Das Blaue vom Himmel …

Fundus Theater

20. Februar 2018 17:08 Uhr
Das Blaue vom Himmel …

An der Grenze kommt man sich näher: Tine Krieg (li.) und Monika Els lassen die Puppen schweben

Text: Sören Ingwersen | Foto: Fundus Theater

Sieben Dinge muss man sammeln, um ein Parkhaus zu bauen, ein Museum zu eröffnen, eine Familie zu gründen. Drei Frauen schieben Figuren und Karten über den Spieltisch. In Ährenfeld gibt es strenge Regeln. Wer sie nicht einhält, wird zur Randfigur, muss an der Grenze Wache zu schieben – wie Pine.

Auf der anderen Seite der Grenze befindet sich Dinglingen. Wenn der Schrank in der Mitte der Bühne seine Flügeltüren öffnet, leuchtet der riesige QR-Code vielfarbig auf und der Computer beginnt zu sirren. In Dinglingen laufen nicht nur die Maschinen auf Hochtouren. Hier denkt man sich ständig neue Dinge aus, um den Wünschen der Menschen mit immer neuen Produkten zuvor zu kommen. Auch in Dinglingen gibt es einen, der nicht dazugehört: Smörg.

Gyde Borth, Sylvia Deinert und Monika Els holen für die Besucher des Fundus Theaters mit handgroßen Puppen und als Erzählerinnen mit kurzen Rollenspieleinlagen „Das Blaue vom Himmel …“. So lautet der Titel der hauseigenen Produktion, die beim Kindertheatertreffen 2018 für reichlich Gedankenfutter sorgte. Zuschauern ab acht Jahren die komplexen wirtschaftlichen Verflechtungen und Machtverhältnisse ganz unterschiedlicher Gesellschaften spielerisch nahezubringen, erweist sich als Herausforderung sowohl für das zehnköpfige Produktionsteam um Sylvia Deinert als auch für das Publikum.

Neben dem Industriestaat Dinglingen und dem Agrarstaat Ährenfeld gibt es auch noch Brodelmoor, das Entwicklungsland in Form eines Mini-Billardtischs, angefüllt mit bunten Bällen. Hier wird ohne Rücksicht auf Verluste um Bodenschätze gezockt – bis manischer Produktionszwang, unfairer Handel, diebische Beutezüge und Probleme der Entsorgung zum Krieg zwischen den drei Ländern führen. Bewusst in die Länge gezogen: die Szene, in der die drei Performerinnen sich – eingehüllt in Nebelschwaden und aggressive Keyboard-Klänge  – freudlos und mechanisch mit Spielzeug bewerfen. Bei einigen jüngeren Zuschauern scheint trotzdem der Eindruck zu entstehen, es handle sich hierbei um ein lustiges Kinderspiel.

In dieses nicht immer leicht verständliche Welterklärungsmodell zwischen „Überblickern“, „Dinge-Denkern“, „Besorgern“, „Fürsorgern“ und „Entsorgern“ fügt sich die Liebesgeschichte von Smörg und Pine. In Dinglingen gründen beide eine Familie und die drei Performerinnen feiern mit großem Trara – die beste Szene des Stücks! – die Geburt von Dejan. Der kleine Kerl mit dem blinkenden Leuchtkopf  – ein zwanghafter „Dinge-Denker“ – wohnt mit seinem Vater irgendwo „unten“, wo die Maschinen niemals stillstehen. Die landfremde Pine hat indes „oben“ ihr windschiefes Häuschen und entfremdet sich auch immer mehr von ihrem Sohn, der vor lauter Produktionseifer keine Zeit mehr für seine Mutter hat. Die geschäftige Unterwelt erinnert an Fritz Langs „Metropolis“, die ausgestoßene Mutter an Euripidesʼ „Medea“. Assoziationsangebote für die begleitenden Eltern. Doch selbst bei denen dürften am Ende Fragen offen bleiben. Was vielleicht besser ist, als wenn alle gleich beantwortet würden.

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