Next Day

Kampnagel

21. Mai 2016 15:25 Uhr
Next Day

Superhelden räumen die Welt auf – in „Next Day“ schaffen sie aber auch Unordnung

Text & Foto: Adrian Anton

Kindern sieht man ja immer irgendwie gerne zu – außer, wenn sie gerade Pilze zertreten, Fliegen die Flügel ausreißen oder ihre Popel essen. Aber wenn sie ganz harmonisch miteinander spielen oder noch besser: gemeinsam musizieren, kann ja eigentlich nicht viel schief gehen. Von daher ist der französische Regisseur Philippe Quesne kein großes Risiko eingegangen, als er im Auftrag des belgischen Theaters Campo mit „Next Day“ ein Stück „von Kindern für Erwachsene“ auf die Bühne gebracht hat. Oder doch?

Vor ihm haben sich bereits andere daran versucht, beispielsweise das Performance-Kollektiv Gob Squad, deren sehr erfolgreiches und berührendes Stück „Before Your Very Eyes“ 2012 bereits zum Theatertreffen eingeladen wurde. Auch „Next Day“ tourt inzwischen seit gut zwei Jahren durch die Welt, denn die Premiere war bereits im Mai 2014 beim Festival „Theater der Welt“ in Mannheim. Anders als Gob Squad lässt Quesne die jungen Akteure, die mittlerweile zwischen zehn und dreizehn Jahre alt sind, nicht ihre möglichen Zukunftsaussichten durchspielen, sondern ein Camp für Superhelden durchlaufen. Hier lernen die zukünftigen Superhelden alles, was sie für ihre Zukunft so brauchen: Werbefilme für sinnlose Produkte drehen, Flugzeugabstürze verhindern, Angriffe von Aliens abwehren.

Als Training wird das Publikum von den mit Pappmasken als Superhelden maskierten Kindern mit Schaumstoffwürfeln beworfen. Dazwischen oder parallel zum Geschehen wird Musik gemacht, ein kurzes Mittagsschläfchen gehalten oder Pfannkuchen frisch gebacken und verzehrt oder mit dem Publikum geteilt. Das ist alles sehr nett und unterhaltsam, aber „Next Day“ fehlt die Vielschichtigkeit und Reflexion. Zwar schimmern immer wieder melancholische Momente durch, vor allem durch die stimmungsvollen Musik- und Gesangselemente, aber ansonsten hat Philippe Quesne nicht viel gewagt.

Der Regisseur ist zwar für seine unaufgeregten und dezenten Anspielungen bekannt, wie sie bei vorherigen Inszenierungen wie „Swamp Club“, wo eine alternative Kommune scheitert, auch wunderbar zur Geltung kommen. Bei „Next Day“ bleiben Anspielungen auf düstere Zukunftsaussichten wie Nanotechnologie-Unfälle, sozialen Zerfall oder Atomkriege aber so leise, dass sie von den netten Klängen der erstaunlich gut musizierenden Kinder übertönt werden. Aber vielleicht ging es Quesne ja auch darum zu zeigen, wie unglaublich brav, überdurchschnittlich gut ausgebildet und auf Gefallen zugerichtet Kinder in der heutigen Leistungsgesellschaft sein müssen?

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