Drehbühne / Größen von Gestern

Walter Giller

Am 15. Dezember verstarb der Schauspieler in Hamburg
Walter Giller

Walter Giller als Paul­chen in „Zwei unter Millio­nen“ (1961)

Er benö­tigte Jahre, bis er gelernt hatte zu lächeln. Und Jahr­zehnte, bis er vom Klamot­tier, wie das am Thea­ter heißt, zum ernst­zu­neh­men­den Charak­ter­dar­stel­ler heran­ge­wach­sen war. Die Rede ist vom jüngst verstor­be­nen Walter Giller: „Ich war immer ein hervor­ra­gen­der Zwei­ter!“ So lautete eine seiner Stan­dard­for­mu­lie­run­gen, die ich unzäh­lige Male gehört habe, solange ich ihn kannte. Und er meinte damit zwei­er­lei: Einmal ein sehr beschei­de­nes, aber völlig unnö­ti­ges Under­state­ment als Schau­spie­ler – unnö­tig ange­sichts seiner unge­mein verblüf­fen­den Wand­lungs­fä­hig­keit, die der eines Gert Fröbe oder Theo Lingen in nichts nach­stand; und die Tatsa­che, dass er denn doch stets im Schat­ten seiner berühm­ten Ehefrau Nadja Tiller lebte, die künst­le­risch einen voll­kom­men ande­ren Weg gegan­gen war als er. Dennoch galten beide vielen als das ideale Paar, das nicht nur in einer Viel­zahl von Filmen gemein­sam vor der Kamera stand, sondern auch im Privat­le­ben – bis hin zu den späten Tagen in einem Hambur­ger Edel-Lebens­abend-Heim, dessen astro­no­mi­sche Kosten sich ein Ehepaar nur leis­ten konnte, das zeit­le­bens die besten deut­schen Gagen einheimste. Aber – das muss nicht verschwie­gen werden, da sie es selbst häufig beschmun­zel­ten – sie hatten auch etwas von dem Virgi­nia-Woolf-Paar des Edward Albee an sich, was nicht selten sogar im Atelier zu Kolli­sio­nen führte. Außer­dem war Walter (und SIE wusste und beäugte das „not amused“) ein woma­ni­zer par excel­lence, dessen – aus Männer­sicht wirk­lich unbe­schreib­li­chem – Charme die Frau­en­her­zen quer durch alle sozia­len Schich­ten entge­gen­schlu­gen, will sagen: Von der Masken­bild­ne­rin über die Cutte­rin bis zur Schau­spiel-Kolle­gin.

Aber Woma­ni­zer und Lebens­künst­ler, ja Lebens­ge­nie­ßer, waren sie alle damals, diese Laus­bu­ben, gebo­ren in den 20er Jahren des 20. Jahr­hun­derts, in unter­schied­li­chen Leidens­for­men durch die Wirren des Zwei­ten Welt­krie­ges geprägt, in einem Beruf tätig, der stän­dig Öffent­lich­keit herstellte und versorgt mit präch­ti­gen Gagen. Ich erin­nere, dass Gert Fröbe mich, den über zehn Jahre jünge­ren Assis­ten­ten, stän­dig einlud, wenn wir auf Reisen waren, weil er – wie er lachend grölte – einen präch­ti­gen Agen­ten habe, der immer viel zu hohe Gagen aushan­dele; wie Lilo Pulvers früh verstor­be­ner Ehemann Helmuth Schmid an drei vorstel­lungs­freien Aben­den bei den Ruhr­fest­spie­len in Reck­ling­hau­sen (wo übri­gens Walter Giller 1927 das Licht der Welt erblickt hatte), um die Häuser zog, in durch­aus wech­seln­der Damen­be­glei­tung; wie Hannes Messe­mer, der als junger Leut­nant eine Kompa­nie deut­scher Kinder­sol­da­ten durch russi­sche Linien zurück­ge­führt hatte (bei einer Verlust­quote, nach seinem eige­nen Bericht, von über 50 Prozent aller­dings!) sehr bald Alko­ho­li­ker wurde (während der Zeit seines Bochu­mer Enga­ge­ments bei Hans Schalla, als er die ersten Kriegs­filme drehte) und sich neben seiner Whis­key- und Pfei­fen­samm­lung eine Frau­en­samm­lung leis­ten konnte und auch anschaffte. Ja, so warn’s, die berühm­ten deut­schen Nach­wuchs­schau­spie­ler damals, honi soit, qui mal y pense.

Walter Giller war für mich bereits ein Star, bevor er Schau­spie­ler wurde. Er gehörte zum verlo­re­nen Strand­gut des Krie­ges, aber seine Froh­na­tur ließ ihn – nach seinen eige­nen Worten – „das ganze Leben durch­spie­len“. Mögen ihm auch auf der ande­ren Lebens­ebene die Bühnen offen­ste­hen.

Text: Hans-Peter Kurr

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