Ich möchte überrascht werden

Interview mit Birte Schnöink

30. November 2015 0:46 Uhr
Birte Schnöink

Steht zurzeit als Elisabeth in Horváths „Kasimir und Karoline“ auf der Bühne: Birte Schnöink

Text: Dagmar Ellen Fischer / Foto: Thalia Theater

Birte Schnöink hat mit 31 Jahren schon einiges erreicht, aber Pläne machen, das liegt ihr nicht. Seit sechs Jahren gehört die Schauspielerin zum Ensemble des Hamburger Thalia Theaters — ihren Vertrag verlängert sie indes jeweils nur um ein Jahr. Der Freiheit wegen.

Hatte die junge Birte einen Traum, was sie werden wollte?
Als Kind hatte ich keinen Berufswunsch. Ich dachte, die Schulzeit hört nie auf; die war so präsent, als gäbe es kein Danach. Aber es gab Momente, in denen ich erkannte, dass Schauspielerei ein Beruf ist. Und seither habe ich davon geträumt.

War das ein Moment im Theater?
Nein, ein Moment vor dem Fernseher. Ich habe gemerkt, dass nicht alles real ist, was ich dort sehe, sondern nur gespielt und daher nicht echt. Aber Klick gemacht hat es erst viel später, in der Theater AG meiner Schule.

Nicht beim Zuschauen, sondern beim Selbermachen?
Ja, als ich merkte, dass die Bühne ein Ort ist, wo es keine Grenzen gibt und Hemmungen nicht nötig sind, wo alles geht und wo man von einer Vorsicht befreit ist, die man vielleicht im realen Leben hat.

Irgendwann war die Schule dann aber doch zu Ende…
Nach dem Abitur habe ich den Entschluss gefasst, Schauspiel zu machen. Als es mit dem Vorsprechen nicht gleich klappte, begann ich, Germanistik zu studieren – und merkte, dass ich das auf keinen Fall will! Noch im selben Jahr wurde ich an der Ernst Busch Schule angenommen.

Hatten Sie während der Ausbildung eine Idee, wie der Beruf sein würde?
Ein konkretes Bild hatte ich nicht, nur den Wunsch zu spielen. Auf der Schule wird man auf ein Engagement am Theater vorbereitet, weniger darauf, später selbständig und frei zu arbeiten. Lustigerweise hatte ich, wenn ich an ein Theater dachte, immer das Thalia im Kopf, ohne dass ich je zuvor etwas hier gesehen hätte. Als Luk Perceval dann mit unserer Klasse im zweiten Ausbildungsjahr arbeitete, wurde relativ schnell klar, dass ich nach Hamburg gehe.

Nun gehören Sie seit sechs Jahren zum Ensemble des Thalia Theaters.
Eigentlich könnte es nicht schöner sein: gute Stadt, sehr nette Kollegen, tolle Atmosphäre. Aber das geht ja nicht ewig so weiter. Und wenn es irgendwann aufhört, will ich offen sein für das, was kommt. Ich wünsche mir für später, dass ich keine Angst davor haben werde, frei zu arbeiten. Ich mag Abwechslung, neue Begegnungen.

Wie wichtig ist Anerkennung für das Weitermachen?
Für mich ist Anerkennung nichts, was von außen kommt, sondern etwas, das direkt in der Arbeit passiert. Das Wichtigste ist mir, dass meine Kollegen mich schätzen, und dass das Thalia mich schätzt. Die direkte Reaktion des Publikums, das ist die ehrlichste Anerkennung. Gar nicht der Applaus, sondern die Verbindung im Raum miteinander während des Spielens, das heißt, ein Gefühl von sich spüren und gleichzeitig sich vergessen. Für diese Momente auf der Bühne mache ich es. Aber auch für die Momente auf der Probe, wenn man sich in Themen reinfrisst und über eine Figur fantasiert, mit der nach Hause geht, von ihr träumt. Das ist aufregend, weil man nicht weiß, was daraus wird.

… wie eine Figur letztlich zu Ihnen kommt oder Sie zu ihr?
Vielleicht ist es eher so, dass die Figur einen nicht loslässt, als dass sie zu einem kommt. Bei meiner ersten Rolle zum Beispiel, das war „Verbrechen und Strafe“ in der Regie von Andrea Breth, ging ich zum Text lernen in den Park spazieren – und da hatte ich oft das Gefühl, die von mir gespielte Figur Sonja ziemlich klar zu sehen. In den Proben gibt es dann plötzlich Momente, in denen man überein kommt.

Könnten Sie sich vorstellen, etwas anderes zu machen, zu inszenieren vielleicht oder …?
Das kann ich mir schon vorstellen, auch über einen Film denke ich nach. Aber der Zeitpunkt ist noch nicht da. Bisher halte ich nur Gedanken fragmentarisch fest. Zurzeit beschäftige ich mich sehr mit Fotografie, weil ich gern beobachte.

Was bedeutet Ihnen der Boy-Gobert-Preis, den Sie 2014 erhielten?
Er macht Mut, gibt Zuversicht. Manchmal denke ich: Ich bin jetzt 31, aber es fühlt sich mitunter an wie 16. Mit solch einer Auszeichnung fühle ich mich auch wie 31, in einem guten Sinn.

Als Julia werden Sie ja auch überzeugend 14 …
Man wird jung mit den Figuren. Ich bin gespannt, wenn Figuren kommen, die älter oder reifer sind, ob das dann auch überzeugend ist. Im Moment probe ich für „Glaube Liebe Hoffnung“ die Figur der Elisabeth, die zwar auch noch relativ jung, aber reifer ist.

Was sollte die Zukunft bringen?
Ich mache mir keine konkrete Vorstellung von der Zukunft, ich möchte überrascht werden. Aber ich würde gern große Reisen machen, nach Kanada am liebsten, jedenfalls richtig weit weg!

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