Ein Bodybild

Theater Marabu & Cobratheater.Cobra im Fundus Theater

3. Juli 2014 11:40 Uhr
Ein Bodybild

Performerin Laura Schuller hat sich zum „Bodybild“ gemacht

Text: Sören Ingwersen | Foto: Margaux Weiß

Es soll ja Menschen geben, die morgens mehrere Stunden vor dem Badezimmerspiegel verbringen. Da wird geputzt, gezupft und gepinselt, um das Gesicht in Form und Farbe dem Modemagazin-Ideal anzugleichen, wird der ganze Körper einer haarfeinen Kontrolle unterworfen. Dass es sich hierbei um ein Ritual handelt, das sich leicht an seine archaische Wortbedeutung rückbinden lässt, zeigt die atemberaubende Solo-Performerin Laura Schuller in „Ein Bodybild“.

Die Koproduktion des Theater Marabu aus Bonn mit dem Cobratheater.Cobra aus Hamburg und Hildesheim ist im Rahmen des Festivals „Spurensuche“ zu Gast im Fundus Theater und reißt die Zuschauer mit in einem Strudel aus Worten, Gesten und Musik, in dem die Themen „Körperwahrnehmung“ und „Geschlechtsidentität“ auf dem Prüfstand stehen. Schullers energetische Gebärdensprache, mit der sie ihre kurz und sachlich hervorgebrachten Sätze zu Posen transformiert, ist kühl und präzise. Wie ein Polizist auf einer vielbefahrenen Kreuzung scheint sie den Verkehr ihrer Gedanken auf die Umgehungsstraße ihres Körpers umleiten zu wollen. Regisseur Martin Grünheit steuert dazu die Musik: Elektrobeats, Wagner, Walzer … Er filmt das Publikum, damit auch die Zuschauer ihr eigenes „Bodybild“ sehen können, hinten auf den weißen Wand, wo später Schullers Gesicht erscheint, während sie gekonnt ein YouTube-Makeup-Tutorial parodiert.

Die Nahaufnahme ihrer Nase erstarrt zu einem riesenhaften Bild. Was aber verbirgt sich in der geheimnisvollen Schwärze des Nasenlochs? Die Frau steckt ihren Kopf in ihre eigene, projizierte Körperöffnung und zieht einen Balg heraus, den sie wie ein Neugeborenes wiegt. Das Kind bleibt – wie der eigene Körper – ein Wunschbild. Wie das Schneemädchen aus dem russischen Märchen, das dem kinderlosen Paar als Ersatztochter dient. Am Ende von „Ein Bodybild“ wird jenes Mädchen in einer verbalen Endlosschleife beschworen, während Schuller sich zum Schneewalzer dreht, dass einem allein vom Zuschauen ganz schwindlig wird. Wer sich ganz auf seinen eigenen Körper fokussiert, dreht sich letztlich nur noch um sich selbst.

Der intensive und humorvolle Trip entlang der Bedingungen und Tücken eines medial geformten Körpers und gesellschaftlich definierter Geschlechtsmodelle führt zu der Erkenntnis, dass „Body“ und „Bild“ niemals deckungsgleich sein können. Eine Performance (nicht nur) für jugendliche Zuschauer, die mit eigenwilligen Mitteln unseren Umgang mit Körpern und Körperbildern hinterfragt und darüber hinaus einfach Spaß macht.

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