, Mitte r.) und Gödeke Michels (Stephan Schad, Mitte l.) mit Mann­schaft

Text: Christian Hanke / Foto: Oliver Fantitsch

An einer langen Tafel sitzen die Mitglie­der des Hambur­ger Rats, irgend­wann Ende des 14. Jahr­hun­derts, und debat­tie­ren darüber, wie man der Seeräu­ber­plage Herr werden könnte. Das ist sehr komisch, denn die hohen Herren entpup­pen sich in ihren Dialo­gen als ziem­lich dösbad­de­lig, um es einmal hambur­gisch zu sagen. Um eine Hambur­ger Legende geht es nämlich in dem musi­ka­li­schen Thea­ter­spek­ta­kel von Peter Jordan, dessen Anfangs­szene die besagte Rats­sit­zung bildet. „Stör­te­be­ker – Fluch der Nord & Ostsee“ lautet der Titel in Anleh­nung an einen belieb­ten Film-Mehr­tei­ler aus einem weiter entfern­ten Gewäs­ser. Die umju­belte Premiere ging im April im St. Pauli Thea­ter über die Bühne. Die  Anfangs­szene gibt einen Vorge­schmack auf das Folgende: Es darf gelacht werden, denn Komik, um nicht zu sagen Klamauk, domi­niert diese Insze­nie­rung. Ob als Rats­her­ren, Pira­ten oder als Frie­sen­häupt­ling, das zehn­köp­fige Ensem­ble in Doppel- und Drei­fach­rol­len hat es in erster Linie auf die Lach­mus­keln des Publi­kums abge­se­hen. Dafür werden alle Regis­ter gezo­gen, von ganz platt über Comedy bis Monty-Python-Stil.

Eine Geschichte gibt es auch, eine ganz eigene, denn das Leben des Klaus Stör­te­be­ker liegt nahezu komplett im Dunkeln. Daher bemü­hen sich Autor und Regis­seur Peter Jordan und sein Regie­kol­lege Leon­hard Koppel­mann gar nicht erst, Geschichte zu schrei­ben. Statt­des­sen haben sie „ein stür­mi­sches, ganz subjek­ti­ves Musik­thea­ter“ über die Seeräu­ber- Legende verfasst. Und die geht so: Stör­te­be­ker, ein idea­lis­ti­scher, mitun­ter etwas naiver Softie, raubt mit seinen Pira­ten-Kumpels Schiffe mit wech­seln­der Beihilfe der Ostsee­mächte aus. Man teilt die Beute gleich­mä­ßig unter­ein­an­der auf und unter­stützt mit dem Geraub­ten auch die Armen. Ein Auslauf­mo­dell, dem Stör­te­be­kers Gegen­spie­ler, der nach Hamburg einge­wan­derte Hollän­der Simon von Utrecht, ein erfolg­rei­cher Käse­händ­ler, mit  kauf­män­ni­schem Geschick und raffi­nier­ter Diplo­ma­tie den Garaus macht. Er verkör­pert in Jordans Musik­spek­ta­kel eine neue Zeit, in der weni­ger mit Kano­nen als mit Kapi­tal gekämpft wird. Der gefan­gene Stör­te­be­ker verwei­gert sich dieser Entwick­lung und muss deshalb ster­ben.

Schade, dass diese Geschichte im lärmen­den Klamauk fast unter­geht. Frank Rich­artz spielt den unge­wöhn­li­chen Stör­te­be­ker mit wallend langem Haar und sanf­ter Stimme, weit entfernt vom Bild des grim­mi­gen Pira­ten, das allge­mein von ihm gezeich­net wird. Dem klas­si­schen Pira­ten­bild entspricht dage­gen Stephan Schad als Stör­te­be­kers älte­rer Mitstrei­ter Gödeke Michels, der Stör­te­be­ker in Jordans Musi­cal verrät, um selbst ausstei­gen zu können. Schad, der auch den Hambur­ger Bürger­meis­ter Kers­ten Miles spielt, ist der Star des Abends. Groß­ar­tig auch Lea Sophie Salfeld in der Drei­fach­rolle als eman­zi­piert-kämp­fe­ri­sche Toch­ter des Frie­sen­häupt­lings Keno ten Broke, die sich in Stör­te­be­ker verliebt, als Pira­ten­braut und kriti­sche Ehefrau des Simon von Utrecht.

Für Komik-High­lights sorgen immer wieder die Pira­ten, Rats­mit­glie­der und Fisch­markt­be­su­cher, verkör­pert von densel­ben Spie­lern, größ­ten­teils Mitglie­der der Band „Albers Ahoi“, die für einen weit gefass­ten Musik­mix sorgt: Shan­ties, Swing, Heavy Metal – alles dabei. Und natür­lich wird gefoch­ten und geprü­gelt, was das Zeug hält. Auch wenn die Kern­ge­schichte nicht die Haupt­rolle spielt – lang­wei­lig wird’s mit diesem Musik­spek­ta­kel nie.

Auffüh­run­gen bis 5. Mai im St. Pauli Thea­ter, Spiel­bu­den­platz 29-30.

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