Highlight / Kritik

Wunschkinder

Ernst Deutsch Theater
Wunschkinder

Muss die Ratschläge seiner Eltern schul­tern: Sohn Philip Spreen zwischen Stef­fen Gräb­ner und Saskia Fischer

Text: Dagmar Ellen Fischer | Foto: Oliver Fantitsch

HipHop-Musik dröhnt von der Bühne. Als sie abrupt stoppt, atmen viele Zuschauer hörbar auf – Laut­stärke und Stilis­tik trafen nicht den Musik­ge­schmack des Publi­kums und wirk­ten gezielt ener­vie­rend. Damit ist der Boden für den Genera­tio­nen-Clash berei­tet: Nicht nur häus­li­che Gewohn­hei­ten tren­nen den 18-jähri­gen Marc von seinen Eltern, insbe­son­dere seine (nicht vorhan­de­nen) Pläne für ein Leben nach dem Abitur miss­fal­len dem arri­vier­ten Ehepaar – Marc isst, schläft, geht auf Partys und lässt ansons­ten alles auf sich zukom­men.

Damit ist das erste von drei Model­len im Stück „Wunsch­kin­der“ skiz­ziert: die konser­va­tive Fami­li­en­si­tua­tion mit gut verdie­nen­dem Ernäh­rer, Haus­frau und Sohn, die ein finan­zi­ell sorgen­freies Leben führen. Marcs Freun­din Selma hinge­gen wächst weni­ger behü­tet auf: Ihre allein­er­zie­hende Mutter ist psychisch krank, quält sich in einem schlecht bezahl­ten Job und ist mit der Toch­ter gründ­lich über­for­dert. Dazwi­schen bewegt sich Modell Nummer drei: Die erfolg­rei­che Geschäfts­frau in Gestalt von Marcs Tante hat sowohl im Beruf als auch mit ihren zwei erwach­se­nen Söhnen offen­bar eini­ges rich­tig gemacht, denn ihre Kinder studie­ren und wissen, was sie wollen …

Auch das Autoren-Ehepaar Lutz Hübner und Sarah Nemitz wusste, was es mit dem Thea­ter­stück „Wunsch­kin­der“ will: Eltern mit Kindern im Abna­be­lungs­pro­zess signa­li­sie­ren, dass es keine Bedie­nungs­an­lei­tung für Jugend­li­che in dieser Phase gibt! Frei­mü­tig geste­hen sie (im Programm­heft) ein, zuhause ausrei­chend Anschau­ungs­ma­te­rial in Gestalt einer Toch­ter im passen­den Alter zu haben. Und so entstand aus eige­nen Erfah­run­gen und Beob­ach­tun­gen im Freun­des­kreis ein Thea­ter­stück mit hohem Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fak­tor. Das ist nicht nur an den Stoß­seuf­zern und befrei­en­den Lachern während des Spiels zu hören, sondern auch als O-Ton in der Pause: „Genauso benimmt sich mein Sohn auch!“

Doch die Geschichte nimmt – natür­lich – eine drama­ti­sche Wendung: Selma (über­zeu­gend: Roxana Safa­r­a­badi) wird schwan­ger, und die beiden jungen Menschen stehen plötz­lich vor einer schwie­ri­gen Entschei­dung. Anhand dieser Tatsa­che spit­zen sich die drei unter­schied­li­chen Erzie­hungs­mo­delle anschau­lich zu: In Erman­ge­lung einer sinn­vol­len Aufgabe plant Marcs Mutter (unent­schlos­sen: Saskia Fischer), die Leer­stelle in ihrem Leben durch eine Quasi-Adop­tion des noch unge­bo­re­nen Kindes zu füllen; auf diese Weise würde ihre Funk­tion, dem erwach­se­nen Sohn den Popo nach­zu­tra­gen, bruch­los über­ge­hen in die Rolle der glucken­den Groß­mutter. Selmas Mutter (groß­ar­tig: Antje Otter­son) schwankt zwischen großer Sorge um ihre Toch­ter und einem unsi­che­ren Abstand zu ihr aus Angst, sich zu sehr einzu­mi­schen. Marcs Tante (dezent: Isabella Vértes-Schüt­ter) kämpft als Schwes­ter der über­grif­fi­gen Mutter gleich an zwei Fron­ten: Als Vertraute von Marc (diffe­ren­ziert: Philip Spreen) will sie dem jungen Paar helfen, indem sie von jeder Bevor­mun­dung abrät, trägt indes zeit­gleich den Konflikt mit ihrer Schwes­ter aus, der sie anschau­lich die Abhän­gig­keit vom Gatten klar macht. Dieser (souve­rän: Stef­fen Gräb­ner) hat in der Vater­rolle einen ganz eige­nen Konflikt mit dem in seinen Augen miss­ra­te­nen Sohn, den er als Versa­ger abstem­pelt und mit konkre­ten Erwar­tun­gen erdrückt.

Den groß­ar­ti­gen, mitun­ter poin­tiert witzi­gen Text setzt Regis­seur Hart­mut Uhle­mann mit der bemer­kens­wer­ten Schau­spie­ler-Riege gekonnt in Szene. Das Bühnen­bild von Eva Humburg erlaubt zeit­li­ches und räum­li­ches Verschrän­ken im Gesche­hen, was dem Ablauf zusätz­li­che Span­nung und ein sich stei­gern­des Tempo verleiht.

„Wunsch­kin­der“ beweist einmal mehr, warum Hübner/Nemitz an der Spitze der meist­ge­spiel­ten Autoren Deutsch­lands stehen, zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts nahmen sie im Ranking sogar Platz drei ein – hinter Goethe und Shake­speare.

Auffüh­run­gen bis 21.4. im Ernst Deutsch Thea­ter, Fried­rich-Schüt­ter-Platz 1, Tel. 22 70 14 20

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