Auf Zucker

Fundus Theater

12. September 2019 18:03 Uhr
Auf Zucker

Wo kommt er her, wo geht er hin? Vier Performer sind dem Zucker auf der Spur.

Text: Dagmar Ellen Fischer / Foto: Forschungstheater

„Vor der Vorstellung bitte nichts Süßes essen“, bat das Fundus Theater. Denn erst dort sollte das Publikum „Auf Zucker“ gesetzt werden – durch einen „Selbstversuch in sieben Süßigkeiten“. Die jüngste Uraufführung des dort beheimateten Forschungstheaters fand erwartungsgemäß großen Zuspruch.

Zur Begrüßung wird jeder/m Eintretenden ein kleines grünes Blatt behutsam in die Hand gelegt mit der Bitte, mit dem Verzehr zu warten! Auf ein Zeichen hin schiebt das Publikum (mit Ausnahme einiger Skeptiker) wenig später das Blättchen zeitgleich in den Mund – und staunt hörbar ob der unerwarteten Süße. Die Erklärung liefern dann die ersten Sätzen der Performance: Zucker ist nichts anderes als eine Kombination aus Wasser, Luft und Licht, den jede Pflanze per Fotosynthese herstellt – nur schmeckt nicht jede so süß wie Stevia.

In der jüngsten Eigenproduktion des Fundus Theaters verbinden die vier Darsteller Vor- und Mitmachen und somit Spielen und Lernen in stetigem Wechsel unterhaltsam miteinander. Moritz Frischkorn, Hanno Krieg, Bakary Kulaymata Camara und Sibylle Peters – die Erfinderin des Forschungstheaters – präsentieren in Teamwork eine abwechslungsreiche Balance aus Aktionen mit dem Publikum, kurzen Vorträgen, Filmeinspielungen und Theatermomenten im üblichen Sinn.

Die Befragung von vier Kindern und drei Erwachsenen aus dem Publikum dauert indes etwas zu lang, hier soll der eigene Standpunkt – ganz konkret auf einer Linie im Raum – zu Fragen wie „Macht Zucker dich glücklich?“ oder „Isst du so viele Süßigkeiten, wie du möchtest?“ gefunden werden. Natürlich stellen sich die anwesenden Kinder bereitwillig für weitere Selbstversuche zu Verfügung, wenn es beispielsweise darum geht, einen Zuckerwürfel mit geschlossenen Augen langsam auf der Zunge zergehen zu lassen. Was dabei im Mund und im Körper passiert, beschreibt Sibylle Peters mit „Explosion, Zuckerrausch und Kick“. Während Hanno Krieg erzählt, dass Hamburger Kinder im Durchschnitt täglich 114 Gramm Zucker essen, lässt er die entsprechende Menge auf einen Tisch rieseln – ein beachtlicher Hügel! Auch von 8.000 (!) Geschmacksknospen berichtet er, die jeder Mensch auf der Zunge hat.

Zwei Mädchen melden sich freiwillig fürs nächste Experiment: Falls es ihnen gelingt, drei Minuten vor einem appetitlichen Marshmallow zu sitzen und ihn nicht zu essen, bekommen sie einen zweiten; natürlich schaffen sie es. Unnötig allerdings, dass Marshmallows des Effekts wegen geworfen werden, die dann natürlich niemand mehr essen mag.

Bakary Kulaymata Camara erzählt in Mandinka, einer Sprache aus Westafrika, was er als Kind in seiner Heimat Gambia tat, wenn er Lust auf Süßes hatte: Er erhitzte Zucker in einem Topf und fügte der flüssigen Karamellmasse Erdnüsse hinzu. Und während Sibylle Peters übersetzt, rühren sie gemeinsam in einem Topf, bis sich Zucker und Nüsse zu einem braunen Fladen verbinden. Auch der kann – man hatte zuvor schon etwas vorbereitet – von jedem im Zuschauerraum probiert werden. Camara erzählt auch von Kunta Kinte, der wie er aus Gambia stammt, und dem Schicksal so vieler aus Westafrika verschleppter Menschen: Als Sklaven wurden sie in die Karibik gebracht, um dort auf Zuckerrohr-Plantagen zu arbeiteten, damit die Europäer nicht auf ihren süßen Gaumenkitzel verzichten mussten.

Apropos: Auch Menschen und Tiere können süß sein im Sinne von niedlich. Plötzlich entbrennt ein Wettstreit unter den Akteuren, wer denn am süßesten sei und wie man richtig niedlich werden könne. Verkleidet und mit verstellter Stimme stolzieren die Vier über einen Catwalk. Eine auf die Rückwand projizierte Jury aus drei Kindern unterschiedlichen Alters bewertet die konkurrierenden Süßen mit Punkten zwischen eins und zehn, und das Rennen macht ausgerechnet … aber das muss man selbst gesehen haben!

Das theatrale Forschungslabor entlässt seine großen und kleinen Zuschauer mit frisch zubereiteter Zuckerwatte – und einem Heißhunger auf Salziges!

Weitere Aufführungen: 14.,15.,21.,22.9., 16 Uhr u. 20.9., 18 Uhr, Fundus Theater, Hasselbrookstraße 25

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