Unberechenbar, aufbrausend, jähzornig

Ulrich Wildgruber

31. August 2011 19:34 Uhr

Als am Berliner Ku’damm noch das berühmte Kellerlokal „Aschinger“ existierte, wo es „der Welt beste Erbsensuppe mit Einlage“ gab und dieses köstliche goldfarbene Bier, saßen dort an einem ruhigen Herbstabend – es mag zehn Jahre vor dem Millenium gewesen sein – drei Männer beieinander, so um die 55, genossen das gastronomisch Gebotene und riefen sich – zunächst gut gelaunt – Ereignisse aus der Schulzeit in Erinnerung, die sie ehedem bis zum Abitur gemeinsam auf dem Bielefelder Helmholtz-Gymnasium verbracht hatten.

Der erste, Rolf Winkelgrund, vor der „Wende“ Oberspielleiter am Theater Cottbus, nippte an einem kleinen Bierglas und rauchte nicht. (Er hatte, wie er sagte, seinen Herzinfarkt nur knapp überlebt.) Der zweite, Autor dieser Zeilen, ehemals Hausregisseur am Hamburger Ernst Deutsch Theater, inszenierte soeben in Berlin eine Tourneeproduktion und hatte an diesem Abend probenfrei. Er trank Wodka-Bitter-Lemon. Auch er rauchte nicht, hatte es sich vor zwei Jahren erst abgewöhnt. Der dritte, ein berühmter deutscher Schauspieler, sprang plötzlich, bereits leicht angetrunken, auf die Beine und schrie die zwei anderen lautstark an, wetterte ihnen Anklagen über den Tisch entgegen, dergestalt, dass der eine bereits im Zeitalter des Schultheaters mit ihm nie hätte inszenieren wollen. Der andere habe seine schauspielerischen Leistungen bereits damals in der Schülerzeitung bekrittelt. Die zwei derart Angesprochenen bekundeten, ihnen sei nichts dergleichen erinnerlich, aber der dritte im Bunde – ja, es handelte sich um Uli Wildgruber – wollte von seinen Vorwürfen nicht lassen.

So war er, unser Uli, schon in Schultagen unberechenbar, aufbrausend, jähzornig, dann wiederum wundervoll lyrisch, weichherzig, gefühlvoll, zuweilen gar sentimental. Und diese, weit auseinanderklaffende Emotionalschere, die vielen Kriegskindern der 30er und 40er Jahrgänge des vorigen Jahrhunderts eigen ist, weil sie im Jahr 1945 nur zu glauben vermochten, dass kriegerische Ereignisse kurze Zeit nach dem Zusammenbruch Deutschlands erneut auf sie einstürmen würden, ist gewiss einer der Gründe dafür, dass er sich an einem gräulichen Novembertag des Jahres 1999 auf der Insel Sylt das Leben nahm.

Ein anderer bestand, wie er Freunden häufig wortreich erklärte, in der mit den Jahren zunehmenden Textangst. Wildgruber spielte ja, vornehmlich bei Regie-Koryphäen wie Zadek, Stein, Gosch, Minks jahrzehntelang ausschließlich Hauptrollen. Gewaltige Textmassen musste sein Hirn verarbeiten, eine Fähigkeit, die nach seiner Selbstanalyse langsam, aber stetig nachließ.

Eine dritte Komponente war seine private Partnerschaft mit der jungen Martina Gedeck.

„Ich kann es ihr doch nicht zumuten“, brach es an jenem Abend in Berlin aus ihm heraus, „mich eines Tages als Rollstuhlpatienten zu pflegen!“ Martina, die erst nach seinem Tod verdiente darstellerische Weltprominenz erzielte, hätte das aufgrund der ihr eigenen tiefen Menschlichkeit gewiss anders gesehen. Ob sie jemals darüber gesprochen haben, bleibt ihr hoch geachtetes Geheimnis. Er war ein ungemein vielseitiger Darsteller, der dennoch in allen seinen Figuren Wildgruber blieb, ob er Shakespeare, Beckett, Sophokles, Brecht oder Wedekind spielte, ob er allabendlich total erschöpft und durstig auf der Bühne stand oder vor der Kamera. Er fuhr an jenem grauen Novembertag auf die Insel Sylt, angeblich, um sich einige Tage zu erholen, legte sich an den Strand und ließ sich von der Flut überrollen.

Man fand ihn, wie er stets gelebt hatte, als Schauspieler, bereits ertrunken, aber mit hochgerecktem Arm, als wolle er signalisieren: „Ihr müsst nicht lange nach mir suchen, um meinen Körper zu bestatten. Hier bin ich!“ Ein herrlicher, wertvoller Barockmensch … im Leben wie im Tode!

Hans-Peter Kurr

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