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Wir sind alle Spinner

Theater Triebwerk im Fundus Theater
Wir sind alle Spinner

Schnell in eine andere Rolle schlüp­fen: Bine (Lisa Grosche) liebt das Aben­teuer

Text: Dagmar Ellen Fischer | Foto: Theater Triebwerk

So viele tolle Geschich­ten gibt es, die man drin­gend erzäh­len muss oder denen man unbe­dingt zuhö­ren will. Aber müssen die eigent­lich wahr sein? Gar nicht, findet Bine, und denkt sich gleich das nächste fantas­ti­sche Aben­teuer aus: Ein klei­ner Eisbär hat sich gründ­lich verirrt und hockt nun am Südpol. Für ihn muss Bine umge­hend eine Mitschwimm-Gele­gen­heit orga­ni­sie­ren; also hält sie den nächst­bes­ten Wal an und über­re­det ihn, den klei­nen weißen Kerl auf seinem Weg Rich­tung Norden mal eben Zuhause abzu­set­zen … Und während die beiden losschwim­men, erklin­gen live vom Cello wunder­schöne Walge­sänge, die sogleich eine schil­lernde Unter­was­ser­welt in den Köpfen des Publi­kums evozie­ren. Zuvor waren schon andere Meeres­be­woh­ner aufge­taucht: eine Qualle (eigent­lich eine Mütze), ein Seepferd­chen (sonst eine Spül­bürste) und ein Rochen (im ande­ren Leben ein Lappen).

Bine ist eine groß­ar­tige Geschich­ten-Erfin­de­rin. Beson­ders gut ist sie immer dann, wenn sie mal wieder zu spät kommt: Anstatt sich sach­lich zu erklä­ren, erfin­det sie die absur­des­ten Ausre­den – und daraus werden dann die tolls­ten Aben­teuer. Ihren Freund Peter indes nervt das inzwi­schen, denn der muss stän­dig auf sie warten. Uwe Schade über­nimmt diese Rolle des mahnen­den Vernünf­ti­gen, während Lisa Grosche die Zeit aus dem Blick und sich selbst in Gedan­ken verliert. Aus den gereim­ten Dialo­gen der Beiden ergibt sich ein anre­gen­der Schau­kampf, und die Kinder sind indi­rekt aufge­for­dert, sich für einen Stand­punkt zu entschei­den. Ist es wich­tig, auf die Minute pünkt­lich zu sein? Oder wäre es nicht viel span­nen­der, jede Menge Aben­teuer im Kopf zu haben?

„Wir sind alle Spin­ner“, wünscht sich das Thea­ter Trieb­werk, und erzählt dem Publi­kum ab fünf Jahren etwas „Über das Dich­ten, Spin­nen und Lügen bis sich die Balken biegen“! Zwischen den musi­ka­li­schen Reimen into­niert Cellist Uwe Schade unter­schied­li­che Stim­mun­gen, im Finale bekennt und fordert dann Lisa Grosche singend: „…hab ’nen Vogel, flieg’ mit ihm durchs All…“!

Marc von Hennings Insze­nie­rung setzt gezielt auf eine direkte Anspra­che und Kommu­ni­ka­tion mit den Kindern im Zuschau­er­raum; das birgt ein gewis­ses Risiko – manche fühlen sich beru­fen, jeden zwei­ten Satz der Darstel­ler zu kommen­tie­ren und hemmen so den Fluss des Spiels. Dennoch erlebt jeder im Publi­kum seine eigene Vorstel­lung im indi­vi­du­el­len Timing: „Manch­mal dauern fünf Minu­ten eine Ewig­keit und eine Stunde vergeht im Fluge“.

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